Für die meisten Zuhörer in Hamburg sind die Säle in Wien, Amsterdam und Boston, mögen sie auch in der Tat akustisch die besten der Welt sein, keine Vergleichsgröße. Denn sie waren noch nie da. Das einzige echte Verdienst der Elbphilharmonie ist ja: in den ersten Jahren überdurchschnittlich viele Besucher zum ersten Konzertbesuch seit Jahrzehnten, wenn nicht gar ihres Lebens animiert zu haben. Der überwiegende Großteil der Zuhörer kommt – das ist alles, was man über die Zuhörerschaft weiß – aus Hamburg und der umliegenden Metropolregion, hier stellt sich der Vergleich nicht mit Wien und Amsterdam (zwei Bauten übrigens, die lange vor der Erfindung von Akustikbüros kreiert wurden und aus einer Mischung aus baulich-statischer Notwendigkeit und Zufall so aussehen und also auch klingen, wie sie es tun), sondern mit der Laeiszhalle – ein Schuhschachtelsaal – und einigen Kirchen. Eine zweite Laeiszhalle zu bauen wäre ähnlich klug wie ein zweiter Eiffelturm in Paris. Stattdessen hat Hamburg: einen spektakulären Kontrast. Der Saal ist anders als alles, was es bisher gibt, und vielleicht ein bisschen heikler? Das kann man seinen Erbauern vorwerfen. Man kann sich aber auch freuen über die neuen Interpretationen, die das notwendigerweise erfordert. Und der Rest, bitteschön, den darf man getrost den Künstlern überlassen, wofür bitteschön hat man Eintritt bezahlt?

Die Frage, wie gut die Elbphilharmonie denn nun klinge, ist falsch gestellt. Das Haus klingt gar nicht, was klingt, sind die Musiker, und nach zwei Jahren Hochbetrieb lässt sich eine Tendenz ganz klar feststellen: Wer gut klingt, klingt hier besonders gut. Und alle anderen hört man auch.

Mag sein, dass es im Großen Saal schwerer ist als anderswo, Konzerte von der Stange abzuliefern, es ist ein Saal, auf den man sich einlassen muss. Vielleicht ist das ein Punkt, an dem Nachbesserung möglich wäre: Ensembles, die erstmals zu Gast sind, im eng getakteten Belegplan mehr Probezeit zu gewähren. Von Thomas Hengelbrock stammt der Satz, die Platzierung von Sängern bei vokal-symphonischer Musik sei "schwierig", gemeint ist damit: Sie ist, anders als in anderen Sälen, nicht egal. Wie man die Problematik virtuos lösen kann, zeigen nicht zuletzt die Abende mit Teodor Currentzis, der bis zuletzt feilt und umstellt und damit zwar die Abendtechniker an den Rand der Verzweiflung treibt, dann aber exzellent ausbalancierte Klangkunstwerke schafft, die man dann auch wirklich von allen Plätzen hört. Es mag hier nicht so leicht und der Erfolg nicht so gewiss sein wie anderswo, na gut. Aber der Vergleich spielt keine Rolle. Entscheidend ist das Hier und Jetzt.

Und nicht zu vergessen: Anders als für die Wortführer der Debatte ist ein Konzertbesuch für die meisten Besucher ein spektakulärer Ausnahmefall. Ein Anlass, der sich – mal mehr, mal weniger – zu genießen lohnt. Und dieser Genuss ist störanfällig. Denn Musik, auch das ist eine der komplexen Wahrheiten, findet letztlich im Kopf statt. Das Zusammenspiel verschiedener Schallquellen, die Schwingungen in den Raum und letztlich ins Gehör schicken, umgeleitet von gezielt platzierten Reflexionsflächen – all das endet als Nervenreiz in der Großhirnrinde, wo sich in Sekundenbruchteilen entscheidet, ob Anlass zur Ausschüttung von Glückshormonen besteht oder nicht. Und wenn – das zeigen musikpsychologische Studien eindeutig – man sich vornimmt, das Gehörte nicht gut zu finden, dann wird man es auch nicht gut finden.

Aber kurzerhand zu erklären, ein Konzertbesuch lohne sich sowieso nicht (und das ist es ja, was hängen bleibt), und wenn jemand jemals ein Konzert in der Elbphilharmonie genossen habe, dann habe er sich getäuscht, weil dieser Raum Musik im Grunde verunmöglicht: Das klingt dann doch auch ein wenig traurig.

Ein Konzerthaus, in dem man nichts hört – das ist in der Tat eine schöne Geschichte. Man wird sich, um sie zu erzählen, aber ein anderes Konzerthaus suchen müssen.

Dies ist ein Artikel aus dem Hamburg-Ressort der ZEIT. Hier finden Sie weitere News aus und über Hamburg.