Von Donnerstag bis Sonntag findet im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel die Queer B-Cademy statt, auf dem Programm finden sich Workshops, Performances und Party. Es soll darum gehen, "welches Potenzial Queerness für die gesamte Gesellschaft" haben kann, sagen die Veranstalter. Wir sprachen mit Daniel Chelminiak alias Danny Banany, dem Kurator der Veranstaltungsreihe.

ZEIT ONLINE: Ihre Akademie heißt B-Cademy. Warum lieber B als A? 

Danny Banany: Akademien reproduzieren meistens die Lebensweisen der Mehrheit. Schulen und Universitäten vermitteln nicht nur Wissen, sondern üben zwischen den Zeilen auch allgemeine Verhaltensweisen ein, die als normal, richtig beziehungsweise falsch gelten – in denen finden sich queere Menschen aber oft nicht wieder. Die Queer B-Cademy dagegen versteht sich als Ort des Neu-Lernens und -Verstehens. Das Prinzip lautet: Konfrontation und Kollaboration statt Didaktik und Pädagogik. 

ZEIT ONLINE: Was macht mich eigentlich zu einer "queeren" Person? 

Banany: Es gibt viele verschiedene Auslegungen des Begriffs. In der B-Cademy orientieren wir uns an der Definition der Historikerin Fatima El-Tayeb: Queersein hat etwas damit zu tun, dass dir von außen angetragen wird, du wärest anders als die Mehrheit. Diese Erfahrung, die man auch Othering nennt, bringt dich in eine queere Position. Queersein heißt, diese Position als Erfahrung anzunehmen – und aktiv in die Auseinandersetzung darüber zu gehen.  

Daniel Chelminiak, alias Danny Banany, arbeitet als Performer und Tänzer in Hamburg. © André Giesemann

ZEIT ONLINE: Und die B-Cademy richtet sich ausschließlich an Menschen, die sich als queer begreifen?

Banany: In erster Linie geht es uns darum, einen Raum für Austausch und Vernetzung der Community zu schaffen, die sich selbst als queer begreift: einen Raum, in dem Erfahrungen von Stigmatisierung und Strategien des gegenseitigen Empowerments geteilt werden können; einen geschützten Raum für Diskurs und Feier gleichermaßen. 

ZEIT ONLINE: Wäre ein Besuch der Queer B-Cademy aber nicht gerade sinnvoll für Leute, die mit queeren Erfahrungen bisher nicht oft in Berührung gekommen sind? 

Banany: Grundsätzlich sind alle Menschen eingeladen, die sich mit Queerness auseinandersetzen wollen und die bereit sind, ihre Sichtweise und Privilegien infrage zu stellen. Unser Veranstaltungsformat ist auch dafür da, Berührungsängste abzubauen.  

ZEIT ONLINE: Zumal doch die queere Community und das, was Sie die "heteronormative Mehrheit" nennen, oftmals in voneinander abgeschotteten Blasen kommunizieren, oder? 

Banany: Mag sein, manchmal führt die Blase, in der ich lebe dazu, dass ich mich ausgeschlossen fühle. Es gibt aber auch die Blase, die sein muss, weil sie mir Schutz gibt vor einer Gesellschaft, die mich diskriminiert.  Umgekehrt ist die Frage interessant: Fühle ich mich in einer bestimmten Szene unwohl, weil ich die Verhältnisse nicht kenne oder weil sie mich mit bestimmten Sichtweisen konfrontiert, die mir unangenehm sind? Wenn man Menschen auf ihre Privilegien anspricht – auf ihre Männlichkeit, ihre Heterosexualität oder ihr Weißsein zum Beispiel –, reagieren sie oft defensiv, vielleicht weil sie sich noch nie mit diesen Privilegien auseinandergesetzt haben. Niemand möchte als Buhmann hingestellt werden. In der B-Cademy geht es auch darum, darüber in den Dialog zu kommen. Vielleicht ist hierfür ein bisschen Überwindung gefragt – aber wir machen auch Shows. 

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Banany: Oh, wir haben zum Beispiel einen Spieleparcours, wo Dr. Tucké Royale ein Queer Memory anbietet, es gibt eine One-on-one-Performance mit Jamal Gerald, wo ich alleine mit dem Performer bei einem wohlschmeckenden Heißgetränk in ein Gespräch über Privilegien eintreten kann, es gibt Partys mit den DJs Killa und DJ Wax und seinem neuen Format Afro Pride. Und es gibt eine Trans-Opera. 

ZEIT ONLINE: Was ist denn eine Trans-Opera? 

Banany: Das ist eine Mini-Oper von drei internationalen Performer*innen – Mavi Veloso, Dynno Dada und Tina Escarlatina, die Erfahrungen von Transfrauen inszenieren. Als Transperson beschäftigst du dich ja sehr viel mit Stimmfindung – vor allem Transfrauen müssen ihre Stimme trainieren, denn die Stimmveränderung kommt selbst unter Hormonbehandlung nicht einfach so. Dabei geht es auch darum, wie ich meine Stimme erheben kann – die Stimme zu erheben, hat ja auch was mit Macht zu tun.

ZEIT ONLINE: Über den Sexperience-Workshop heißt es im Programm, dass sich die Teilnehmenden "in kollektiver Nacktheit gemeinsam in Intimität, Konsumkritik und Inklusivität" üben. Wie hat man sich das vorzustellen?

Banany: Genau so! Nein, im Ernst: In diesem Workshop möchte der Performance-Künstler Yousef Iskandar den spirituellen Aspekt von Sexualität in den Vordergrund rücken. Sex ist kein Konsumgut und muss nicht performed werden, man muss sich dafür keine Konzepte von woanders ausleihen. Er entsteht aus dem eigenen Körpergefühl und -bedürfnis und in Interaktion zwischen den Menschen. Der Workshop ist somit trotzdem keine inszenierte Orgie, sondern eine mutige Auseinandersetzung mit Scham, Erwartungsdruck und Fremdbestimmung.