Oliver Hollenstein © Maria Feck

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor wenigen Wochen attestierten Forscher der hamburgischen Verwaltung, bei der Digitalisierung ganz weit vorn zu sein: Spitze unter den Bundesländern! Nach dem gestrigen Tag sorgt man sich da ernsthaft um die anderen Länder, denn die Hamburger Verwaltung hat sich selbst lahmgelegt: Ausgerechnet eine Systemadministratorin des IT-Dienstleisters Dataport verschickte um 13.30 Uhr eine E-Mail an alle 65.000 Mitarbeiter der Stadt. Betreff: "Ich habe die Berechtigung für meinen freigegebenen Kalender aktualisiert". Viele Beamte reagierten sofort, natürlich wiederum an alle 65.000 Mitarbeiter. Nach kurzer Zeit hatten sämtliche städtischen Mitarbeiter Hunderte Mails im Postfach, bei vielen stürzten die Programme ab. Am Nachmittag musste Dataport schließlich die Server entlasten, indem die Antwort-Funktion abgeschaltet wurde. Dann war Ruhe.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag ohne IT-Probleme!

Ihr Oliver Hollenstein

Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns: hamburg@zeit.de.

Aktuelles

© Felix Ka\u0308stle/dpa

Der Hamburger Spatz stirbt aus

Der Mangel an Naturflächen und die fortschreitende Bodenversiegelung gefährdet die Artenvielfalt in der Stadt, das pfeifen die Spatzen von den Dächern. Nur, dass es kaum noch Spatzen in Hamburg gibt. Der Haussperling steht auf der Roten Liste bedrohter Arten – zum ersten Mal in einer deutschen Großstadt, wie Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) gestern mitteilte. Auch der hiesige Star ist vom Aussterben bedroht. "Die Ursachen sind vielfältig", erklärte Kerstan. Gerade der Spatz, der gerne an Hauswänden nistet, findet an modernen, lückenlos gedämmten Fassaden kaum Unterschlupf. Auch der Trend zu pflegeleichten Kiesbeeten macht Vögeln zu schaffen. Wo nichts wuchert oder blüht, bleiben die Insekten aus, mit denen Brutvögel ihre Küken füttern. Um gegenzusteuern, setzt die Behörde auf zusätzliche Biotop-Flächen. Auch Privatleute sollten an den Artenschutz denken und Nistkästen anbringen.

                                                                                       Annabel Trautwein

 Wie behindertenfreundlich ist die Stadt?

 Vor zehn Jahren, am 26. März 2009, ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten. Aus diesem Anlass resümierte Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) gestern, wie weit die Stadt ist, Menschen mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Ihr Fazit: Man habe viel erreicht. Zum Beispiel habe sich der Senat ins Zeug gelegt, um Haltestellen und öffentliche Gebäude barrierefrei umzubauen. Auch gebe es inzwischen regelmäßig Kino- oder Theatervorstellungen mit Audiodeskription für blinde oder sehbehinderte Menschen und einige Informationsbroschüren von Behörden in leichter Sprache. Aber: "Wir haben auch noch einen gewissen Weg vor uns", räumte Leonhard ein. Wie behindertenfreundlich erleben Sie die Stadt? Schreiben Sie uns an hamburg@zeit.de.

Ottensen soll für ein halbes Jahr autofrei werden

Wäre das Leben im Herzen Ottensens ohne Autos angenehmer – oder umständlicher? Das wollen CDU und Grüne im Bezirk Altona mit einem Test herausfinden. Ihrem Antrag zufolge soll ab September das Gebiet zwischen Alma-Wartenberg-Platz und Spritzenplatz für ein halbes Jahr autofrei werden – mindestens bis zur Mottenburger Straße, womöglich sogar abschnittsweise bis zu den Straßen Am Felde, Eulenstraße, Große Rainstraße, Klausstraße und Nöltingstraße. Erlaubt sind dann nur noch Rettungsfahrzeuge, Lieferwagen, Müllwagen sowie die Fahrzeuge von Handwerkern und Anwohnern mit Behinderung. Alle anderen müssten ausweichen – etwa auf die umliegenden Parkhäuser. Morgen Abend entscheidet die Bezirksversammlung.

