Im Hamburger Stadtteil Stellingen ist Mitte März ein 48-jähriger Radfahrer gestorben, nachdem er von einem rechts abbiegenden Lastwagen überrollt wurde. Jedes Jahr sterben im Schnitt 28 Radfahrer in Deutschland, weil Lkw-Fahrer sie beim Abbiegen übersehen. In trauriger Regelmäßigkeit enden diese Szenen tödlich. Erst vor einem Monat starb in Berlin eine Radfahrerin, vor zehn Monaten wurde eine junge Mutter in Hamburg tödlich verletzt. Brenzlige Situationen mit Lastwagen aus Radfahrersicht kennen viele – wir haben einen Lkw-Fahrer gefragt, wie sich der moderne Stadtverkehr anfühlt. Er arbeitet für ein Hamburger Speditionsunternehmen und möchte anonym bleiben.

Trauer und Entsetzen, Mitleid mit den Angehörigen. Das fühle ich, wenn ich höre, dass schon wieder ein Radfahrer tödlich verunglückt ist, weil er von einem rechts abbiegenden Lkw erwischt wurde – so wie gerade in Hamburg. Mein zweiter Gedanke gilt dem beteiligten Lkw-Fahrer: Junge, was ist da nur passiert? Hast du auch alles richtig gemacht? Die Seitenspiegel korrekt eingestellt, vorm Abbiegen mehrmals nach links und rechts geschaut? Und wie geht es dir jetzt damit? 

Ich finde es wichtig, immer beide Seiten zu betrachten. Das ist etwas, was mir in der öffentlichen Debatte nach einem solchen Verkehrsunglück oft fehlt: Ja, vermutlich hat der Lkw-Fahrer Schuld. Er wird diese Schuld sein Leben lang mit sich tragen. Doch um zu begreifen, wie es überhaupt zu diesen gefährlichen Szenen kommt und wie sich diese vermeiden ließen, muss man sich auch einmal in die Fahrer hineinversetzen.

Für mich ist das Rechtsabbiegen eine der stressigsten Situationen im Straßenverkehr. Neulich war ich wieder auf einer viel befahrenen Straße in Hamburg unterwegs, bei leichter Dämmerung. Vor mir eine Kreuzung. Ich fahre langsam an, der Blinker rechts ist gesetzt, die Straße rechts neben mir ist frei. Ich schaue, ob links neben mir Pkw stehen, denn so ein Lastwagen schert beim Abbiegen sehr weit mit dem Heck aus, der Abstand sollte also nicht zu klein sein. Sieht alles gut aus, denke ich noch, schaue instinktiv aber wieder und wieder nach rechts, obwohl da gar nichts ist­ – zumindest sehe ich nichts. Doch dann, die Ampel schaltet auf Grün, schießt ein Radfahrer an mir vorbei nach vorn. Blitzschnell. Ich bin wie gelähmt. Hätte ich nicht so lange gewartet, hätte ich ihn womöglich umgefahren.

Die Technik, die Unfälle vermeidet, kommt spät

So etwas geht mir sehr nahe, ich muss mich dann erst einmal sammeln. Der Radfahrer befand sich im toten Winkel. Von meinem Fahrersitz aus konnte ich ihn nicht sehen, auch durch den Spiegel nicht. Gerade in Ballungsräumen, in Großstädten mit viel Radverkehr, erlebe ich solche Szenen sehr oft. Ich selbst habe dabei zum Glück noch keinen Unfall gebaut. Aber natürlich wird man mit jedem Unglück, das durch die Medien geht, angespannter und noch vorsichtiger, das Kopfkino schaltet sich dann sofort an.

Je größer dein Fahrzeug, umso mehr Verantwortung trägst du. Du musst dich in die Perspektive anderer Verkehrsteilnehmer hineinversetzen, für sie mitdenken. Die Autos, die Radfahrer, die Fußgänger – du musst sie alle im Blick haben, das gehört einfach dazu. Doch einem Lastwagen sind auch Grenzen gesetzt: Ein 40-Tonner braucht nun mal seine Zeit beim Anfahren, er muss weit ausholen beim Abbiegen, und vor allem kann der Fahrer nicht mal eben aus dem Führerhaus steigen, um den toten Winkel einzusehen.

