Mathematik ist für die einen ein Leichtes, für andere eine Qual. Gerade für Menschen mit Lernbeeinträchtigung kann das Zählen- und Rechnenlernen zur besonderen Herausforderung werden. Wo herkömmliches Lernmaterial keine Wirkung zeigt, soll die barrierefreie Mathe-App mathildr aus Hamburg helfen. Im Februar ist das mathildr-System mit dem Cornelsen Zukunftspreis und 3.000 Euro ausgezeichnet worden. Torben Rieckman hat die Mathe-App entwickelt – gemeinsam mit Menschen mit Trisomie 21. Wir haben ihn gefragt, was mathildr besser kann als herkömmliche Schulmaterialien.

ZEIT ONLINE: Sie haben die mathildr-App entwickelt, die Schülern und Schülerinnen mit Behinderung das Rechnenlernen erleichtern soll. Wie funktioniert die App?

Torben Rieckmann: Man könnte sagen, wie ein digitaler Rechenschieber. Mathildr hilft den Schülerinnen dabei, den Zahlenraum zwischen 0 und 20 zu erschließen. Ziel ist es, dass sie durch das Material lernen, Mengenbilder gedanklich selbst nachzubilden und damit zu zählen und zu rechnen. Das mathildr-System arbeitet nicht nur mit Zahlen, sondern konzentriert sich auf die Darstellung von Mengen.

Torben Rieckmann, 29, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Gemeinsam mit Hamburger Schülern mit Trisomie 21 hat Rieckmann im Rahmen eines Forschungsprojekts die barrierefreie Mathe-App mathildr entwickelt. © Christopher Dankers

ZEIT ONLINE: Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Rieckmann: Wir verwenden Kirschen – einzelne und Kirschpaare. Soll also beispielsweise die Aufgabe 2+1 gelöst werden, tippt der Schüler ein rotes Kirschpaar plus eine gelbe Einzel-Kirsche in das Tablet. Am Ende zeigt die App dann die Addition, also 2+1, an. Aufgrund der besonderen Anordnung der Kirschen erkennt der Schüler ihre Anzahl auf einen Blick. Er schreibt das Ergebnis auf. Unsere App orientiert sich an den Lernbesonderheiten von Menschen mit Trisomie 21.

ZEIT ONLINE: Warum brauchen Schulen diese App?

Rieckmann: Im Schulunterricht werden noch häufig alle Kinder über einen Kamm geschert. Wenn sie Schwierigkeiten mit dem Unterrichtsmaterial haben, wird das Problem bei ihnen gesucht, nicht im Material. Viele Unterrichtsmaterialien sind nicht barrierefrei. Sie orientieren sich daran, wie die meisten Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und verarbeiten. Mathildr hingegen ermöglicht einigen Kindern einen barrierefreien Einstieg in die Mathematik.

ZEIT ONLINE: Und warum braucht es dafür ein Symbol wie die Kirsche?

Rieckmann: Die Verbildlichung hilft Menschen mit Lernbeeinträchtigung zu verstehen, was eine Menge ist und wie sie sich zusammensetzt. Das Besondere: Anders als herkömmliche Lernmaterialien arbeiten wir nicht mit einer Fünferbündelung, sondern mit einer Zweierbündelung, eben dem Kirschpaar. 

ZEIT ONLINE: Klingt sehr abstrakt.

Rieckmann: Menschen mit Trisomie 21 sind auf solche Abstraktionen angewiesen, darauf, dass Details weggelassen werden. Viele von ihnen lernen zum Beispiel mit der Ganzwortmethode das Lesen. Sie lernen also zuerst ganze Wörter als Wortbilder. Erst später lernen sie die einzelnen Buchstaben. Die Ganzwortmethode ist übrigens nicht nur für das Lesenlernen geeignet. Bereits Zweijährige mit Trisomie 21 lernen durch sie über Lesen das Sprechen. Auch beim mathildr-System spielt das Einprägen von Bildern eine große Rolle – nur geht es darin eben nicht um Wörter, sondern um Mengen.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie darauf gekommen, dass Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen besser zählen und rechnen lernen, wenn sie wie in der App Kirschen als Paar und nicht als Fünferhaufen vor sich sehen?

