Nach dem Ersten Weltkrieg reformierte sich die europäische Kunst- und Architekturszene radikal, brachte Neues Sehen, Neue Sachlichkeit, Bauhaus hervor. Es begann eine Zeit der Extreme, Hoffnung und Elend lagen nah beieinander. Und manches wirkt gar fortschrittlicher als heute. Kathrin Baumstark, Kuratorin der Ausstellung "Welt im Umbruch. Kunst der 20er Jahre", erklärt, wieso.

ZEIT ONLINE: Frau Baumstark, in Hamburg konnten sich die Bauhaus-Ideen der Zwanzigerjahre nicht so stark durchsetzen wie in anderen Städten, zum Beispiel Stuttgart oder Berlin. Wieso? 

Baumstark: Hamburg ist eine alte Hansestadt, da gehören Stadtvillen dazu. Die will man natürlich behalten. Aber das Miteinander von Alt und Neu hat heute seinen Reiz, es gibt in den Straßen viele Bezüge zum Bauhaus. Spazieren Sie mal bei Kampnagel durch die Jarrestraße im Hamburger Norden: schnörkellose Backstein-Architektur, kubistische Formen. Diese Bauweise bediente damals allerdings nicht nur den modernen Geschmack.

Kunsthistorikerin Kathrin Baumstark ist seit 2016 Kuratorin des Bucerius Kunst Forums in Hamburg. © Max Eicke

ZEIT ONLINE: Sondern?

Baumstark: Man musste der Wohnungsnot nach dem Krieg etwas entgegensetzen. Das war mit großen Jugendstil-Wohnungen nicht möglich, stattdessen brauchte es bezahlbaren Wohnraum à la Le Corbusier.

ZEIT ONLINE: Das klingt nach ähnlichen Problemen wie heute. Manche Werke Ihrer Ausstellung wirken entsprechend aktuell. Wie kann das sein, 100 Jahre nach ihrem Entstehen?

Kathrin Baumstark: Das fasziniert mich auch immer wieder, die Parallelen zwischen den Zwanzigern und heute. Ich habe gerade ein Gemälde von Otto Dix ausgepackt, das Bildnis des Juweliers Kurt Krall – und blieb mit offenem Mund davor stehen. "Wow! Ja!", dachte ich. Dabei kenne ich das Werk natürlich längst. Von Karl Hubbuch haben wir eine Aktmalerei dabei, die könnte auch von Neo Rauch sein. Manche Künstler damals waren einfach ihrer Zeit voraus.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Baumstark: Viele von ihnen waren begeistert als Soldaten in den Ersten Weltkrieg gezogen, zum Beispiel Dix. Nur um festzustellen, dass sie bei einem sinnlosen Stellungskrieg mitmachten. Das Kaiserreich, das gute Leben, alles brach danach zusammen. Die totale Desillusionierung.

ZEIT ONLINE: Das übertrug sich direkt auf die Kunst?

Baumstark: Ja. Künstler des Neuen Sehens, der Neuen Sachlichkeit, des Bauhauses konzentrieren sich auf eine wirklichkeitsgetreue Wiedergabe der Realität. Ihre Werke sind schonungslos. Das hatte in der Malerei und Fotografie zum Beispiel zur Folge, dass auch Menschen auf einmal bildwürdig waren, die zuvor niemand dargestellt hatte: Kriegskrüppel, Prostituierte, verwahrloste Kinder. In den Zwanzigern gehörte ja nur ein kleiner Teil der Bevölkerung zum Absinth trinkenden Partyvolk, das wir aus der Serie Babylon Berlin kennen.