Oliver Hollenstein © Maria Feck

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute vor genau fünf Jahren ist der erste Hamburg-Teil der ZEIT erschienen. Ist Hamburg zu selbstzufrieden – oder braucht es mehr visionären Größenwahn? Was macht der Geburtenrekord mit der Stadt? Hilft eine U-Bahn wirklich, um die Verkehrsprobleme der Stadt zu lösen? Warum wird der Fahrradverkehr nicht stärker gefördert? Ist unser Abitur etwa zu leicht? Und wie geht es bitte weiter mit Handelskammer und HSV? Das waren die Themen der ersten Ausgaben. Über vieles davon wird heute noch oder wieder kontrovers diskutiert. Heißt das, seither hat sich nichts getan? Wohl kaum. Aber es braucht eben jede Menge Geduld, um die großen Herausforderungen zu lösen, vor der eine Millionenstadt wie Hamburg heute steht. Einfache Lösungen gibt es nicht, das war die Erkenntnis vieler meiner Recherchen der vergangenen fünf Jahre. Aber es gibt, zweite Erkenntnis, zum Glück viele engagierte tolle Hamburger, die mit viel Energie und großer Geduld versuchen, die Stadt besser zu machen – beim Verkehr, beim Wohnungsbau, bei den Schulen und in vielen anderen Bereichen. All jenen sei einmal gesagt: Vielen Dank!

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Ihr Oliver Hollenstein

Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns: hamburg@zeit.de.

AKTUELLES

Mehr Helfer sammeln weniger Müll

© Stadtreinigung

Zehn Tage lang haben 82.500 Hamburger im Rahmen der Aktion "Hamburg räumt auf!" Müll gesammelt. Ergebnis: 170 Tonnen Abfälle wurden auf öffentlichen Flächen abseits von Wegen und Straßen eingesammelt. Diesmal machten gut 10.000 Teilnehmerinnen mehr mit, allerdings kamen 23 Tonnen weniger Müll zusammen. Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) erklärt das mit seiner eigenen Sauberkeitsoffensive: "Die Sauberkeit der Stadt hat sich messbar verbessert."  Der hohe Zuwachs an Teilnehmern ist laut Stadtreinigung auch darauf zurückzuführen, dass sich am vergangenen Freitag viele Jugendliche im Rahmen der Bewegung "Fridays for Future" am großen Reinemachen beteiligten.

Schul-Streit I: Rabe verteidigt Entfernung von Stickern

Im Streit um Antifa-Aufkleber und vermeintlich linksradikale Umtriebe an der Ida Ehre Schule gibt sich Schulsenator Ties Rabe (SPD) betont gelassen. Die Sticker, die die Schulaufsicht nach einem Hinweis der AfD entfernen ließ, habe die Schule "zu lange an prominenter Stelle" kleben lassen, sagte Rabe gestern dem TV-Sender Hamburg 1. Unbeteiligte hätten daher den Eindruck gewinnen können, die Sticker spiegelten die politische Gesinnung der Schulgemeinschaft wider. Disziplinarische Maßnahmen habe die Schulleitung nicht zu fürchten. "Wir müssen mal die Kirche im Dorf lassen. Das ist eine gute Schule", sagte Rabe. Die Gemeinschaft der Elternräte Hamburger Stadtteilschulen (GEST) hatte die Schulaufsicht zuvor für ihr promptes Einschreiten kritisiert.  

Annika Lasarzik

Schul-Streit II: Rabe verteidigt AfD-Besuch

Rabe sprach mit Hamburg 1 auch über einen umstrittenen Besuch von AfD-Fraktionschef Alexander Wolf am Eimsbütteler Helene Lange Gymnasium vergangene Woche. Eltern und Schüler hatten gegen Wolfs Besuch protestiert, dafür war auch die Behörde in die Kritik geraten. Die Schulbehörde habe Wolfs Auftritt als Gastredner lediglich koordiniert, erklärte Rabe nun: Im Vorfeld eines EU-Projekttages zum Thema "Menschenrechts- und Demokratiefeindlichkeit" hätten Politiker und Klassen Erwartungen und Wünsche auf Fragebögen notiert. Da die Antworten gut zueinander gepasst hätten, habe man Wolf an eine zehnte Klasse vermittelt. Die Schule habe dem Besuch zugestimmt. Er finde es "schlimm", dass die AfD im Parlament sitze, einzelne Abgeordnete auszuschließen sei aber auch nicht richtig, sagte Rabe.

