Annika Lasarzik © Melina Mörsdorf

Liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt Tage, da wird unser Postfach derart von Mails überflutet, dass wir mit dem Lesen kaum hinterherkommen. Gestern und vorgestern waren solche Tage. Der Streit um größer werdende Schulen bewegt Sie sehr. Ich fasse zusammen: Viele Leser und Leserinnen plädieren für kleinere Schulen mit höchstens drei bis vier Klassenzügen, und Klassen, in denen nicht mehr als 30 Kinder sitzen. Aus Ihren Mails lässt sich aber auch ablesen, dass es in dem Streit keine einfachen Lösungen gibt. Ein Leser schrieb etwa, dass nicht fehlender Platz das eigentliche Problem der Schulen sei, sondern ein Mangel an Pädagogen und Heilerziehern, gerade mit Blick auf die angestrebte Inklusion. Eine Leserin erinnerte daran, dass "vor Jahren in Hamburg viele Schulen geschlossen wurden, da die Schülerzahlen zurückgingen. Ein Fehler!" Andere zeigen Verständnis: "Was soll Hamburg denn machen? Es wird viel Wohnraum benötigt und immer mehr Kinder geboren. Es ist sinniger, Schulen klug zu vergrößern, als teure neue zu bauen", hieß es da. Eine Mutter, deren Sohn die Max-Brauer-Schule in Altona besucht, sorgt etwas anderes: "Wir bekommen so schon kaum einen Parkplatz, das Abholen zu Stoßzeiten ist eine echte Katastrophe." Und es gab jene Mails, aus denen Verbitterung sprach: "Es gab mal eine Zeit, da war Bildung hoch angesehen und die Schulen waren Schmuckstücke in der Stadt. Heute werden sie versteckt wie in der Hafencity, die Schulhöfe auf das Dach gepresst oder mit quadratischer Architektur nachverdichtet." 

Wir bleiben am Thema dran! Noch ist unser Postfach nicht vollgelaufen, schreiben Sie an hamburg@zeit.de. Ab morgen könnte Ihnen dann allerdings meine Kollegin Sigrid Neudecker antworten. Denn ich verabschiede mich fürs Erste, bis bald!

Ihre Annika Lasarzik

AKTUELLES

Marcus Weinberg soll CDU-Bürgermeisterkandidat werden

© Maja Hitij

Die CDU macht sich für die Bürgerschaftswahl im Februar 2020 bereit: Marcus Weinberg, Mitglied im Landesvorstand und seit 14 Jahren im Bundestag, soll bereit sein, Bürgermeister Peter Tschentscher von der SPD herauszufordern. Das berichten mehrere Medien, offiziell bestätigt hat die CDU die Personalie bis gestern Abend nicht. Da Fraktionschef André Trepoll und der Landesvorsitzende Roland Heintze ebenfalls eine Kandidatur in Betracht ziehen oder jedenfalls nicht komplett ausschließen, haben die Konservativen nun wieder eine gewisse Auswahl. Wenigstens sieht es nicht mehr danach aus, dass sich angesichts schlechter Umfragewerte kein namhafter Politiker für die verlorene Sache einer Bürgermeister-Kandidatur hergeben will. Weinberg ist unter den Hamburger Konservativen wahrscheinlich derjenige mit dem größten Gewicht in der eigenen Partei – immerhin ist er auch noch familienpolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag. Während Trepoll und Heintze für einen schroffen Oppositionskurs stehen, den man wohl am besten als anti-grün beschreiben kann, ist Weinberg der bekannteste Vertreter des liberalen Flügels. Er sitzt der traditionell schwarz-grün orientierten Altonaer CDU vor und zählte zu den Architekten der schwarz-grünen Koalition unter Ole von Beust. Als Kandidat wäre er eine plausible Wahl – wenn er denn wirklich will.

