Die Suche nach dem Ort des Geschehens am Köhlfleet-Hauptdeich in Finkenwerder stimmt nachdenklich. Der Kutter "Ostetal" müsse gleich da vorne stehen, antwortet ein ortskundiger Senior und fügt bitter hinzu: "Falls da überhaupt noch Fischkutter stehen." Dass es um die Fischerei in der Elbe nicht unbedingt gut bestellt ist, ist bekannt. Aber die aktuelle Negativentwicklung, allen voran die des Stint-Bestandes, hat die verbliebenen Elbfischer veranlasst, Alarm zu schlagen.

Für Lothar Buckow, Olaf Jensen, Wilhelm Grube, Jan Winkels, Claus und Harald Zeeck ist der Stint beruflich überlebenswichtig. Für Walter Zeeck, Fischer im Ruhestand, war er es. So schlecht wie 2019 sei der Fang in 50 Jahren Fischerei nie ausgefallen, erzählt Zeeck senior aus Sicht des Familienbetriebs aus dem niedersächsischen Geversdorf.

Auch seine Kollegen berichten von teils dramatischen Einbußen. "Vor zehn Jahren noch habe ich locker 30 Tonnen Stint gefangen. Als kleinster Fischereibetrieb auf der Unterelbe kam ich damit gut aus", erinnert sich Lothar Buckow aus Jork im Alten Land an bessere Zeiten – um sogleich den Vergleich anzustellen: "Dieses Jahr habe ich es nicht mal geschafftt, drei Tonnen zu fangen. Momentan landen in meinen 150 Reusen gerade einmal zehn Kilo Stint – dafür brauche ich gar nicht rauszufahren. "Die Elbe ist so verschlickt, dass hier kaum noch Fische leben können", sagte Buckow.

Es ist vor allem das sogenannte Schlickbaggern, das die Fischer für die drastischen Rückgänge des Stint-Bestandes verantwortlich machen. Dabei erhalten sie Unterstützung vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Der hatte jüngst in einem Brandbrief an Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) appelliert, der Hamburg Port Authority (HPA) die Baggerarbeiten in der Elbe westlich von Hamburg zur Freihaltung der Fahrrinne zu untersagen. Denn die Arbeiten fänden genau zu der Zeit statt, in der die Stinte die Elbe hochwandern, um zu laichen. Auch das sogenannte Wasserinjektionsverfahren, das den Schlick flüssig machen soll, schade dem Stint.

"Es wird ständig gebaggert"

"Die Trübung erstickt die Eier der Stinte, dringt in die Kiemen der Stintlarven, kann sie krankmachen und töten", klagen die Elbfischer. Eine zu hohe Trübung des Wassers könne auch zur Folge haben, dass die Larven ihre Nahrung aus Plankton nicht mehr finden und deshalb verhungern. Auf diese Weise werde die Lebensgrundlage und "das gesamte Ökosystem der Tideelbe" geschädigt, kritisierte BUND-Landesgeschäfstführer Manfred Braasch. Auf diese Gefahren hatte jüngst ein NDR-Beitrag aus der Reihe "NaturNah" hingewiesen.

Die Elbfischer sind sowohl Zeugen als auch Leidtragende dieser Praxis. "Es wird ständig gebaggert, Tag und Nacht", hat Lothar Buckow beobachtet. Dass sich die Situation während der anstehenden Elbvertiefung entspannt, glaubt keiner der Fischer. "Mit den Baggerarbeiten wird die Grundlage der Elbe kaputttgemacht", befürchtet Olaf Jensen. Was das bedeuten könnte, möchte sich keiner ausmalen. "90 Prozent aller Fische in der Elbe sind Stinte – davon lebt alles", sagt Buckow. Ein abschreckendes Beispiel sei die Ems, wo aufgrund von Schlick nicht mehr gefischt werden könne.

Deshalb richten die Fischer klare Forderungen an die Behörden: Das Verklappen von Hafenschlick vor der Elbinsel und dem Naturschutzgebiet müsse gestoppt werden, "damit die Stintbrut 2019 nicht noch weiter getötet wird". Das Wasserinjektionsverfahren vor dem Hamburger Hafen, wo die Stintlarven vorrangig aufwachsen, solle eingestellt werden – auch, um das ohnehin drohende sogenannte Sauerstoffloch ab Mai nicht zu befördern. Und: Verzicht auf den Einsatz von Saugbaggern, die unter anderem Stinte und deren Larven vernichteten.

Das fordern die Fischer – im eigenen Interesse, in dem der Tiere, aber auch in dem der Hamburger, denn, so Buckow: "Hamburg sollte stolz sein auf eine Elbe, die lebt, und nicht auf einen toten Fluss."

Dies ist ein Artikel aus dem Hamburg-Ressort der ZEIT. Hier finden Sie weitere News aus und über Hamburg.