Rieckmann: Menschen mit Trisomie 21 können weniger Dinge gleichzeitig verarbeiten. Die Fünferbündelung ist zu groß. Das mathildr-System entstand im Rahmen einer Studie mit 1.300 Personen mit Trisomie 21 an der Universität Hamburg. Während dieser Studie konnten wir beobachten, dass Teilnehmende, die mit Zahlen gut zurechtkamen, oftmals in Zweierschritten zählten oder beim Zählen jeweils die gerade Zahl betonten. Sie arbeiteten also in Zweierbündeln. 

ZEIT ONLINE: Nach der Studie haben Sie die App dann gemeinsam mit Schülern entwickelt.

Rieckmann: Nachdem der Prototyp stand, ging es in die Testphase. Angefangen habe ich mit einzelnen Kindern mit Trisomie 21, mit denen ich immer wieder die App erprobt und Funktionsweisen und Design entsprechend angepasst habe. Geholfen haben mir aber auch Erwachsene mit Lernbesonderheiten. Denn die App wird nicht nur von Kindern verwendet, sondern auch von Jugendlichen und Erwachsenen.

Mathildr wird europaweit in Schulen genutzt


ZEIT ONLINE: Wie wird die App im Unterricht eingesetzt?

Rieckmann: Der Lehrer ist dafür zuständig, die Aufgaben vorzugeben. Während die einen Schüler also beispielsweise ihre Aufgaben auf dem Arbeitsblatt lösen, machen die anderen das mit dem Tablet und dem mathildr-System. Inzwischen wird das System an ganz verschiedenen Hamburger Schulen, an Grundschulen, Stadtteilschulen und Förderschulen im Unterricht verwendet. Die Schule Kielkamp in Bahrenfeld, die mit uns den Preis gewonnen hat, setzt mathildr in ihrem Kurssystem ein. In einem Kurs arbeiten dann alle Schülerinnen und Schüler mit demselben Material. Immer öfter wird es aber auch in inklusiven Klassen von einzelnen Schülern genutzt. Auch international in Ländern wie der Schweiz, Italien, Spanien und Irland wird bereits mit mathildr gearbeitet.

ZEIT ONLINE: Die App selbst gibt keine Rechenaufgaben vor?

Rieckmann: Nein, die Aufgaben müssen vorgegeben werden. Einige Lehrer und auch Eltern wünschen sich, dass solche Aufgaben künftig Bestandteil der App sind und zum Beispiel nacheinander abgespielt werden, damit das Kind völlig selbstständig lernen kann. Die Entwicklung wäre allerdings sehr kostenintensiv. Der Unterricht mit einer solchen App wäre außerdem weniger individualisierbar.

ZEIT ONLINE: Neben der App haben Sie auch analoge Unterrichtsmaterialien entwickelt.

Rieckmann: Kern des mathildr-Systems ist die kostenfreie App. Inzwischen gibt es aber auch ein Zehnerfeld aus Holz: eine runde Platte mit Einkerbungen, in die Holzkirschen gelegt werden können. So wie in der App entstehen so Mengenbilder und es kann gerechnet werden. Die Holzvariante war ein Wunsch, der vielmals in den Rückmeldungen, die wir erhalten, geäußert wurde. Außerdem gibt es Karten mit Mengenbildern und Zahlen sowie Lernwürfel. 

ZEIT ONLINE: Was funktioniert besser: Tablet oder Zehnerfeld?

Rieckmann: Dass Touchscreens barrierefrei sind, haben wir während der Studie festgestellt. Denn Menschen mit Trisomie 21 haben oftmals Schwierigkeiten mit der Feinmotorik. Aber auch das Zehnerfeld aus Holz wird sehr gut angenommen.