Die Spedition, bei der ich arbeite, war das erste Hamburger Unternehmen, das auf Abbiegeassistenten gesetzt hat. Unsere Flotte umfasst 40 Lkw, 17 haben einen Abbiegeassistenten. Drei Lkw haben wir nachgerüstet, die restlichen hatten bereits ein fest verbautes System von Mercedes Benz. Wir werden jetzt nach und nach alle Lkw nachrüsten, gerade testen wir noch einzelne Systeme dafür. Warum das nicht schon viel früher passiert ist?

"Ich wünsche mir: mehr Respekt und Empathie auf der Straße"

Das Bundesverkehrsministerium hat zwar einen fünf Millionen Euro großen Fördertopf für den Einbau von Abbiegeassistenten eingerichtet. Die Nachfrage war groß, nach wenigen Tagen war das Geld verteilt. Nur gab es ein Problem: Gefördert werden nur Systeme, die bestimmte Mindestvoraussetzungen erfüllen, die das Kraftfahrtbundesamt festgelegt hat. Wochen später hatte noch kein System die nötige Betriebserlaubnis, weil die Hersteller diese noch nicht beantragt hatten. Das heißt: Viele Unternehmen bekamen Geld, konnten es aber gar nicht einsetzen, weil es noch keine technisch zugelassenen Systeme auf dem Markt gab. Das ändert sich jetzt, in den kommenden Monaten werden viele Betriebe schrittweise nachrüsten, da bin ich mir sicher.

Das ist natürlich eine Investition: Einen Wagen nachzurüsten, kostet zwischen 1.000 und 2.000 Euro. Das original fest verbaute System kostet etwa 2.500 Euro. Das muss sich ein Betrieb erst mal leisten können. Dennoch bin ich absolut für eine gesetzliche Pflicht – so viel muss einem die Sicherheit auf der Straße wert sein. Alle meine Kollegen denken so. Mit einem Abbiegeassistenten lassen sich so viele Unfälle vermeiden und der enorme Stress, unter dem viele Fahrer heute ohnehin schon stehen, würde sich reduzieren. Das ist am Ende doch auch im Interesse der Unternehmer.

"Warum nicht jeden Fahrschüler mal in einen Lkw setzen?"

Nicht von jetzt auf gleich, die Politik sollte den Betrieben für die Nachrüstung einen realistischen Zeitkorridor lassen. Zu lange sollte man aber auch nicht warten: Die EU diskutiert ja bereits darüber, keine Lkw ohne Abbiegeassistent mehr zuzulassen. Mein Standpunkt: Bis 2022 sollten alle Fahrzeuge nachgerüstet sein. Spätestens!

Aber mir ist noch etwas anderes wichtig. Ich wünsche mir sehr: mehr Respekt, Empathie und gegenseitiges Verständnis im Straßenverkehr. Ich fahre seit 13 Jahren in und um Hamburg und finde es erschreckend, wie sich das Klima auf der Straße verändert hat. Man merkt den Menschen an, dass sie oft unter Zeitdruck stehen, extrem gereizt durch den Alltag gehen. Egal ob Radfahrer oder Autofahrer, alle wollen immerzu recht behalten und schreien sich sofort an, wenn mal für kurze Zeit ihr Weg blockiert ist. Die Fronten verhärten sich immer mehr. 

Dazu kommt, dass der Verkehr immer dichter wird. Vom Hamburger Norden bis in den Süden brauchen unsere Fahrer gut eine Stunde. Dazu die vielen Baustellen und immer mehr osteuropäische Lkw auf den Straßen, die meistens kein Navigationssystem haben, sich oft verfahren und in für Lastwagen gesperrte Straßen landen – da ist das Chaos perfekt. Und die Aggressivität auf der Straße steigt immer weiter. So kann es doch nicht weitergehen! 

Rücksichtnahme entsteht auch durch Prävention und Aufklärung: Unser Betrieb geht an Hamburger Schulen, gemeinsam mit Lehrern und der Polizei erklären wir den Schülern, worauf zu achten ist, wenn man neben einem Lkw fährt und was ein toter Winkel ist. Ich fände es auch gut, wenn sich Fahrschüler schon bei Pkw-Fahrprüfungen einmal ins Fahrerhaus eines Lkw setzen müssten. Einfach, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie eingeschränkt man dort oben oft ist.