Annika Lasarzik

In einem Satz

Die Regierungsfraktionen SPD und Grüne wollen den Senat auffordern, in den kommenden Jahren 1450 zusätzliche Wohnheimplätze für Studierende und Auszubildende zu schaffen, das wäre eine Erhöhung der Kapazität um ein Drittel +++ Nachdem die HHLA und Hapag Lloyd bereits vor einem Jahr erklärt hatten, keine Atombrennstoffe mehr im Hafen umzuschlagen, haben das nun auch die Terminalbetreiber Eurogate und C. Steinweg (Süd-West-Terminal) getan +++ Die 30-jährige Bürgerschaftsabgeordnete Mareike Engels ist neue Stellvertreterin von Anjes Tjarks an der Spitze der Grünen-Fraktion

Was heute auf der Agenda steht

Verkehrssenator Michael Westhagemann (parteilos) und VW-Forschungschef Axel Heinrich präsentieren erste Erkenntnisse, wie die Tests für autonomes Fahren in der HafenCity laufen +++ Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) besucht eine Fachmesse für Flugzeugeinrichtungen und die Firmenzentrale von mytaxi +++ Die Gewerkschaft ver.di hat 5000 Beschäftigte unter anderem der Deutschen Bank, der Commerzbank und der Haspa zu einem Warnstreik aufgerufen

WAS SIE INTERESSIEREN KÖNNTE

Alltagsreporter: Der Hundetrainer

Ich besuchte mal ein Ehepaar Anfang 70. Es hatte sich einen Jack Russel Terrier gekauft. Ein Jahr alt, mitten in der Pubertät. Das Paar behandelte ihn wie ein eigenes Kind, quatschte ihn voll, statt Grenzen zu setzen. Schon beim Klingeln gab es drinnen einen Riesenalarm. Die Frau sperrte den Hund also in die Küche, weil er sonst sofort abgehauen wäre. "Sie hören ja unser Problem", sagte sie beim Öffnen, "aber ich habe extra Torte gebacken. Lassen Sie uns jetzt erst mal einen Kaffee trinken." Wir gingen in die Küche, da bot sich uns ein Bild für die Götter: Der Hund stand auf dem Tisch – mitten in der Torte.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

Wiederholen die Stadtplaner hier alte Fehler?

© Markus Scholz/dpa

Kinder pflücken am begrünten Fleetufer Blumen, Schafe grasen neben Gemüsegärten, Jugendliche reiten auf Pferden, modernistische Einfamilienhäuser und Gewächshäuser wechseln sich ab. Die Bilder vom ländlich-urbanen Leben im geplanten neuen Stadtteil dekorieren den "Masterplan Oberbillwerder", den die Architekturbüros Adept aus Dänemark und Karres en Brands aus den Niederlanden entworfen haben. 15.000 Menschen sollen künftig in Hamburgs 105. Stadtteil nördlich der S-Bahn-Station Allermöhe leben. Naturnah und trotzdem urban, autofrei und bezahlbar. Klingt gut – doch solche Großprojekte endeten schon oft enttäuschend. Was dieses Mal besser werden soll, hat Christoph Twickel für die April-Ausgabe recherchiert – für Abonnenten hier zu lesen.

Jamie Cullum und Tower of Power kommen zum Elbjazz-Festival

© ADEPT and Karres + Brands

Musiker werden nun einen kurzen Freudensprung machen: Die legendäre und vor allem bei Musikern beliebte amerikanische Funkband Tower of Power kommt zum Elbjazz-Festival. Ansonsten werden unter anderem Jamie Cullum, Manu Katché, Michael Wollny und Sophie Hunger bei dem Jazzfestival im Hafen spielen. Insgesamt gibt es am 31. Mai und am 1. Juni auf acht Bühnen mehr als 50 Konzerte. Das gesamte Programm können Sie hier anschauen.

Was wurde aus…?

Den Bollerwagen für Obdachlose

Tagsüber ein Handkarren für Hab und Gut, nachts eine Liegefläche – so sollen die Bollerwagen für Obdachlose funktionieren, die der Verein Clubkinder bauen und verteilen will. Über die Ideengeberin des Projekts, die Schülerin Liza Popal, berichteten wir in der März-Ausgabe der ZEIT:Hamburg. Mehr als 13.000 Euro sammelten die Clubkinder für das Projekt, Ende April sollen die Wagen auf die Straße kommen. Eigentlich sollte es Ende März so weit sein – doch die Clubkinder warten noch auf eine Lieferung aus China. Dort werden die Untergestelle der Bollerwagen produziert. Ein Spendenangebot, erklärt Projektleiter Julian Lee. Ein Sympathisant des Projekts habe Kontakt zu einer deutschen Firma, die in China produziert und Bauteile kostenlos zur Verfügung stellt. "Da sagt man natürlich nicht nein", sagt Lee. Die Schiffsladung wird frühestens Mitte April erwartet, nächster geplanter Termin für die Vergabe der Wagen ist Ende April. Welche Obdachlosen zuerst einen Bollerwagen bekommen, sollen die Vereine Hamburger Gabenzaun und Bergedorfer Engel entscheiden.

