"Inklusion ist nicht mehr en vogue" – Seite 1

Ein Freitagnachmittag in Hamburg-Ottensen, Probetag für Station 17. Die Band hat eine Pause eingelegt, die E-Gitarren sind gerade verstummt, da öffnet sich die Tür. Eine Frau schiebt einen Rollator rein, sie lässt die Füße über den Teppichboden schleifen, ganz langsam, einen nach dem anderen. "Hallo, ich bin Birgit und ich möchte euch jetzt einen Text vorsprechen, den Text von dem Lied Regenbogen", sagt sie mit schleppender Stimme. Dann verstummt sie wieder. Birgit hat gesagt, was sie sagen wollte. Jetzt wartet sie auf ihr Lied. "Ja moin, Birgit, wir organisieren dir mal einen Stuhl und ein Mikro, dann steigst du mit ein, okay?", fragt Christian Fleck, der weiter hinten an den Turntables steht. Birgit nickt, ein Lächeln legt sich auf ihr Gesicht. Wenig später ist der mit Instrumenten und Verstärkern vollgestellte Raum erfüllt von Musik. Das Schlagzeug gibt den Beat vor, der federnd, tanzbar, fast jazzig daherkommt. Birgit fängt an, zu rappen. Natürlich kennt sie ihren Part auswendig – sie hat ihn selbst mitgeschrieben.

 

Und die Leute beschweren sich immer andauernd und sag'n: "Is ja blöd, der Regen!" Da kann der Regen auch nichts für.

Was soll'n das?

Ohne den Regen gibt es keine Natur.

Ist doch ganz logisch.

Und genau so möchte ich, dass die Natur immer erhalten bleibt.

Und dass sie immer so bleibt, wie sie jetzt ist.

 

Ein Lied über die Schönheit der Natur, gespickt mit kleinen Alltagsbeobachtungen. So verspielt und doch sachlich-unverblümt wie Ohne Regen kein Regenbogen, das 2009 in einer Kollaboration mit Fettes Brot entstanden ist, sind viele Songs von Station 17. Andere klingen experimenteller, psychedelischer. Die Band verortet sich irgendwo zwischen Indie, Pop, Electro, Krautrock, legt sich aber nie ganz fest. Warum auch? Vielfalt und die Lust am Ausprobieren machen Station 17 aus. Das fängt schon bei der Besetzung an, die aus Musikern mit und ohne Behinderung besteht.

In der Musik löst sich die Barriere auf

Station 17 ist 1989 aus einer Wohngruppe der Stiftung Alsterdorf entstanden, die Idee geht auf den damaligen Erzieher und Punkmusiker Kai Boysen zurück, der das ständige Summen und Singen der Heimbewohnerinnen und -bewohner hörte und die Kunst darin erkannte. Seither ist viel passiert. Was anfangs als Experiment startete, wurde zur professionellen Band: Am 1. Februar 2019 erschien die elfte Platte Ausblick, außerdem Werkschau, ein Best-of der vergangenen 30 Jahre. Station 17 haben mit Größen wie Andreas Dorau, Stereo Total und DJ Koze Songs geschrieben, auf Rockfestivals wie dem Hurricane und im Schloss Bellevue vor Joachim Gauck gespielt. Diese Band muss eigentlich niemandem mehr etwas beweisen – und sie tut es eben doch, permanent: Sie zeigt, dass kreatives Musizieren nicht am Handicap scheitern muss. Wie funktioniert das?

Im Laufe der Jahre wechselte die Besetzung immer wieder durch, heute haben fünf von neun Bandmitgliedern eine Behinderung. Sebastian Stuber zum Beispiel. Er singt, spielt Keyboard, hat das absolute Gehör und ist blind. Oder Philipp Riedel, der in der Probenpause noch im Schneidersitz auf dem Boden saß, den Kopf in beide Hände gestützt, genervt, weil die anderen schon wieder so lange redeten. Er spielt Keyboard und hat das Downsyndrom, so wie auch Sänger Marc Huntenburg. Man könnte jetzt einfach so weitermachen und reihum aufzählen, welchem Musiker dies oder jenes schwerer fällt als anderen. Einige Bandmitglieder sind gelernte Sozialarbeiter, vor allem auf Tour werden sie zu Assistenten und geben anderen Hilfestellung. Es ist nur so: Bei der Probe verschwimmt die Barriere zwischen behindert und nicht behindert, sie spielt keine Rolle mehr.

