Fast alle haben sich in der Debatte um die Akustik der Elbphilharmonie schon geäußert: Akustiker, Konzertveranstalter, Musikkritiker, andere Journalisten. Die Künstler, die auf der Bühne stehen, haben sich bislang rargemacht – wohl auch wegen der heftigen Reaktionen auf das Interview mit dem Münchner Tenor Jonas Kaufmann nach dessen unglücklich verlaufenem Konzert im Januar, das der Auslöser der neuerlichen Debatte war. Eine der ersten Reaktionen auf den entsprechenden ZEIT-ONLINE-Beitrag "Klingt ziemlich traurig" kam von Igor Levit, der den Großen Saal gut kennt und die Debatte aufmerksam verfolgt.

ZEIT ONLINE: Herr Levit, zwei Monate nach Eröffnung der Elbphilharmonie hatten Sie dort ein umjubeltes Debüt – unter schwierigen Umständen, nämlich als Einspringer für Lang Lang. Sind Sie als Pianist schon einmal an einem Konzertsaal gescheitert?

Igor Levit: Es gibt misslungene Säle, keine Frage. Aber so groß ist unsere Welt nicht, dass man das als Künstler nicht vorher weiß. Wenn man dann aber trotzdem dort auftritt und einen Abend hat, der nicht ganz gelungen ist – dann finde ich es hoch problematisch, das auf den Saal zu schieben.

ZEIT ONLINE: Aber es gibt Abende, die misslingen, ohne dass Sie etwas dafür können.

Levit: Natürlich gibt es schwierige Abende. Ein Beispiel, das regelmäßig vorkommt: Ich fange an zu spielen, dann klingelt das erste Handy, dann das zweite Handy, dann das dritte Handy. Das bringt mich raus. Und diese Abende werden dann eine Qual. Ich finde, das darf man ansprechen, einige Kollegen haben auch schon das Konzert abgebrochen deshalb. Aber das ist eine Sondersituation, es geht ja um einen Störfaktor, der nicht nur mich, sondern auch den Großteil des übrigen Publikums beeinflusst. Aber sich nach einem schwierigen Abend hinzustellen und zu sagen, das Publikum ist schuld – das finde ich einfach vollkommen daneben.

ZEIT ONLINE: Noch einmal zum Verständnis – welche Rolle spielt der Konzertsaal für einen Künstler auf der Bühne?

Levit: Eine immens große – ein toller Saal kann mich ungeheuer beflügeln. Aber mein Mantra ist: Wir Menschen geben dem Raum Leben und nicht umgekehrt. Das ist meine Meinung.

ZEIT ONLINE: Aus Ihrer Erfahrung: Ist die Elbphilharmonie ein toller Saal?

Levit: Der Große Saal ist fantastisch. Er hat seine Tücken, daran gibt es für mich keinen Zweifel. Und jetzt kommt das große "Aber": Da gehen Menschen hin, die einen wunderschönen Abend haben wollen – und das sage ausgerechnet ich, der ich sonst keine Gelegenheit auslasse, den Bezug zwischen Kunst, Politik und realem Leben herzustellen. Aber die Menschen, die ins Konzert gehen, wollen Musik hören und sich von der Musik berühren lassen. Wollen wir denen wirklich sagen: Geh da nicht hin, der Raum ist blöd? Jeder Mensch ist frei, nicht hinzugehen. Aber wenn du hingehst, bist du verpflichtet, mit dem Raum auch umzugehen. Was gab es nicht schon für bedeutende Aufführungen in fürchterlichen Sälen – Bruckners Achte unter Celibidache im Münchner Gasteig! Der Abend ist bis heute unvergessen, die, die da waren, sprechen heute noch davon. Deshalb finde ich es vermessen und arrogant, sich so über einen Raum zu erheben.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie die Diskussion um die Akustik der Elbphilharmonie bislang erlebt?

Levit: Ich weiß noch, wie ich am Abend der Eröffnung in Berlin saß – ich glaube, es war Berlin, es könnte auch jede andere Stadt gewesen sein. Und ich habe gelesen, wie ein paar Journalisten diskutieren: Ach, der Klang in Reihe 16 ist ja so toll. – Was, nein, in Reihe 19 ist alles total furchtbar. Und ich dachte: Leute, worüber redet ihr? Für wen schreibt ihr das? Für euch selbst oder für die Menschen in diesem Land? Gibt es nicht so viel Wichtigeres? Die Debatte langweilt mich. Ja, der große Saal der Elbphilharmonie hat seine Probleme, wie jeder Saal, in dem man hinten und vorn sitzen kann, das weiß man. Und deshalb verstehe ich nicht, worüber wir hier reden: Entweder man entscheidet sich, mit den akustischen Verhältnissen umzugehen, oder man lässt es bleiben. Aber den Saal mit anderen Sälen in anderen Städten zu vergleichen, bringt niemanden weiter.  

