"Wir dachten, der Stint wäre unerschöpflich"

Der Stintbestand in der Elbe geht zurück, viele Fischer bangen um ihre Existenz – auch Walter Zeeck. Der 70-Jährige ist Elbfischer im Ruhestand, er arbeitet noch immer im Familienbetrieb seiner Söhne Claus und Harald im niedersächsischen Geversdorf mit. Er blickt auf über ein halbes Jahrhundert Stintfischerei zwischen Cuxhaven und Hamburg zurück und sagt: "So schlecht wie heute war es noch nie" – trotzdem würde er jungen Menschen nicht vom Beruf abraten. 

"Ich bin als 15-Jähriger an Bord gekommen, das war 1964. Ich habe bei meinem Vater gelernt, mit 18 meinen Gesellenbrief gemacht und mit 20 mein Kapitänspatent. Mit 23 oder 24 wurde ich dann Kapitän auf dem Kutter meines Vaters, mit einem Matrosen an Bord. So habe ich angefangen, selbstständig zu fischen. Damals hat die Elbfischerei im Winter von den Stinten gelebt. Am Altonaer Fischmarkt wurden früher bis zu 1.000 Tonnen Stint in der Saison angelandet. Meistens haben wir den Fisch zur Auktion nach Cuxhaven gebracht. 

Die Technik war aber nicht so weit fortgeschritten, dass wir immer hinkamen, wo wir hinwollten, weil wir kein Radar hatten. Wenn Nebel und Eis waren, konnten wir nicht raus, bei Sturm sowieso nicht. Dann kam es schon mal vor, dass man nicht jeden Tag Stint reinbringen konnte. Das war aber kein großes Problem, weil dafür andere Tage ertragreich waren. Wir konnten so viel Stint fangen, dass wir uns sogar selber beschränkt haben. Wenn der Preis runterging, haben wir eben nur 20 oder 30 Zentner abgeliefert, nicht mehr, damit wir den Preis hochhalten.

Das war schön für uns, dann brauchten wir nicht die ganze Woche zu fischen, sondern hatten ein bisschen mehr Freizeit und trotzdem Einnahmen. Wir dachten immer, der Stint wäre unerschöpflich. Den zu fangen, war für uns kein Problem – wenn wir denn fischen konnten.  

Abnehmer gab es immer genug

Ich konnte sehr gut von der Fischerei leben, ich habe ein Haus gebaut und eine Familie gegründet. Meine Frau hat im Betrieb mitgearbeitet und die Fische verkauft, damals noch vom Kutter aus, bei uns in Geversdorf. Oder wir haben sie direkt an die Händler entlang der Elbe verkauft, in der Nähe der Fangplätze zwischen Hamburger Hafen und Cuxhaven. Wir haben überall dort gehalten, wo wir gefischt haben und ans Ufer rankommen konnten, zum Beispiel bei Krautsand, Stadersand und Finkenwerder. 

Als Hamenfischer jagen wir den Fisch übrigens nicht, sondern legen unser Netz aus und der Fisch muss zu uns kommen. Er muss sagen: "Ich will bei der Ostetal ins Netz." Wir nutzen nur die Tideströmung aus. 

Als in den Achtzigerjahren wegen der verschmutzten Elbe der Einbruch in der Fischerei kam, haben wir nicht mehr im Raum Hamburg gefischt, weil da nicht mehr viele Fische waren, sondern um Brunsbüttel herum, wo es immer noch genügend gab. Das war zwar eine kritische Phase, aber wir hatten eben Ausweichmöglichkeiten, auch bis Cuxhaven hoch. Heute können wir wegen der großen Nachfrage viel Stint an Restaurants verkaufen, das ist das Gute. In den Siebziger- und Achtzigerjahren war Stint nicht so populär wie jetzt. Von meinem Vater und Großvater weiß ich noch, dass Hamburg sich früher im Winter vom Stint ernährt hat. Da gab es vor allem für die Arbeiter im Hafen Stint aus der Pfanne, in Restaurants weniger. Als der Wohlstand kam, haben die Leute stattdessen wohl lieber Schnitzel und Hähnchen gegessen. Trotzdem hatten wir immer genügend Abnehmer, in ganz Europa nachher. Wir haben Stint später von Frankreich bis nach Holland geliefert. 

"Als Fischer ist man Optimist"

"Zehn Zentner pro Tide waren keine Seltenheit"

In den letzten Jahren haben wir aber gemerkt, dass es nicht mehr so gut funktioniert wie früher, weil wir einfach nicht mehr solche Fänge hatten. Wenn nur noch ein oder zwei Zentner pro Tide im Netz sind, dann macht man sich schon mal Sorgen. Das Einzige, was uns entgegengekommen ist, waren die Preise, die durch die Knappheit gestiegen sind. Dadurch war es wieder wirtschaftlich. Existenzgefährdend ist es dadurch bis jetzt zum Glück nicht gewesen. 

Zu meinen Anfangszeiten waren zehn Zentner pro Tide keine Seltenheit, 15 Zentner waren ein guter Fang. Aber so schlecht wie heute war es noch nie. Ich bin zwar nicht mehr aktiv an Bord, weiß aber von den Söhnen, was die da fangen. Wir besprechen ja auch, wo man wann hinfahren kann, da halte ich mich mit meinem Wissen auch überhaupt nicht zurück. Wenn sie die Netze reinziehen, ist da vielleicht noch ein halber Zentner oder ein Zentner drin, wo früher zehn drin waren. Das ist enttäuschend und stimmt nachdenklich. 

Aber als Fischer ist man Optimist. Wir sind ja ein reiches Land und haben ein Umweltbewusstsein entwickelt, das es früher so nicht gab. Deshalb hoffe ich, das ist wieder in den Griff zu kriegen. Ich würde auch heute noch keinem, der diesen Beruf ergreifen will, davon abraten. Aber das müssen besondere Menschen sein. Dieser Beruf ist mit so vielen Entbehrungen verbunden. Deshalb ist ja auch ein großer Teil der Fischereibetriebe eingegangen. Denn wenn das Geld nicht stimmt und die Arbeitszeit zu viel ist, dann laufen viele weg. Aber das muss man überbrücken und durchstehen können. Man muss gerne Fischer sein."