Mama Blume war nicht nur die bekannte Wahrsagerin vom Hamburger Dom, in deren kuschelig überheiztem Wagen sich unzählige Menschen in den letzten Jahrzehnten die Karten legen ließen. Mama Blume, die Sinteza, die mit bürgerlichem Namen Hilde Rosenberg hieß, war ein Kraftwerk. Ein Überlebenswunder. Ein winziges, zähes Persönchen mit Witz und unglaublicher Frechheit, eine Frau, die sich nie hat kleinkriegen lassen. Nicht von den unvorstellbar schrecklichen Jahren in KZ und Arbeitslagern, von den Demütigungen, Schlägen, dem Hunger und der Kälte. Die selbst in einem Moment höchster Not, in dem ihre Familie von Nazis verhaftet werden sollte, zu einem Uniformierten sagte: "Pfui, du hast ja Scheiße am Stiefel!" Und die es dabei so weit trieb, dass er lachen musste und die Familie entkommen ließ. 

Geboren 1928 im polnischen Łódź, wuchs sie in einer Sinti-Familie als Kind eines Kammerjägers auf. Das Wahrsagen lernte sie von ihrer Mutter. Den Kindern auf der Straße sagte sie für einen Pfennig die Zukunft voraus. Ihr Sohn Tornado Rosenberg hat ihre Geschichte aufgeschrieben. In seinem Buch Mama Blume- vom Glück im Leben erzählt er: " Meine Mutter hatte mir eingeprägt, den anderen Kindern nichts Schlechtes vorauszusagen. Und sie sagte mir: Denk immer daran, dass es am wichtigsten ist, dass du es mit vollem Herzen tust. Du brauchst viel Weisheit und hast eine große Verantwortung zu tragen. Denn unsere Gabe ist es, anderen Menschen zu helfen – aber nicht uns selbst."

Sie konnte trösten und verzeihen

Lesen und Schreiben hatte Mama Blume nie gelernt. In der Zeit, in der andere Kinder zur Schule gingen, arbeitete sie im Lager einer Munitionsfabrik und stopfte Schwarzpulver in Granaten, bewacht von der SS. Manchmal las sie den SS-Männern aus der Hand und sagte ihnen eine gute Zukunft voraus. So hat sie überlebt. Im KZ lernte sie auch ihren Mann Lani kennen, nach der Befreiung 1945 gingen die beiden zusammen in seine Heimatstadt Hamburg. Sie bekamen sechs Kinder, inzwischen leben fünf Generationen Rosenbergs in Hamburg. "Unsere Männer haben fast alle Musik gemacht. Auch mein Mann war Musiker. Er spielte ohne Noten, denn das steckt uns Zigeunern im Blut. Und auch meine Söhne sind Musiker geworden." Ihre Wohnung war selbst im Sommer geheizt, Mama Blume wollte nie mehr frieren.

Seit 1948 trug sie Chanel. Jedes Mal, wenn sie im Krankenhaus lag – was in ihren letzten Lebensjahren immer öfter vorkam –, konnte man bereits auf dem Flur riechen, in welchem Zimmer sie war: Der Duft von Chanel Nr. 5 war wie ein Wegweiser. Für die Zeit im KZ bekam sie eine beschämend lächerliche Entschädigungsrente, weniger als 40 Euro im Monat. Den Völkermord an den Sinti und Roma erkannte die BRD erst Anfang der Achtzigerjahre an. Bis dahin galten die sogenannten Landfahrer meist als Kriminelle, sie waren unzähligen Schikanen ausgesetzt. Mama Blume hätte allen Grund gehabt, die Deutschen zu hassen. Stattdessen durfte jeder seine Sorgen zu ihr tragen.

"Kein Mensch ist hart auf die Welt gekommen", sagte sie immer, wenn sie den Menschen in die Karten und ins Herz guckte. Wenn jemand sie mit akuten Problemen und ohne Geld um einen Blick in die Zukunft bat, steckte sie ihm oft noch einen Zehner zu. Sie konnte trösten. Und vor allem: Sie konnte verzeihen. Einen SS-Mann versteckte sie kurz nach dem Krieg vor den herannahenden Russen. Sie diskutierte mit Neonazis in der Bahn. Diese kleine, freche Frau, die so viel durchlitten hatte, konnte wunde Seelen heilen.

Ein großes Herz

Doch Mama Blume konnte auch sehr streng sein. Tradition und Regeln waren ihr wichtig. Bei ihr war es pieksauber. Wenn sie durch ihre kleine Wohnung schlurfte, schon ganz krumm vor Schmerzen und Rheuma, dann meist mit Wischfeudel. Am liebsten saß sie inmitten ihrer Familie, ganz still, und beobachtete lächelnd das Treiben um sie herum. Sie liebte Blumen. Und natürlich Gitarrenmusik. Sie konnte schimpfen, wenn einer mit ungebügeltem Hemd zu ihr kam. Noch an Silvester hat sie getanzt. Nie hat sie jemanden abgewiesen, der zu ihr kam. Sie war eine fürsorgliche und warmherzige Mama, weit über ihre eigene Familie hinaus. Wer diese wunderbare Frau mit der rauen Stimme jemals erlebt hat, kann dankbar sein. So ein großes Herz findet man nur alle 100 Jahre.

Am 1. Februar 2019 ist Mama Blume im Alter von 90 Jahren gestorben, ihr Tod ist gerade erst bekannt geworden.