Ein paar Lampen tauchen den fensterlosen Raum in lilafarbenes Licht, der Boden ist bedeckt mit Kabeln. Christian Fleck zählt jeden Song an und gibt immer wieder Handzeichen, damit keiner seinen Einsatz verpasst. Christian – schmale Gestalt, Baseballcap, bunte Turnschuhe – hat soziale Arbeit studiert und ist durch ein Praktikum zu Station 17 gekommen. 15 Jahre ist das her. Heute ist er der künstlerische Leiter, aber nicht der Kopf der Band. "Es gibt keinen Frontmann, wir stehen alle gleichberechtigt auf der Bühne", sagt Schlagzeuger Alex Tsitsigias. Alles werde gemeinsam entschieden, alle Songs gemeinsam entwickelt.

 

Da komme es schon mal zu Konflikten, "wie in jeder Band" laufe nicht immer alles nach Plan. Heute ist so ein Tag: Einer fehlt. Marc Huntenberg ist auf dem Weg zur Probe aus Versehen in den ICE nach Berlin gestiegen. Er fährt gerade wieder nach Hamburg zurück. Christian muss sehr laut lachen, als er das erzählt, die anderen stimmen ein. "Wir erleben hier schon viel Situationskomik." Christian grinst und zuckt mit den Schultern. "Es gehen Sachen schief, einer verpennt die Probe oder steigt eben in den falschen Zug. Oder Philipp räumt auf Tour das ganze Buffet im Hotel ab und lässt uns nichts mehr übrig. So was passiert. Ist doch allemal schöner, drüber zu lachen, als sich aufzuregen."

"Der große Hype um Inklusion ist vorbei"

Die Stärken und Schwächen der anderen kennen und annehmen, zuhören, Rücksicht nehmen: Bis das funktionierte, musste die Band zusammenwachsen und Geduld lernen, erzählt Christian. Allerdings hat die Gruppe etwas, das vielen Musikern fehlt, die sich mehr Zeit und Raum zum Zusammenwachsen wünschen würden. Sicherheit. Station 17 ist eingebettet in das Künstlernetzwerk Barner 16 – eine inklusive Werkstätte, die den Fokus auf kreatives Arbeiten legt. Künstler mit Behinderung machen dort Musik, schreiben Texte, fertigen Siebdrucke an. Sie sind in einer Vier-Tage-Woche angestellt bei der gemeinnützigen GmbH Alsterarbeit, bekommen ein festes Gehalt. Christian, Sebastian und die anderen können den Proberaum mehrere Tage pro Woche allein für sich nutzen – Luxus. Andere Bands werden da schon mal neidisch. "Du bist doch nur dabei, weil du bezahlt wirst!" oder "Wann spielst du mal wieder in einer richtigen Band?" Solche Sprüche kenne er gut, sagt Alex. Er rollt mit den Augen.

Hinter Station 17 steht keine Plattenfirma, die Druck macht und die Gruppe in eine Schublade zwingt. Die Barner 16 finanziert sich allerdings nach dem Solidarprinzip, daher fließen die Erlöse aus Plattenverkäufen und Konzerten in eine gemeinsame Kasse. Wenn Station 17 Tickets verkaufen, kommt das auch anderen inklusiven Projekten zugute. Doch es gibt ein Problem: Immer weniger Veranstalter sind bereit, die Band zu buchen. "Inklusion ist einfach nicht mehr en vogue", sagt Bassist Hauke Röhl mit spöttischem Unterton in der Stimme. "Vor ein paar Jahren gab es noch einen großen Hype ums Thema, der ist aber längst vorbei. Heute gilt Inklusion als problembehaftet. Wahrscheinlich, weil viele an die Schwierigkeiten im Schulkontext denken." Die anderen sehen das auch so: Die Berührungsängste im Umgang mit Behinderten nähmen wieder zu, im Alltag und besonders in Clubs. Veranstalter fürchteten Unannehmlichkeiten, wenn eine inklusive Band im Programm erscheine.

Zumindest praktische Bedenken sind wohl nicht ganz unbegründet: Viele Clubs und Kneipen sind noch immer nicht barrierefrei, Menschen mit Rollstühlen oder Rollatoren können sich dort selten ohne Hilfe bewegen. Dafür, dass viele Bühnen und Backstagebereiche nicht entsprechend umgebaut werden, hat die Band sogar Verständnis. "Manchmal ist das baulich gar nicht möglich. Aber vor allem steigt der wirtschaftliche Druck. Viele Clubs haben gerade ganz andere Sorgen", sagt Tsitsigias. "Trotzdem: Inklusion ist ein Prozess, da klappt nun mal nicht alles auf Anhieb. Das haben viele nicht auf dem Schirm."

