Auf der Berlinale feierte Fatih Akin mit seinem Thriller "Der Goldene Handschuh" eine kontroverse Premiere. Szenenbildner Tamo Kunz und Art Director Seth Turner haben unter anderem die Kiezkneipe Der Goldene Handschuh und die Wohnung der Hauptfigur Fritz Honka nachgebaut. Warum das Studioset manchmal besser ist als die Realität und wieso solche Filme in Hamburg möglicherweise bald nicht mehr gedreht werden können, erzählt Kunz im Interview.

ZEIT ONLINE: Sie haben unter anderem die Kneipe Der Goldene Handschuh und die Wohnung Fritz Honkas für den Film als Kulissen nachgebaut. Warum der Aufwand? Beide Gebäude gibt es doch noch.

Tamo Kunz: Das hat logistische Vorteile. Man muss sich nicht in die Originallocation einmieten, in denen man bestimmte Sachen vielleicht nicht machen darf. Viele Wege fallen weg, mit der Parksituation muss man sich auch nicht auseinandersetzen. In der echten Kneipe hätten wir außerdem überhaupt nicht drehen können.

ZEIT ONLINE: Wieso nicht?

Kunz: Die Straße, in der der Handschuh liegt, ist logistisch ein Albtraum. Dort kann man nicht ungestört drehen. Die Kneipe selbst sieht auch inzwischen anders aus. Es gibt eine moderne Jukebox, die Tapete ist neu. Wir hätten Änderungen vornehmen müssen, die die Substanz zerstört hätten. Außerdem ist Der Goldene Handschuh 24 Stunden lang geöffnet und das Zuhause einer gewissen Klientel. Das kann man nicht mal zwei, drei Wochen lang okkupieren.

Drinnen im »Goldenen Handschuh«: In der Kneipe konnte nicht gedreht wurden, darum wurde sie täuschend echt nachgebaut © Tamo Kunz

ZEIT ONLINE: Sie selbst sind zu jung, um den Goldenen Handschuh aus den Siebziger zu kennen. Wie haben Sie sich der Kneipe angenähert?

Kunz: Es gab fast kein Bildmaterial aus der Zeit. Und die Bilder, die es gab, waren oft unscharf, schwarz-weiß und zeigten nur Ausschnitte. Deswegen haben wir zwar den Grundriss ziemlich auf den Zentimeter genau übernommen, in der Oberflächengestaltung haben wir aber freier gearbeitet. Vieles haben wir so hingebaut, wie wir es richtig und stimmungsvoll fanden. Aber das Dekor der Kneipe kommt dem schon nahe, was es einmal gewesen ist. Vor allem im Gespräch mit Sascha Nürnberg, Enkel des Kneipengründers, haben wir viele kleine Feinheiten ausarbeiten können – wie die Gardinen. Die hätten wir wohl sehr viel vergilbter gemacht. Tatsächlich wurden die damals aber alle zwei, drei Wochen gewaschen. Ein ganz entscheidendes Element im Film ist übrigens das Licht.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie?

Kunz: Es ist nicht schummrig-muckelig, sondern grell. Eben so, wie damals viele Gaststätten hell ausgeleuchtet waren. Das war eine sehr mutige Entscheidung des Kameramanns. Denn durch die Leuchtstoffröhren sieht man alles sehr genau, da war es dann auch wichtig, dass beispielsweise die Patina nicht absäuft oder wie Kunstmalerei wirkt.

ZEIT ONLINE: Nicht nur die Kneipe musste wie in den Siebzigern aussehen, auch das Draußen ...

Kunz: Ich bin lange vor Drehbeginn in Antiquitäten- und Buchgeschäfte gegangen, habe mir Bildmaterial vom Hamburg der Siebzigerjahre und alte Filme angesehen wie  Große Freiheit Nr. 7, Auf der Reeperbahn nachts um halb eins oder Supermarkt. Das war toll. Und es wurde dadurch klar, dass es eigentlich beinahe unmöglich ist, im Außen zu drehen.

ZEIT ONLINE: Weil Hamburg heute ganz anders aussieht?