Frank Drieschner

Mutzel wird HSV-Sportdirektor – das wirft Fragen auf

Der HSV hat bald einen neuen Angestellten: keinen Spieler, sondern einen Funktionär. Michael Mutzel wird zum 1. April Sportdirektor. Das verwundert aus zwei Gründen. Erstens weil der Verein hoch verschuldet ist und sich eigentlich keine weiteren teuren Mitarbeiter leisten kann. Er zahlt noch das Gehalt für mehrere Trainer und Vorstandsmitglieder, die rausgeschmissen wurden. Dass nun ein weiterer Posten in der Vereinsführung geschaffen wurde, könnte darauf hindeuten, dass bald noch ein Funktionär zum Ex-Funktionär wird. Zweitens: Kaderplaner Johannes Spors (den die ZEIT im vergangenen Sommer porträtierte) wird in der Vereinshierarchie degradiert. Er hat nicht mehr nur Sportvorstand Ralf Becker als Vorgesetzten, sondern bekommt mit Mutzel einen Chef, der sich ebenfalls um den Kader kümmern wird. Spors soll für den Wandel beim HSV stehen: langfristig denken, die Mannschaft in Ruhe aufbauen, junge Talente und günstige Spieler mit Potenzial nach Hamburg locken. Sieht ganz danach aus, als würde es der HSV mal wieder nicht schaffen, den lang gehegten Wunsch nach Kontinuität zu erfüllen.

Kilian Trotier

Immer mehr Hamburger treten aus der Kirche aus

In Hamburg haben die evangelische und katholische Kirche 2018 zusammen 13.525 Mitglieder verloren, womit die Zahl der Austritte insgesamt im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent gestiegen ist. Ein Trend, der sich auch bundesweit beobachten lässt. In den zehn größten deutschen Städten gab es 2018 im Schnitt 17 Prozent mehr Austritte aus beiden Kirchen. Das ergaben Recherchen der ZEIT-Beilage "Christ und Welt". Doch wer geht eigentlich – und warum? Auch diesen Fragen sind die Kollegen nachgegangen. Was sie herausgefunden haben, lesen Sie hier.

In einem Satz

Erste Arbeiten zur Elbvertiefung gestartet: Auf der Billwerder Insel entsteht eine Ausgleichsfläche für den bedrohten Schierlingswasserfenchel +++ Hamburg hat 2018 rund eine Milliarde Euro mehr an Steuern eingenommen als im Vorjahr +++ Der Ozeanograph Detlef Stammer vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg ist neuer Leiter des Weltklimaforschungsprogramms +++ Die südkoreanische Komponistin Unsuk Chin hat den mit 10.000 Euro dotierten Bach-Preis erhalten +++ "Der Goldene Handschuh" hat Hamburg-Premiere in der Astor-Film-Lounge in der HafenCity gefeiert

Was heute auf der Agenda steht

Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar stellt Tätigkeitsbericht vor +++ Wie die im vergangenen Jahr ausgearbeiteten Vorschläge einer Mathematik-Expertenkommission an Schulen umgesetzt werden können, wird heute bei einer Fachtagung diskutiert

WAS SIE INTERESSIEREN KÖNNTE

Alltagsreporter: Der Kioskbesitzer

Was immer schlimmer wird: die Klauerei! Und dabei stellen sich die Leute immer dreister und blöder an. Fast jeden Abend gibt’s einen Typen, der Bier unter seiner Jacke versteckt. Jugendliche lassen oft Kaugummi und Schokolade in die Hosentasche gleiten, während sie an der Kasse bezahlen. Direkt vor meiner Nase! Kondome fehlen auch oft – vielleicht ist es manchen peinlich, die zu kaufen. Mittlerweile sehe ich jedem an der Nase an, ob er klaut oder nicht. Das Problem ist nur, dass ich meist allein im Laden steh und die Augen auch nicht überall haben kann. Nun habe ich eine Überwachungskamera installiert, die ist gut sichtbar und schreckt hoffentlich ab.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

Die Innenstadt wird autofrei – ein bisschen

© Wolfram Gothe

So wie auf dem Foto oben könnte es bald im Rathausquartier aussehen. Denn dort plant die Stadt ein Experiment: Mindestens drei Monate lang sollen Autos und Lkw im Sommer draußen bleiben. Acht Straßen sollen tagsüber gesperrt werden. Es ist ein Versuch, der die Stadt verändern könnte. Wo genau gesperrt wird und was bewegliche Blumenkübel und Bogotá mit der geplanten Ruhe im Rathausquartier zu tun haben, haben Marc Widmann und Christoph Twickel recherchiert. Alles rund um das Experiment lesen Sie hier.

