Wer ein gewisses Alter erreicht hat, sollte nicht auf runde Geburtstage warten müssen, um gewürdigt und gepriesen zu werden. Und Sybil Gräfin Schönfeldt zählt ohnehin zu den herausragenden Figuren der deutschen Publizistik und denkt auch im gesetzten Alter nicht daran, die Hände in den Schoß zu legen.

Die promovierte Literaturwissenschaftlerin, die 1954 erstmals für DIE ZEIT schrieb, verfügt über staunenswert zahlreiche Interessen und hat sich, wie es sich für eine Journalistin mit Leib und Seele gehört, nie gescheut, diese Interessen zu verfolgen und sie in Artikeln und Büchern umzusetzen.

Auf welchem Terrain sich Gräfin Schönfeldt besonders hervorgetan hat, ist nicht leicht zu sagen. Sie hat sich durch Bücher wie 1 x 1 des guten Tons einen Ruf als "Benimmpäpstin" erarbeitet – ein Etikett, das ihr nicht gefiel, wenn man darunter eine Haltung verstand, Verhaltensregeln von gestern unbesehen zu pflegen. Sie galt als engagierte Befürworterin der Kinder- und Jugendbuchliteratur, war eine gute Freundin Astrid Lindgrens (nachzulesen zuletzt in ihrem biografischen Essay Astrid Lindgren. Erinnerungen an eine Jahrhundertfrau) und ließ es sich jahrzehntelang nicht nehmen, als Literaturvermittlerin durchs ganze Land zu reisen und ihr wichtige Bücher unter die Leute zu bringen. Bis heute treffe ich gelegentlich auf Buchhändler, deren Augen zu leuchten beginnen, wenn sie von ihren Begegnungen mit "der Gräfin" erzählen.

Dem Sinnlichen in der Literatur ist sie stets nachgegangen, und so ist es kein Wunder, dass sie dem Thema Essen und Literatur nachspürte und die Weltliteratur daraufhin untersuchte, wo auf besonders empfehlenswerte Weise Köstliches zubereitet oder ausgeschenkt wird. Der Werke von Fontane, Thomas Mann oder Goethe hat sie beispielsweise unter diesem Blickwinkel gelesen, und ihr Literarischer Küchenkalender gehört zur Grundausstattung vieler Wohnungen. Noch im Herbst 2018 gelang es Gräfin Schönfeldt, einen veritablen Bestseller zu landen. Ihr in der Edition Momente erschienenes Kochbuch für die kleine alte Frau ist eine liebenswerte Gaumenfreude und Handreichung für den Alltag im Alter – und für die Anstrengung, auch in dieser Lebensphase Selbstständigkeit zu bewahren. Fast 20.000 Exemplare des schmucken Buches sind bislang verkauft worden.

Apropos Selbstständigkeit: Als ich Gräfin Schönfeldt vor ein, zwei Jahren in ihrer Winterhuder Wohnung abholte, wartete eine Frau, nein, eine Dame von ungebrochenem Tatendrang auf mich. Energisch griff sie nach ihrem Stock, fuhr mit mir zu einer Buchhandlung, absolvierte einen eineinhalbstündigen Lesungs- und Gesprächsabend professioneller als die meisten ihrer jüngeren Kollegen, trank ein Glas Rotwein und erzählte davon, dass sie gern über ihren vor über zehn Jahren verstorbenen Mann Heinrich Schlepegrell schreiben würde. Was sie hoffentlich tun wird. Zwei Söhne hat die phänomenale Gräfin, die heute 92 wird, übrigens auch.