Hat Aufstehen auch ohne Wagenknecht eine Zukunft? Auf diese Frage angesprochen reagieren besonders jene eher genervt, die das Logo der Bewegung heute schon auf dem T-Shirt tragen, an Infoständen stehen und Flyer verteilen. So wie Eva, 41 Jahre, Webdesignerin. Sie ist Teil einer Aufstehen-Ortsgruppe in Hamburg-Eimsbüttel. Zum ersten Treffen im Oktober, zu dem ein Nachbar über das Nachbarschaftsnetzwerk nebenan.de aufgerufen habe, seien mehr als 400 Leute gekommen. "Ich verstehe nicht, warum die Bewegung immer wieder als Rohrkrepierer dargestellt wird. Das entspricht gar nicht der Realität, wie ich sie in Hamburg wahrnehme. Das Interesse ist riesig und nimmt auch nicht ab", sagt sie.

Acht Ortsgruppen gebe es inzwischen in der Stadt, dazu elf Arbeitsgruppen, die sich etwa alle zwei Wochen treffen und zu Themen wie Frieden, Klimawandel, Wohnen, Postkapitalismus "nach Lösungen suchen", wie Eva sagt. Sie selbst sei zuvor nie politisch interessiert gewesen, habe auch nicht immer gewählt. Sie interessiere sich für Klimaschutz, fühle sich bei den meisten etablierten Parteien nicht aufgehoben und sympathisiere mit der Ökologisch-Demokratischen Partei. Einer Partei beitreten würde sie trotzdem nie. "Ich will mich da nicht festlegen. Ich finde es besser, über alle ideologischen Gräben hinweg zusammenzuarbeiten."

Solche oder ähnliche Stimmen sind an diesem Abend oft zu hören. Wer schon bei Aufstehen aktiv ist, gibt sich zuversichtlich, sieht den Erfolg der Bewegung nicht an die Prominenz einer Sahra Wagenknecht geknüpft. Und resignieren will hier niemand. "Sahras Rückzug ist nicht das Ende, jetzt geht es erst so richtig los", sagt Sabine, 53 Jahre, Krankenschwester und SPD-Mitglied. Sie ist zum ersten Mal bei einem Aufstehen-Event. An der Bewegung reize sie, dass diese die soziale Frage in den Fokus rücke. "Auf Umweltschutz können sich heutzutage ja alle einigen. Nichts gegen die Fridays-for-Future-Demos, eine tolle Sache. Aber warum gehen die jungen Leute nicht gegen hohe Mieten oder Leiharbeit auf die Straße?" 

"Ruhig auch zum rechten Spektrum hin öffnen"

Und doch, die Frage, ob Wagenknechts Rückzug aus der ersten Reihe für Aufstehen nun Chance oder Risiko bedeutet, ließ sich auch an diesem Abend nicht wegapplaudieren. Zumal es Zuhörer gab, die nur kamen, um endlich einmal die prominente Linke mit eigenen Augen zu sehen. "Wagenknecht ist einfach ein Popstar, die wollte ich unbedingt live erleben", erzählt ein Mann, 65 Jahre, adrett gekleidet, der hier nur "Herr Frank" genannt werden möchte. Er sei FDP-Mitglied, habe von der Idee hinter Aufstehen bislang nichts gehalten. "Aber dann habe ich die Frau Wagenknecht immer wieder in Fernsehtalkshows gesehen und war schwer beeindruckt. Leider gibt es sonst ja nur ganz wenige charismatische Politiker hierzulande", sagt Herr Frank. Christian Lindner sei da eine der wenigen Ausnahmen. Links würde er auch jetzt nicht wählen, meint Herr Frank noch, dennoch habe er "ein paar interessante Denkanstöße" mitgenommen.

Ähnlich sehen es Corinna und Thomas, 58 und 54 Jahre, beide Angestellte in einem Medienhaus. Politisch aktiv waren sie noch nie. Sie sind spontan gekommen, weil sie ein Plakat mit dem Konterfei von Wagenknecht in der Stadt sahen, erzählt Corinna. "Frau Wagenknecht ist einfach eine ganz tolle Frau. Ähnlich beeindruckt mich nur Frauke Petry. Das ist auch eine hochintelligente und sehr charismatische Frau. Schade, dass die nicht hier ist. Die gehört zwar zu einer ganz anderen politischen Richtung, aber so sehr rechts war die doch gar nicht. Wenn Frau Wagenknecht und Frau Petry einmal miteinander auf einer Bühne diskutieren könnten, das wäre ein Traum."

Kurz zuvor, im Laufe der Diskussion, hatte Wagenknecht noch erklärt, dass Aufstehen auch jene Wähler erreichen solle, die "aus lauter Wut" die AfD wählen. Ein guter Ansatz, findet Thomas. Überhaupt könne sich die Bewegung "ruhig auch zum rechten Spektrum hin öffnen", sagt Herr Frank, "auch zur AfD, warum nicht?" Doch solche Gedanken werden an diesem Abend nur selten laut ausgesprochen, sie bleiben die Ausnahme. Während Wagenknechts Rückzug auch in weiten Teilen der Linken für Debatten sorgt, üben sich ihre Anhänger in geradezu trotzigem Optimismus. Oder, wie die Aktive Eva eben noch sagte: "Irgendwie muss es ja weitergehen."