ZEIT ONLINE: Wir haben Ihr Konzert als Einspringer im März 2017 weiter oben als großen Erfolg bezeichnet – wie ging es Ihnen damals auf der Bühne?

Levit: Ich durfte ein Rezital spielen. Ich kam rein und merkte, der Raum ist sehr hellhörig, sehr laut. Man hört alles, auch auf der Bühne, und das bedeutet auch: Man hört jeden einzelnen Menschen im Saal. Und jeder einzelne hört dich, du kannst dich hinter gar nichts verstecken. Jeder Fehler, jede Ungenauigkeit wird brutal gestraft. Aber hey, was soll's – ich habe einen Raum erlebt, der mir als Solist jede Möglichkeit gegeben hat, das zu tun, was ich wollte. Ich habe Menschen nah erlebt, ich habe Bewegung gehört, Atem gehört, du merkst, wie da 2.100 Menschen sitzen, die dir nur aufs Wärmste Gutes wünschen.

ZEIT ONLINE: Was ist, von der Bühne aus, der Unterschied zwischen einem guten Saal und einem weniger guten?

Levit: Da wird Ihnen jeder Musiker etwas anderes sagen. Es gibt viele Faktoren: Wärme, Licht, Ton, Größe, die Nähe zum Publikum, die Art und Weise, wie der Ton aus dem Saal wieder auf die Bühne zurückkommt. Es gibt Bühnen, auf denen ich mich unwohl fühle. Aber nur sehr wenige. Letztendlich macht man es sich auf der Bühne gemütlich, man macht es sich schön, wie in jeder Wohnung auch.

ZEIT ONLINE: Wie geht das? Wie machen Sie es sich auf der Bühne gemütlich?

Levit: Meistens läuft es ja so: Ich komme an, am Konzerttag oder am Tag vorher, und habe eine Probe. Da geht es schon los: Wie werde ich betreut? Wie viel Zeit habe ich? Kann ich mit dem Licht arbeiten? Es ist sehr wichtig, sich rechtzeitig zu entscheiden: Wie gut ist das Licht, wo stehe ich, wo sitze ich – das sind keine Oberflächlichkeiten, es ist das Grundgerüst dafür, dass ein Abend funktioniert. Die meisten Tourneen laufen nach Schema F: Ein Künstler kommt mit einem Programm an, das er schon 15-mal gespielt hat, macht schnell eine Anspielprobe, ein paar Minuten, gut, fertig, reicht doch. Aber es reicht eben nicht. Wie viel Zeit hatten denn die Künstler, die angeblich in der Elbphilharmonie gescheitert sind? Wie viele Proben hatten sie? Hatten sie mal eine Stunde, um verschiedene Positionen auszuprobieren? Das sind für mich die relevanten Fragen. Und nicht: Ist das Material an den Wänden das richtige? Und natürlich geht da der Blick auf die Betriebsabläufe – das Tourneegeschäft ist ja toll, es beschert vielen Menschen sehr berührende Konzerte, aber es ist auch sehr hart. Man hat sehr wenig Zeit, um sich an eine komplett neue Umgebung anzupassen, in einer halben Stunde Anspielprobe ist das nicht unproblematisch. Diese Fragen sollte man stellen.

ZEIT ONLINE: Macht man es sich zu leicht, wenn man sagt, für das Gelingen eines Konzerts ist der Künstler zuständig?

Levit: Natürlich macht man es sich zu leicht. Das ist ein genauso dummer Satz wie "Qualität wird sich immer durchsetzen" und "Wer gut genug ist, wird auch berühmt". In unserem Beruf spielen Beurteilungen und Geschmacksfragen eine unglaublich große Rolle – alles wird immer gegeneinander ausgespielt, immerzu geht es darum, wer besser ist als der andere, aber es gibt dafür keine numerischen Kriterien, es gibt keine objektive Sicht. Entweder liebe ich die Stimme eines bestimmten Sängers oder nicht, er berührt mich oder nicht. Insofern: Nein, ein Künstler ist nicht allein verantwortlich für den Erfolg eines Konzertes, denn was soll das sein, Erfolg? Frau Müller aus Reihe 23 wird vielleicht tief berührt nach Hause gehen und Herr Müller neben ihr wird sagen, das hat mir überhaupt nichts gegeben. Das ist so, das darf man nicht vergessen. Aber noch wichtiger ist: Im Publikum sitzen Menschen, die mir ihre Zeit schenken und auch noch Geld dafür bezahlen. Und ich habe ihre Aufmerksamkeit – und werde auch noch dafür bezahlt. Und sie glauben mir, dass ich ein Programm mitbringe, an das ich hoffentlich glaube. Die Dankbarkeit dafür darf man nie, nie, nie vergessen. Ohne das Publikum wären wir nicht da. Das ist das Fundament, auf dem alles steht.

Dies ist ein Artikel aus dem Hamburg-Ressort der ZEIT. Hier finden Sie weitere News aus und über Hamburg.