                                                                                    Annabel Trautwein

In einem Satz

Zwei Tage nach seiner Nominierung als Spitzenkandidat durch den CDU-Parteivorstand hat Marcus Weinberg die Partei auf den Wahlkampf eingeschworen +++ Horst Niens heißt der neue Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) +++ Bei einem Unfall auf der Köhlbrandbrücke ist ein 24 Jahre alter Mann gestorben +++  In der Norderelbe vor der Veddel hat die Feuerwehr einen toten Mann geborgen

Was heute auf der Agenda steht

Die Bürgerschaft tagt und debattiert unter anderem über das umstrittene AfD-Meldeportal "Neutrale Schulen Hamburg" und die Ida-Ehre-Schule +++ Der Zoll stellt seine Jahresbilanz 2018 vor +++ Bürgermeister Peter Tschentscher, Schulsenator Ties Rabe und Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (alle SPD) eröffnen in Mümmelmannsberg das "MINTarium", eine Mitmachausstellung für Mathematik und Naturwissenschaften

WAS SIE INTERESSIEREN KÖNNTE

Alltagsreporter: Die Arbeitsvermittlerin

Ich denke bei manchen Kunden nicht sofort an die Jobsuche. Einen Job findet der Mensch meist ganz allein, sobald er wieder selbstbewusst und aufrecht gehen kann und das Gefühl hat: Ich bin wer, da glaubt jemand an mich! Manche Kunden kommen zu mir und sagen: "Ich habe den Grabstein schon neben mir. Ich bin 57, das wird nichts mehr, können Sie vergessen." Die erzählen dann von einer Scheidung und von Kindern, die sagen: "Papa, du bist blöd, alt und hässlich." Diese Menschen stellen häufig ihr gesamtes Leben infrage. Neulich hatte ich so einen bei mir – und dann erzählte er, dass er seit 25 Jahren eine Jugendfußballmannschaft trainiert. Er engagiert sich, macht und tut und sagte aber, er könne nichts. Das sah ich dann anders. Ich schlug ihm vor, zu gucken, ob der Verein ihn vielleicht einstellt – mit einer Förderung. "Was, das geht?" Ja, das ging.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

© Annabel Trautwein

Cola fürs Karma

Der Markt ist mehr als gesättigt, die Konkurrenz hellwach – wozu braucht es da noch eine Cola made in Hamburg? Ein Jahr lang hat der Lebensmittelwissenschaftler Jan van Schwamen in einer fensterlosen Kammer auf St. Pauli getüftelt und getestet, um seine Community Cola zu entwickeln. Sie soll den Trend zu immer mehr neuen Zutaten umkehren – zurück zu den Ursprüngen des Koffein-Softdrinks, sagt der Gründer. Für den Geschmack sorgen Gewürze und Zitrusfrüchte. Ein Naturprodukt? Fraglich, es geht schließlich immer noch um Cola. Ein gutes Gefühl verspricht das Start-up trotzdem: Jeder verkaufte Kasten seines Getränks generiert Geld für soziale Projekte in Hamburg, welche, entscheiden die Kunden. Annabel Trautwein hat im Labor des Cola-Brauers vorbeigeschaut. Ihren Bericht lesen Sie hier.

Wie kann Hamburg besser werden, Frau Müller?

© Annabel Trautwein

"Der ÖPNV in Allermöhe muss deutlich besser ausgebaut werden. Wenn hier die Bahn ausfällt, so wie es im vergangenen Sommer immer wieder passiert ist, dann ist man abgehängt. Und die Bahnen, die fahren, werden immer voller. Zudem gibt es zu wenige Stadtrad-Stationen. Wie der öffentliche Nahverkehr hier noch funktionieren soll, wenn der neue autofreie Stadtteil Oberbillwerder dazukommt, sehe ich derzeit überhaupt nicht."

Miriam Müller, 40 Jahre, wohnt in Allermöhe und war beim Kneipengespräch im Café Nes dabei. Sagen Sie uns unter www.hamburgbessermachen.de, was nicht so gut läuft in Hamburg und was man ändern könnte.

© Staatsarchiv Hamburg, mit besonderem Dank an Joachim Frank

So sah das aus:

Botanischer Garten, um 1890

Pflanzen und Blumen gab es hier schon um 1890. Der Botanische Garten machte aber nur einen kleinen Teil des heutigen Parks zwischen Neustadt und St. Pauli aus. Als dieses Bild aufgenommen wurde, lag im Rücken des Fotografen noch der Zoologische Garten, an den heute die Tiergartenstraße erinnert. Zwischen Flora und Fauna befanden sich die Dammtorfriedhöfe, wo noch bis ins 20. Jahrhundert beerdigt wurde. Zu Planten un Blomen wurde das Areal erst mit der Niederdeutschen Gartenschau 1935, die der nationalsozialistische Senat gleich doppelt nutzte: Zur Inszenierung norddeutscher Heimatidylle ließ man bis zu 1800 Menschen gleichzeitig das Gelände beackern – von Hand, denn mithilfe von Maschinen hätten auch weniger gereicht. So frisierte man nebenher die Arbeitslosenstatistik. Seine heutige Gestalt verdankt Planten un Blomen vor allem den Internationalen Gartenschauen der Nachkriegszeit. Nach der dritten Schau 1973 ist das Potenzial des Parks erschöpft, der Bau des Kongresszentrums CCH brachte ihm auch nicht viel mehr ein als einen Spottnamen: "Platten und Beton".

