Kerzengerade steht sie da. Lässt den Blick durch den Saal wandern; winkt, einmal nur; lächelt, aber nicht zu sehr – und setzt sich nach wenigen Sekunden auch schon wieder hin. Als Sahra Wagenknecht am Donnerstagabend unter großem Applaus die Bühne der Hamburger Fabrik betritt, wirkt sie so, wie man sie eben kennt: kontrolliert, zurückhaltend. Und sichtlich entspannt.

Hunderte Zuschauer drängen sich in den kleinen Saal, die paar Stuhlreihen vor der Bühne sind alle besetzt. Überall stehen Leute, einzelne schwenken weiße Fahnen, auf denen in roter Schrift "Aufstehen" steht. Es gibt Bier und Limo, es ist laut, kribbelige Spannung liegt in der Luft, lange bevor Wagenknecht auf die Bühne kommt. Viele Männer sind heute gekommen, nur wenige junge Gesichter sind zu sehen, geschätzter Altersdurchschnitt: um die 50.

Wüsste man es nicht besser, hätte man all den Aufruhr der vergangenen Tage einfach nicht mitbekommen, man könnte Wagenknechts Auftritt an diesem Abend für einen Routinetermin halten. Doch am Wochenende war bekannt geworden, dass sie sich aus der Spitze der von ihr mitgegründeten Sammlungsbewegung Aufstehen zurückziehen will. Eine Ankündigung, die für ihre Anhänger überraschend kam, die meisten erfuhren erst aus einem Zeitungsinterview davon. Am Montag dann die nächste Nachricht, von der selbst enge Parteifreunde bis dato nichts ahnten: Nach vier Jahren als Vorsitzende der Bundestagsfraktion wird Wagenknecht im Herbst nicht wieder für das Amt kandidieren. Als Gründe führte sie Stress und Überlastung an, zuletzt war sie zwei Monate lang krankheitsbedingt ausgefallen.

"So kann es doch nicht bleiben!"

Die Rückzugspläne der mit Abstand beliebtesten Politikerin der Linken befeuern Spekulationen um die Zukunft der Bewegung und der Partei. Von internen Machtkämpfen, gar "Schlammschlachten", in der Linken ist die Rede. Ihr Mandat im Bundestag will Wagenknecht allerdings behalten. Und so lässt sich ihr erster, demonstrativ gelassener öffentlicher Auftritt nach einer turbulenten Woche auch als klares Signal deuten: Seht her, ich bleibe kämpferisch – auch ohne Spitzenposten.

"Aufstehen für ein soziales Land" ist auf einem Banner zu lesen. Es ist das übergreifende Thema an diesem Abend. Geladen hat die Bewegung selbst. Vom Trubel um die eigene Person und der langen Krankheit, die hinter hier liegt, ist Wagenknecht nichts anzumerken. Sie wirkt frisch, ausgeruht und steigt sofort in die Debatte ein, nein, sie referiert: über Wohnungsbau in den Städten, über Leiharbeit, Altersarmut, soziale Spaltung. Und verliert dabei kein Wort über parteiinterne Querelen, zumindest nicht direkt. Dass die Führungen der "Parteien im linken Spektrum" – ergo auch der eigenen – die Aufstehen-Bewegung von Anfang an als eine Totgeburt dargestellt hätten, empört sie. "Viele haben doch nur gehofft, dass das Projekt schnell stirbt. Dabei brauchen wir doch linke Mehrheiten! So kann es doch nicht bleiben!"

Die 49-Jährige redet wie stets rhetorisch versiert, setzt viele Ausrufezeichen und Pausen an den besonders wirkungsvollen Stellen. Die Zuhörer hängen geradezu an ihren Lippen. Ein Effekt, der auffällt, auch im Vergleich zu den anderen Rednern auf dem Podium, darunter der Linke-Wirtschaftsexperte Fabio De Masi und der Hamburger SPD-Abgeordnete Mathias Petersen.

Buhrufe für den SPD-Mann, Jubel für Wagenknecht

Ohnehin lässt sich schnell erahnen, wie die politischen Sympathien an diesem Abend gelagert sind. Während der Sozialdemokrat für seine wiederholten Appelle ans Publikum, sich doch mal in der SPD zu engagieren, abfälliges Gelächter und Buhrufe kassiert, trifft Wagenknecht offenbar immer wieder einen Nerv. Sobald sie nur einen Satz beendet, brandet Applaus auf, von allen Seiten. Ihre Forderung, "skrupellose Miethaie" zu enteignen: Jubel. Diverse Seitenhiebe auf politische Gegner, die allen Bemühungen für eine linke Lagerbildung zum Trotz dann doch meistens die SPD treffen: Jubel.

In vielen Momenten klingt Wagenknecht mehr nach linker Fraktionsvorsitzender als nach linker Integrationsfigur. Das geht so weit, dass Petersen verstimmt einwirft: "Sind wir hier, um SPD-Bashing zu betreiben?" Nach einer Stunde glätten sich die Wogen wieder. Wagenknecht räumt ein, dass sowohl Linke als auch SPD von einem "starken linken Lager" profitieren könnten: Die eine als starke Partei, die andere als "noch linkeres Korrektiv". Beide könnten in einem solchen Szenario durchaus mit Wählerstimmen rechnen, friedlich koexistieren, glaubt sie. "Wir würden alle gewinnen!" Es folgt, richtig: Jubel.