Was wurde eigentlich aus ...

© Jan Dube

… den Holzhäusern der ehemaligen Notunterkunft im Jenfelder Moorpark?

Die Ebay-Annonce sorgte für Furore. 50 Holzhäuser, in denen zuvor Geflüchtete untergebracht waren, wurden im Sommer vom Zentralen Koordinierungsstab Flüchtlinge (ZKF) zum Verkauf angeboten – ab 1000 Euro das Stück. Ein Schnäppchen, hatte die Stadt doch rund drei Jahre zuvor noch 25.000 Euro pro Haus bezahlt. Die Nachfrage war riesig. Was ist seither geschehen? "Der Großteil der Häuser ist verkauft und abgeholt", sagt Daniel Posselt vom ZKF, alle anderen sind reserviert. Vier der Häuser stehen inzwischen am Energieberg in Georgswerder und haben dort zwei alte Fertiggaragen und Lager-Container ersetzt. Eines wird von der Stadtreinigung genutzt. Auch mehrere Schulen und Kitas haben Holzhäuser als Erweiterung ihrer Räumlichkeiten übernommen, bei Sportanlagen dienen sie als Lagerstätten oder Umkleiden. Die Jugendbauhütte Hamburg hat zwei Häuser gekauft. Noch liegen diese dort auseinandergebaut und gestapelt hinter dem Hufnerhaus. Künftig sollen sie Platz zum Lagern schaffen, möglicherweise sogar vorübergehendes Wohnen möglich machen. Bis Ende März, so Posselt, sollen auch die restlichen Häuser den Besitzer gewechselt haben, und der Park soll wieder das werden, was er einmal war – ein Naturerholungsgebiet.

Tina Pokern

Wie kann Hamburg besser werden, Frau Brinkmann?

© Stefan Schirmer

"Mich stört, dass viele den öffentlichen Raum nur als Platz für ihren Fuhrpark an Autos und Fahrrädern sehen. Dabei könnten wir Anwohner dort kleine grüne Oasen schaffen: mit Urban Gardening auf Randflächen. Man könnte da auch Bänke aufstellen, das brächte Nachbarn – und Bienen – zusammen, und alle hätten mehr Lebensqualität. Ich selber habe einen Streifen hinter unserem Haus mit Blumen, Kräutern und Gemüse bepflanzt und weiß, dass andere das auch gern machen würden. Es braucht nur etwas Starthilfe von der Stadt, die Flächen ausweist und Erde bereitstellt. Den Rest machen wir." 

Charlotte Brinkmann, 56, Kulturwissenschaftlerin, war am 19. Februar in Eimsbüttel im Lokal Grindelberger. Gemeinsam mit der Körber-Stiftung veranstalten wir in den kommenden Wochen mehr als 30 Kneipengespräche, außerdem sammeln wir auf der Internetseite hamburg-besser-machen.de Ihre Ideen. Sagen Sie uns, was nicht so gut läuft in Hamburg und was man ändern könnte.

WAS SIE HEUTE ERLEBEN KÖNNEN

Mittagstisch

Gönnung pur

Ab und zu muss man sich mal etwas gönnen – auch in der Mittagspause. Zum Beispiel einen Besuch im "Grillhaus" Rach und Ritchy. So wenig einladend dessen Lage im Bahrenfelder Gewerbegebiet neben dem vierspurigen Bornkampsweg, so hochwertig die Küche. Das ehemalige Friedhofshäuschen hieß einst Tafelhaus, hier erkochte sich der inzwischen deutschlandweit bekannte Christian Rach einst seinen ersten Michelinstern. Aber nicht Rach, sondern sein Partner Ritchy Mayer leitet die Küche. Neben Nordseekrabben auf Schwarzbrot, gebratenem Forellenfilet und Königsberger Klopsen gibt es gegrillte Lammfilets und den "Roast of the day" vom Grill. Letzterer besteht am Testtag aus Tafelspitz-Steaks auf geröstetem Blumenkohl. Im Preis (zwischen 15,50 und 19,50 Euro) inbegriffen sind vorweg ein Salat oder eine Suppe sowie köstliches selbst gemachtes Brot mit Salz und Olivenöl. Viel könnte man noch über die Qualität und Zubereitung der Speisen im Einzelnen schreiben. Aber kurz gesagt bietet das Rach und Ritchy Küche auf sehr hohem Niveau, die jeden Cent wert ist.

