Die beiden Großen gehen mit Freunden zur Schule, den Kleinen, sechs Jahre alt und in der Vorschule, bringt sie zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Nur 400 Meter sind es bis dorthin. Der Weg führt durch ein wohlhabendes Stadtviertel im Norden Hamburgs. Vor der Schule spielen sich jeden Morgen tumultartige Szenen ab. Das Problem sind die Elterntaxis, Mütter und Väter, die ihre Kinder bis vors Schultor fahren. Um den Schulweg sicherer zu machen, engagiert sich die Mutter, die anonym bleiben möchte, in der Verkehrs-AG.

"Jeden Morgen das gleiche Bild: Eltern, die ihre Kinder bis vors Schultor fahren. Dann wenden sie ihre großen Autos auf den kleinen Straßen, fahren Ausweichmanöver über den Gehweg und dazwischen kommen andere Kinder zu Fuß oder auf Fahrrädern zum Unterricht. Das ist irrsinnig und gefährlich! Die Kinder können nicht einschätzen, ob ein Auto jetzt vorwärts oder rückwärts fahren will.

Unsere Schule liegt in einem Innenhof mit drei Zufahrtswegen, zwei davon Sackgassen. Es ist völlig unnötig, die Kinder bis ans Tor zu fahren. An jedem der drei Wege gibt es eine Kiss-and-go-Zone. Da können die Eltern kurz anhalten, um ihr Kind rauszulassen. Von da sind es noch 80 Meter bis zum Schulhof, ohne weitere Kreuzung. Das schafft jeder Grundschüler allein! Für die Eltern ist es auch stressfreier. Sie sind sogar schneller, weil sie sich das mühsame Hin und Her auf dem Wendehammer ersparen. Trotzdem gibt es Eltern, die weiter bis ans Schultor fahren. Das sind die Unbelehrbaren! Die machen vielleicht so zehn bis 15 Prozent aus. 

Ich engagiere mich zusammen mit zwei anderen Müttern in der Verkehrs-AG. Wir wollen den Schulweg für die Kinder sicherer machen. Wenn wir bei Aktionstagen die Eltern in den Autos auf ihr Verhalten ansprechen, hören wir immer die gleichen Ausreden, zum Beispiel: 'Mein Kind hat heute Geburtstag und einen Kuchen dabei.' Oder: 'Das mache ja nur ich, das geht schon mal.' Oft sind es Mütter auf dem Weg zur Arbeit. Ich verstehe das ja: Gerade morgens zählt jede Minute. Väter sagen übrigens auch gerne gar nichts und fahren einem demonstrativ fast über die Füße.  

Besonders extrem ist die Situation jetzt im Winter oder wenn es regnet. Und am letzten Tag vor den Ferien, wenn viele ihre Kinder mit dem Auto abholen und direkt in den Urlaub fahren. Am meisten zu tun gibt es für uns aber immer zu Schuljahresbeginn. Dann kommen neue Kinder mit neuen Eltern an die Schule. Wir erklären die Problematik bei den Elternabenden und sind in den ersten Wochen mit mehr Aktionen als sonst präsent. Die Polizei und die Schulleitung unterstützen uns dabei.

Mit unseren Problemen sind wir nicht allein. Elterntaxis kennen eigentlich alle Schulen. In der Innenstadt ist es meistens noch schlimmer als hier im Wohnviertel. Bei uns ist es insgesamt auch schon viel besser geworden, seit es die Verkehrs-AG gibt. Eine Mutter hat sie vor fünf Jahren gegründet, nachdem ihr Sohn auf dem Schulweg an einem Zebrastreifen angefahren wurde.

Eine erste Maßnahme damals waren die Kiss-and-go-Zonen. Die haben auf jeden Fall schon viel gebracht. Trotzdem muss man an dem Thema immer dranbleiben. Wenn der Schulleiter einen Elternbrief dazu verschickt oder wir die Mütter und Väter vor der Schule ansprechen, stellt sich immer ein kurzfristiger Effekt ein. Aber nach ein paar Wochen fahren dann eben wieder mehr Leute mit dem Auto vor.

Zu Schuljahresbeginn bieten wir außerdem an, Laufbusse zu organisieren. Dabei begleiten Eltern abwechselnd Kinder, die in der Nachbarschaft wohnen. Aber da muss natürlich einiges passen, damit das klappt: Der gleiche Weg, zuverlässige Absprachen, und die Chemie zwischen den Erwachsenen sollte stimmen. Deshalb kommt das nicht immer zustande.

Eigentlich sollte ein Erstklässler spätestens nach den Herbstferien seinen Schulweg allein schaffen, zumindest wenn die Schule nicht allzu weit von zu Hause entfernt ist. Das fördert auch die Selbstständigkeit der Kinder. Sie sind aktiv und bewegen sich draußen an der frischen Luft. Am Anfang kann Mama oder Papa ja ruhig noch mitgehen, so lange, bis der Weg selbstverständlich geworden ist. Hauptsache, die Kinder werden nicht mit dem Auto bis vors Schultor gefahren."

Dies ist ein Artikel aus dem Hamburg-Ressort der ZEIT. Hier finden Sie weitere News aus und über Hamburg.