                                                                                     Annabel Trautwein

WAS SIE HEUTE ERLEBEN KÖNNEN

Mittagstisch

Zu Hause auf St. Pauli

Wie schön, dass entspannte, freundliche und im besten Sinne altmodische Orte wie das Café Mimosa noch existieren. Unter hohen Stuckdecken auf knarzendem Holzfußboden genießt man sehr gutes, günstiges und bis in die Kleinigkeiten hausgemachtes Essen. Heißer Holunderblütensaft (3,40 Euro) begleitet beim Mittagstisch eine wahrhaft wunderbare Gemüsesuppe (5,50 Euro), bei der es einfacher wäre zu schreiben, was nicht in ihr enthalten ist, so üppig ist sie bestückt. Obstsaft kommt von der eigenen Streuobstwiese, auch die Quiche schmeckt hervorragend und saftige Torten warten in der Vitrine auf Dessertfreunde. Ebenfalls empfohlen werden kann das warme Brioche mit Zitronensorbet oder Orangenmarmelade für 3,70 bzw. 2,90 Euro. In der Küche steht ein Sizilianer, vermutlich ist die Pizza (nur mittwochs) also auch sehr gut. An antiken und schön schrammeligen Tischen mit frischen Blumen sitzen die Gäste vor großen Fenstern, schauen dem Straßenleben zu und fühlen sich zu Hause.

St. Pauli, Café Mimosa, Clemens-Schultz-Straße 87, Mi. bis So. 10 bis 19 Uhr, Mittagstisch Mi. bis Fr.

 

Christiane Paula Behrend

Was geht

Berlinbuch: Frank lebt zur Wendezeit in Berlin und genießt das Nichtstun. Er hat Marta im Westen und Rosa im Osten, am Fall der Mauer also echt kein Interesse. "Frank Goosens neuer Roman ist eine wunderbare Komödie über die Zeit, in der es mehr Deutschlands gab, als man brauchte", schreiben Kritiker. Lesung: "Kein Wunder".

Fabrik, Barnerstraße 36, 20 Uhr, 22 Euro

Bluesbühne: "Blues hilft mir dabei, ich selbst zu bleiben", beschreibt Adia Victoria ihre Beziehung zur Musik. Die Amerikanerin spielt nicht nur virtuos auf der Gitarre und haucht Songs mit junger und doch reifer Stimme ins Mikro, sie gilt auch als einmaliges Talent dafür, alte Sounds neu zu deuten.

Nochtspeicher, Bernhard-Nocht-Straße 69, 20 Uhr, VVK 15 Euro

Bandflimmern: Die "Banda Comunale", eine kleine Dresdner Demokapelle, spielte 2015 gegen Pegida an. Vor Flüchtlingsheimen gaben die Musiker Willkommenskonzerte, schlossen sich zusammen mit Geflüchteten, wurden zur "Banda Internationale". Der Film "Wann wird es endlich wieder Sommer?" begleitet die Gruppe ein Jahr lang. Er ist Zeitdokument, Porträt einer Stadt und eines Landes in einem, Drama, Komödie und Musikstreifen.

Café Chrysander, Chrysanderstraße 61, 20 Uhr, Spenden erbeten

Hamburger Schnack

Beim Bäcker am U-Bahnhhof Jungfernstieg, ein Kunde kauft auf dem Nachhauseweg ein belegtes Brötchen.

Verkäuferin: "Das macht 1,49 Euro. Brauchen Sie den Bon?"

Kunde: "Nee, danke."

Verkäuferin: "Damit Ihre Frau wohl nichts vom Brötchen mitbekommt so kurz vorm Abendessen?"

 

Gehört von D.S.

Meine Stadt

Als ich neulich meiner sechsjährigen Tochter die ZEIT als Malunterlage gab, kam ein ganz anderes Bild heraus als die sonst üblichen Pferde-und-Einhorn-Szenarien. © Anne Lüder

Korrektur

In unserem gestrigen Newsletter hieß es in der Rubrik "In einem Satz": "Das Landgericht hat einen 40-Jährigen zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er vor einem Jahr in einer Seniorenwohnanlage in Poppenbüttel eine 93-Jährige überfallen und schwer verletzt hatte." Das ist nicht ganz korrekt, bei dem Täter handelt es sich um eine Frau.

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Cola fürs Karma. Ein Hamburger tüftelt allein im Labor an einem neuen Cola-Rezept – und sagt nun den großen Konkurrenten den Kampf an. Was treibt ihn an?