Rach und Ritchy; Bahrenfeld, Holstenkamp 71, Mittagstisch Di–Fr 12–14 Uhr

Thomas Worthmann

Was geht

Alt, neu, Kunst: Drei befreundete Galerien, acht Künstler, ein roter Faden – "Old into New". Bei der Ausstellung treffen klassische Motive auf neue Interpretationen, bekannte Themen auf ungewöhnliche Sichtweisen. Galeriekooperation aus Kiel und Leipzig.

Barlach Halle K, Klosterwall 13, Eröffnung heute, 18–22 Uhr; Fr, 12–22 Uhr; Sa, 12–20 Uhr; So, 12–17 Uhr

Musils Lesung: Kann ein Mann zugleich Ingenieur, Experimentalpsychologe und Hauptmann im Ersten Weltkrieg sein? Robert Musil setzte gar noch eins drauf: 1906 machte ihn sein erster Roman "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" schlagartig berühmt. Mit dem unvollendet gebliebenen Werk "Der Mann ohne Eigenschaften" wurde er zu einem der wichtigsten Autoren deutscher Sprache des 20. Jahrhunderts. Lesung mit Helga Mietz: "Robert Musil – ein Mann mit Eigenschaften".

Kulturcafé Komm du, Buxtehuder Straße 13, 20–22 Uhr, Eintritt frei

Fragestunde: Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. Um die sind Dr. Renz, König Boris und Björn Beton allerdings nie verlegen. Was kann man gegen nervige Eltern tun? Warum rasieren sich Frauen die Augenbrauen und malen sie dann nach? Geballtes Besserwissen in der Signierstunde: "Was Wollen Wissen – Ratschläge aus der Wortspielhölle" mit Fettes Brot.

Thalia, Spitalerstraße 8, Sa, 16.30–17.30 Uhr, Eintritt frei

Tipps für Kids

Mini: Manchmal ist einzuschlafen echt schwierig. Wie machen das die Tiere? Ein Storch steht auf einem Bein, ein Leopard streckt sich auf einem Ast aus – ohne herunterzufallen. "Mama, ich kann nicht schlafen", Bilderbuchkino für Kids ab vier Jahren.

Bücherhalle Bramfeld, Herthastraße 18, morgen, 16 Uhr, Eintritt frei

Medi: Die meisten Menschen wünschen sich Glück, Geld, Gesundheit. Ob Götter dabei helfen? Die Figuren der drei bärtigen Männer etwa erzählen über Glückssuche im alten China. Welche Glücksbringer kennt ihr noch? Kreativer Ausstellungsbesuch für Kids ab acht Jahren: "Glück, Reichtum und ein langes Leben – noch was?"

Markk, Rothenbaumchaussee 64, Sa, 15–16 Uhr, 4 Euro

MediMaxi: Beim "Hamburger Singewettstreit" ringen Kids aus Jugend- und Pfadfinderorganisationen um den besten Klang. In insgesamt fünf Kategorien treten sie gegeneinander an – der gute Ton sei mit ihnen.

Laeiszhalle, Großer Saal, Johannes-Brahms-Platz, Sa, 17 Uhr, 9 Euro

Hamburger Schnack

Ich versuche, auf der sehr belebten Lohbrügger Landstraße in einer, wie ich finde, sehr kleinen Parklücke rückwärts einzuparken. Es klappt natürlich nicht gleich, ich fahre vor und wieder zurück, es wird langsam peinlich – zumal ein Mann mit breitem Grinsen im Gesicht zuguckt. Endlich ist es geschafft, ich steige aus. Da ruft der Mann: "Super geparkt, junge Frau. Und bis zum Kantstein gehst du einfach zu Fuß."

Gehört von Evelyn Holst

Meine Stadt

Auf zur Insel mit zwei Bergen © Claudia Ku\u0308hlke

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

"Experiment am Rathaus": Die Vision für eine autofreie Innenstadt

"Die sind dann mal weg": Warum treten immer mehr Menschen aus der Kirche aus?