An deutschen Bahnhöfen wird verstärkt gewarnt: "Aggressive organisierte Bettelgruppen" seien als Zeitungsverkäufer unterwegs, besondere Achtsamkeit sei geboten. Ob tatsächlich organisierte Banden am Werk sind, lässt sich nicht belegen. Doch das bisweilen offensive Betteln scheinbarer Verkäufer macht Straßenmagazinen wie der Hamburger "Hinz&Kunzt" zu schaffen. Vom Dilemma, sich wehren zu müssen und helfen zu wollen, berichtet "Hinz&Kunzt"-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer im Interview.

ZEIT ONLINE: Wer sind die "aggressiven, organisierten Bettelgruppen", vor denen an Bahnhöfen gewarnt wird?

Karrenbauer: Nach meiner Erfahrung sind das am Hamburger Hauptbahnhof sechs, sieben Leute. Vielleicht kennen die sich, vielleicht ist es auch eine Familie. Aber dass es sich da um organisierten Bettelgruppen oder Banden handelt, können wir nicht bestätigen. Natürlich kann man nicht ausschließen, dass es so was gibt, aber wir haben darauf nie konkrete Hinweise gehabt. Meine Theorie ist eher, dass Leute an kriminelle Banden glauben wollen, um sich nicht so intensiv mit der Armut der Menschen auseinandersetzen zu müssen. Wenn ich mir vorstelle, dass wirklich alle Bettler, die ich unterwegs sehe, am Existenzminimum sind und nicht wissen, was sie essen und wo sie schlafen sollen – das ist schwer auszuhalten.

ZEIT ONLINE: In Hamburg fallen immer wieder Leute in der Stadt auf, die mit Hinz&Kunzt in der Hand betteln. Was ist da los?

Stephan Karrenbauer: Die Armut auf der Straße wird einfach sichtbarer. Wir haben immer mehr Menschen, die darauf angewiesen sind, mit dem Verkauf von Straßenzeitungen oder eben mit Betteln über die Runden zu kommen. Darunter gibt es leider auch Personen, die die Zeitung zum Betteln benutzen oder Leute auf der Straße belästigen, etwa indem sie sich ihnen in den Weg stellen.

Stephan Karrenbauer, 57 Jahre, ist Sozialarbeiter und politischer Sprecher von "Hinz&Kunzt". Seit 24 Jahren setzt er sich beim Hamburger Straßenmagazin für die Belange von Obdachlosen ein. © Lena Maja Wöhler

ZEIT ONLINE: Woran liegt es, dass die öffentlich sichtbare Armut zunimmt?

Karrenbauer: Die neuste Untersuchung der Sozialbehörde zeigt, dass wir in Hamburg etwa 2.000 Personen haben, die auf der Straße leben. Mehr als 60 Prozent sind aus Osteuropa gekommen in der Hoffnung, hier Arbeit zu finden. Wir haben offene Grenzen: Jeder Mensch in Europa darf mindestens drei Monate in einem anderen Land der EU Arbeit suchen. 2014 haben Rumänien und Bulgarien die volle EU-Zugehörigkeit bekommen. Von dort sind nun viele unterwegs, um ihre Familien in der Heimat zu unterstützen. Wenn sie hier keine Arbeit finden, versuchen einige über die Runden zu kommen, indem sie Betteln, Pfandflaschen sammeln, Musik machen, offiziell oder scheinbar die Hinz&Kunzt verkaufen – immer in der Hoffnung, dass sich ihre Situation bald bessert.

ZEIT ONLINE: Wie wirkt sich die Konkurrenz von Bettlern, die sich als Hinz&Kunzt-Verkäufer ausgeben, auf die "echten" Verkäufer aus?

Karrenbauer: Genauso wie viele Passanten sind die meisten Hinz&Kunzt-Verkäufer davon genervt. Wenn die Straßenzeitung zum offensiven Betteln benutzt wird, ist das natürlich imageschädigend für alle – auch für die, die sich an die Regeln halten. Hinter dem Verkauf steht ja ein System. Zum Beispiel sollen die Leute nicht gleichzeitig die Hinz&Kunzt verkaufen und betteln. Solche Regeln sind entscheidend, damit wir in der Stadt anerkannt sind und nachhaltig helfen können. Wenn das immer wieder missachtet wird, dann schadet uns das. Unsere Verkäufer fordern uns dann auf: Da müsst ihr hin, das müsst ihr schnell klären. Wir versuchen natürlich, mit den Bettlern ins Gespräch zu kommen und denen unsere Verkaufsregeln zu erklären. Allerdings ist es schwierig, ein Einsehen zu bewirken. Der Sozialarbeiter hat ja immer leicht reden, aber die Leute wissen einfach nicht, wie sie sonst über die Runden kommen sollen.