Seit 2016 gehört Hamburg zum Bio-Städte-Netzwerk. Damit hat es sich verpflichtet, ökoregionale Erzeugung zu unterstützen sowie gesunde Ernährung und Nachhaltigkeit zu fördern. Doch passiert ist seither nicht viel, sagt Karl-Wolfgang Wilhelm. Der Vorsitzende des Vereins hamburg.bio – ein Zusammenschluss verschiedener regionaler Bio-Unternehmen – fordert die Stadt auf, ihre Versprechen endlich umzusetzen.

ZEIT ONLINE: Herr Wilhelm, Städte wie Bremen machen es vor: Bis 2022 sollen dort alle Kitas, Krankenhäuser, Schulen und öffentliche Kantinen komplett auf Biokost umstellen. Wieso kriegt Hamburg das nicht hin?

Karl-Wolfgang Wilhelm: Immer wieder das Beispiel Bremen. Das ärgert mich! Wenn Sie die große 2022-Behauptung genau anschauen, steht im Kleingedruckten, dass die Umstellung auf Bio nur "bei Kostenneutralität" umgesetzt wird. Das geht aber gar nicht. Es ist immer leicht, politische Beschlüsse zu fassen und sich dann entspannt zurückzulehnen.

Karl-Wolfgang Wilhelm ist Vorsitzender des Vereins "hamburg.bio", den im vergangenen Jahr 15 Bio-Unternehmen der Metropolregion gründeten. Sie wollen die Verbreitung öko-regionaler Lebensmittel fördern, unter anderem durch die Beratung interessierter Betriebe in Umstellungssfragen. Mittlerweile gehören dem Verein 26 Mitglieder an, darunter Hof Dannwisch, die Naturkostsafterei Voelkel und die Bauck Höfe. © Hamburg Bio

ZEIT ONLINE: Was müsste geschehen, damit Hamburg dem Anspruch einer Bio-Stadt gerecht wird?

Wilhelm: Zunächst muss die Stadt Geld in die Hand nehmen, wenn sie es ernst meint. Schauen wir mal auf den Anteil, den Eltern in Hamburg für das Schulessen ihrer Kinder bezahlen: 3,50 Euro. Da ist die Finanzierung schon mit konventionellen Lebensmitteln, die den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung entsprechen, schwierig. Bioanteile sprengen den Rahmen dann sehr schnell. Viele Eltern können keinen höheren Beitrag zahlen. Also muss die Stadt einspringen.

ZEIT ONLINE: Wenn sich seit 2016 nichts dergleichen getan hat, warum sollte Hamburg gerade jetzt aktiv werden?

Wilhelm: Dass nichts getan wurde, kann man nicht sagen. Die Stadt hat zum Beispiel Projekte zur Absatzförderung ökologischer Produkte gestartet. Für noch mehr Engagement hoffe ich auf den Bürgerschaftswahlkampf. Ob danach wachsende Bioanteile in öffentlichen Einrichtungen erreicht werden können, wird ganz wesentlich von den neuen Mehrheitsverhältnissen abhängen. Alle Parteien zeigen zwar guten Willen, aber großes Interesse herrscht bei den meisten nicht vor.

ZEIT ONLINE: Nehmen wir an, alle städtischen Einrichtungen würden nur noch regionale Biokost anbieten. Könnte die Metropolregion diesen Bedarf überhaupt decken?

Wilhelm: Zurzeit nicht. Hamburg ist schon durch seine Fläche sehr limitiert. Immerhin gibt es einen Öko-Aktionsplan 2020, der vorsieht, möglichst viele Anbauflächen auf ökologische Landwirtschaft umzustellen. Auch angrenzende Landkreise sollte man unbedingt einbeziehen. Da beißt sich aktuell allerdings die Katze in den Schwanz: Wenn ich zu einem Bauern gehe und sage: "Stell jetzt mal auf ökologisch um", dann hat der Bauer viel mehr Arbeit – aber die vergleichbar sichere wirtschaftliche Perspektive fehlt.

ZEIT ONLINE: Wieso das?

Wilhelm: Nehmen wir die Salatbauern in den Vier- und Marschlanden. Zurzeit geht es denen recht gut, sie verkaufen ihre Ernte komplett an den Großhandel, brauchen sich nicht um den Vertrieb zu kümmern. Wenn diese Bauern jetzt Biosalat anpflanzen, haben sie ein Problem. Denn der wird in Spanien viel günstiger produziert, deshalb bezieht derselbe Großhandel ihn auch von dort. Und unsere regionalen Bauern verlieren ihre wichtigsten Abnehmer. 

ZEIT ONLINE: Womit wir wieder bei Ihrer Forderung wären, dass Hamburg zur Unterstützung hiesiger Biolebensmittel mehr Geld investieren müsste.

Wilhelm: Eben. Nur so kann das regionale Angebot gesteigert werden. Das zeigt auch folgende Rechnung: Es gibt in Hamburg 186 Elbkinder-Kindertagesstätten mit rund 29.000 Kids. Jedes Kind isst dort im Jahr rund 35 Kilogramm Obst und Gemüse. Wenn das regional biologisch angebaut sein soll, entsteht allein durch die Kitas eine riesige Nachfrage, die Hamburg bisher gar nicht abdecken kann.

ZEIT ONLINE: Die Verpflegung in städtischen Einrichtungen ist eine Seite. Wie hoch ist die Nachfrage nach Biolebensmitteln im Hamburger Einzelhandel?

Wilhelm: Die ist in den vergangenen zehn Jahren immer wieder angestiegen und wird noch größer werden. Deshalb hat zum Beispiel Edeka Nord auch eine eigene Biomarke eingeführt. Die besteht allerdings nur im weitesten Sinne aus regionalen Produkten, sie stammen neben Hamburg aus Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und anderen Bundesländern.

ZEIT ONLINE: Noch eine neue Biomarke … Bei all den verschiedenen Bildchen und Slogans verlieren Verbraucher schnell die Übersicht.

Wilhelm: Das stimmt. Verwirrung ist aber vor allem eine Strategie der konventionellen Lebensmittelindustrie. Vielleicht erinnern Sie sich an Werbesprüche wie "Regional ist das neue Bio". Als ob regional immer gut wäre, da gibt es natürlich auch Massentierhaltung. Wichtig ist, dass der Verbraucher auf Biokost und regionale Herkunft Wert legt: In Hamburg würde ich zum Beispiel nur Äpfel aus dem Alten Land kaufen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie den Eindruck, dass sich die Hamburger solche Gedanken machen?

Wilhelm: Die Menschen stellen heute auf jeden Fall ganz andere Fragen als früher – zum Glück. In welchen Lebensmitteln steckt Glyphosat, wie bekomme ich tierische Produkte fern der Massentierhaltung? Gerade Städte wie Berlin, München und eben Hamburg sind bei dieser Entwicklung die wichtigsten Motoren.