Es klingt wie ein Albtraum für werdende Mütter: In einem Hamburger Krankenhaus wurden mehrere schwangere Frauen weggeschickt, weil der Kreißsaal wegen Personalengpässen tagelang geschlossen bleiben musste. Zuvor hatten bereits mehrere Ärztinnen der Klinik gekündigt. Der Fall zeigt, wohin Kostendruck und Einsparungen führen können. Eine der Ärztinnen, die gekündigt hat, spricht nun erstmals über die Fehler im System der Geburtshilfe – was sie erzählt, lässt tief blicken in den Alltag deutscher Krankenhäuser. 

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihren Posten als Chefärztin für Geburtshilfe und Pränatalmedizin an der Hamburger Helios Mariahilf Klinik gekündigt. Mit Ihnen verlassen vier von sieben Oberärztinnen ebenfalls die Abteilung. Warum?

Maike Manz: Die Entscheidung ist nicht abrupt gefallen, und sie richtet sich nicht gegen die Kolleginnen und Kollegen unserer Abteilung oder andere ärztliche oder pflegerische Mitarbeiter im Haus. Aber wir haben in zahlreichen Situationen und in vielen, vielen Gesprächen mit der Geschäftsführung erkennen müssen, dass wir unter den derzeitigen Bedingungen unseren Ansprüchen an die medizinische Versorgung, eine patientenfreundliche Organisation und den Umgang mit Mitarbeitern nicht mehr gerecht werden können.

ZEIT ONLINE: Die Station war also total überlastet, worunter nicht nur Ärzte, Hebammen und Pfleger, sondern auch die Schwangeren und ihre Familien gelitten haben?

Manz: Wir alle haben in unseren Verträgen Verschwiegenheitsklauseln, die wir selbstverständlich achten müssen und werden. Ich persönlich glaube aber, dass sich die Schwierigkeiten längst in vielen, wenn nicht in allen geburtshilflichen Abteilungen in Hamburg und ganz Deutschland wiederfinden, ganz unabhängig davon, ob es sich um einen öffentlichen, kirchlichen oder privaten Träger handelt. Das Ganze hat System. 

© Klaus Becker

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Manz: Krankenhausleistungen werden in Deutschland nach dem sogenannten G-DRG-System bezahlt, den German Diagnosis Related Groups. Diese Vergütungsweise belohnt beziehungsweise bezahlt überwiegend medizinische Eingriffe. Versucht man diese zu vermeiden, was sich ja gerade bei der Geburt die meisten Frauen wünschen, gibt es weniger Geld. Präsent und aufmerksam zu sein, was letztlich die hohe Kunst in Geburtshilfe ist, wird finanziell bestraft. Ein Beispiel: Eine ganz normale Geburt einer gesunden Mutter, die ein gesundes Kind am Termin zur Welt bringt, wird mit ungefähr 2.000 Euro bezahlt. Ein ganz normaler Kaiserschnitt bringt dagegen knapp 3.000 Euro. 

ZEIT ONLINE: Das erscheint logisch, schließlich braucht man für einen Kaiserschnitt ja auch Narkoseärzte, OP-Personal und entsprechendes Material. 

Manz: Stimmt. Aber in vielen Kliniken hat sich die Herangehensweise gänzlich umgedreht. Da wird der Personalschlüssel einer Abteilung daraus berechnet, wie viel ein Arzt erwirtschaften muss, um seine Stelle zu rechtfertigen. Da stimmt etwas nicht, wenn ein Kaiserschnitt, der höchstens eine halbe Stunde dauert, mehr einbringt als eine vielleicht 15 Stunden dauernde Geburt, bei der zwar nicht ununterbrochen ein Arzt neben der Gebärenden sitzen muss – aber dieser muss jeden Moment verfügbar sein, falls Risiken auftreten. Da geht es binnen Minuten um alles: Nach zehn Minuten Sauerstoffunterversorgung kann das Baby irreversible Schäden haben. So schnell schafft es kein Arzt vom Rufdienst zu Hause in die Klinik. Um seriöse Geburtshilfe zu betreiben, muss immer ein Oberarzt im Haus sein. Das sind aber enorme Personalvorhaltekosten, die im Vergütungssystem nicht einkalkuliert sind.

ZEIT ONLINE: Aber Assistenzärzte sind doch eigentlich fast immer vor Ort.

Manz: Das stimmt. Aber bei allem Respekt für die jungen Kollegen: Die Frage, ob das Baby beispielsweise per Notkaiserschnitt geholt werden muss, sollte nicht von jemandem beurteilt werden, der möglicherweise gerade erst von der Uni kommt. Abgesehen davon bedeuten solch weitreichende Entscheidungen auch eine erhebliche psychische Belastung für die jungen Kollegen.