Birgit Hohnen, die seit Jahren Songs für die Band schreibt, aber neben ihrer geistigen Behinderung auf Gehhilfen angewiesen ist, kann nicht mit auf Tour. Deswegen gehört sie auch nicht zur festen Besetzung. Es erscheint paradox: Ob jemand bei Station 17 mitspielen darf, wird nicht danach entschieden, ob ein Handicap da ist oder nicht. "Es muss musikalisch passen", das betonen die Musiker immer wieder. Wer nicht mobil ist, kann dann aber doch nicht mit der inklusiven Band auf der Bühne stehen – weil die Gesellschaft hinterherhinkt.

"Wir überlegen nicht lange, wir hören zu und legen los"

Nächster Song. Siyavash Garibi steht an der Percussion, er schwingt die Rassel und tanzt, sein ganzer Körper wiegt im Takt der Musik hin und her. Christian tanzt auch, er klatscht in die Hände, ruft: "Yeah!" Die Musik ist laut, treibend, pulsierend, der Rhythmus geradezu hypnotisch. Für das neue Album hat die Band drei Wochen lang in der Abgeschiedenheit eines kleinen Dorfes an der Nordseeküste gejammt. Gäste wie Andreas Spechtl von Ja, Panik oder Ulrich Schnauss von Tangerine Dream kamen vorbei und machten mit. Später wurden aus fast 20 Stunden Material, aus Melodiefragmenten, Sprechgesang und repetitiven Rhythmen die besten Segmente ausgewählt.

Die neun Männer tasten sich intuitiv an die Songs heran, nicht mal eine Grundtonart wird vorher festgelegt, die Melodie ergibt sich nach und nach. Christian erklärt es so: "Wir überlegen nicht lange, wir hören einander einfach sehr gut zu und legen dann los." Dazu passt, dass sich die Band mit Hang zum Krautrock gar nicht an konventionellen Songstrukturen abarbeiten muss. Probieren, scheitern, Zufall, weitermachen: Was zu jeder guten Jamsession gehört, ist bei Station 17 Konzept. Auch die neue Platte Ausblick ist wieder ein eher frei klingendes Musiktableau. Dass Station 17 auch anders können, haben sie 2014 mit dem ungewöhnlich poppigen Album Alles für Alle gezeigt. Das hat zwar tanzbare Hits wie Kairo hervorgebracht – aber "jetzt wollten wir lieber wieder experimentieren", sagt Alex.

Nervt es eigentlich, immer wieder über Inklusion zu reden und als Positivbeispiel herhalten zu müssen? "Na ja", die Jungs drucksen ein wenig herum, suchen nach den richtigen Worten. "Es ist ja logisch, dass das Thema eine Rolle spielt. Behinderung haftet leider auch heute noch ein Stigma an. Umso wichtiger ist es, dass wir auftreten und sichtbar werden", sagt Hauke. Über Plattenrezensionen, in denen das Wort Inklusion nicht ein einziges Mal auftaucht, freue er sich allerdings schon sehr.

Dann kommt der Abend, auf den sich Station 17 so lange vorbereitet hat: das große Geburtstagskonzert im Uebel & Gefährlich. Der Club ist brechend voll. Dann geht es los, jemand schreit "Whooo!", es folgt langer, sehr langer Applaus. Sebastian gibt vor jedem Song den Ansager. Siyavash, der sich zuvor noch Sorgen machte, "ob wohl genug Leute kommen", vergisst sein Lampenfieber und drischt voller Elan auf die Trommeln ein. Sänger Marc Huntenberg raunt seinen Sprechgesang ins Mikro, ruft zwischendurch auch mal unvermittelt ein "Heiraten?" in den Raum. Mit auf der Bühne steht eine Gebärdendolmetscherin, die eine ganz eigene Performance darbietet, weil sie nicht nur Songtexte übersetzt: Sie tanzt, schwingt die Hüften, artikuliert wild in der Luft. Und macht so die Musik sichtbar.

Kurz bevor die letzten Akkorde verklingen, hüpfen noch Fettes Brot auf die Bühne, sie performen Ohne Regen kein Regenbogen – aber nicht ohne Birgit. Sie wird auf die Bühne geschoben, klatscht und wirkt selig. In ihrem Blick liegt der Stolz einer Künstlerin: Der ganze Saal singt ihren Song.

Dies ist ein Artikel aus dem Hamburg-Ressort der ZEIT. Hier finden Sie weitere News aus und über Hamburg.