Annabel Trautwein

Wann darf mein Kind wieder in die Kita?

© Patrick Pleul/dpa

Die Gesundheitsbehörde hat einen Leitfaden für Kindertagesstätten entwickelt, wann kranke Kinder nicht in die Kita dürfen – und wann sie wiederkommen können. Unter anderem werden in einer Tabelle die häufigsten Infektionskrankheiten genannt und erklärt, wie lange sich andere Menschen bei infizierten Kindern anstecken können, wann ein ärztliches Attest nötig ist und ob das Gesundheitsamt benachrichtigt werden muss. Beschrieben werden außerdem die rechtlichen Grundlagen. Die Broschüre kann man hier runterladen, sie ist nicht nur für Kitas, sondern auch für Eltern interessant.

WAS SIE HEUTE ERLEBEN KÖNNEN

Ein weiteres vietnamesisches Restaurant

Es ist voll in diesem Laden, alle roten hohen Bänke sind besetzt, und der Mann, der die Neuankömmlinge in Empfang nimmt, ist ein wenig unruhig. Ob man sich wohl zu anderen Gäste dazusetzen könnte? Man stimmt zu, dann entscheidet sich der Mann wieder um, es sei doch okay, wenn man an einem eigenen Tisch sitze. Nachdem die Sitzplatzfrage geklärt ist, steht einem raschen Essen nichts mehr im Wege. Man wählt die Suppe, Pho, die Begleitung den Reis mit Gemüse und Tofu in Currysauce (beides 7 Euro), dazu kommen zwei heiße Ingwertee. Das im Sprinkenhof im Kontorhausviertel gelegene Quan Ngun reiht sich ein in die wachsende Zahl der vietnamesischen Restaurants in der Innenstadt. Herausstechen tut es jedoch nicht, die Besichtigung der außergewöhnlichen Architektur des zwischen 1927 und 1943 erbauten Hauses lohnt sich, das Essen ist gut, aber nicht so überraschend, aromenreich und lecker wie bei manch einem Konkurrenten.

Quan Ngun (keine Webpräsenz); Altstadt, Springeltwiete 1, Mo–Sa, 11– 20 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Zwischen USA und Israel: Nach Zweitem Weltkrieg und Holocaust sind die besonderen Beziehungen zu den USA und Israel Säulen – nicht nur der Politik, sondern auch der grundlegenden Wertegemeinschaft Deutschlands. Wie lange noch? Zu "Wandlungen: Über die amerikanisch-deutsch-israelischen Verhältnisse" diskutieren unter anderem der ehemalige US-Botschafter James D. Bindenagel und der Historiker Dan Diner (hebräische Universität Jerusalems).

Bucerius Law School, Helmut Schmidt Auditorium, Jungiusstraße 6, 19 Uhr, Eintritt frei

Dublin-Dance: Walzer im Molotow, hat’s das schon mal gegeben? "The Eskies" mischen den Tanz mit italienischer Folklore, blechbläsernen Trauermärschen und Klezmer. Das Quintett aus Dublin gilt als melodramatischer Spaßgarant – Stillstehen verboten.

Molotow, Nobistor 14, 19 Uhr, 16 Euro

Was bleibt

Doku-Flimmern: Andreas Goldstein gräbt nach seinem Vater, um sich selbst zu finden. Ab heute flimmern solch kleine Streifen über die Leinwände der Stadt: Sie stehen im Fokus der "dokumentarfilmwoche hamburg" – Produktionen, die ohne Subventionen und Unterstützung durch größere Sender entstanden sind. Den Auftakt macht "100", ein Kurzfilm aus dem Vietnam-Zyklus des Studios H&S.

Verschiedene Orte, heute–So, je Film 8 Euro, Festivalpass 35 Euro; Eröffnung: Metropolis, Kleine Theaterstraße 10, heute, 20 Uhr

Hamburger Schnack

In einem Coffeeshop am Hauptbahnhof. Ein Mann vor mir bestellt: "Haben Sie auch zuckerfreien Sirup?" Die Verkäuferin schaut verdutzt. "Nein..." Der Mann daraufhin: "Einen Karamell Macchiato XL, bitte".

Gehört von Jennifer Risch-Kühn

Meine Stadt

Hier nur für frühjahrsmüde Radfahrer? © Ute Roloff

Korrektur

In unserem gestrigen Newsletter hieß es in der Rubrik "In einem Satz": "Um sich nach europäischem Recht auch weiterhin an der Ausschreibung für den Bus- und Bahnverkehr in Hamburg beteiligen zu können, hat die Hochbahn ihre Anteile an diversen Regionalbahnen in Bayern, Hessen, Ost- und Norddeutschland verkauft." Das ist nicht korrekt. Die Hochbahn hat ihre Anteile verkauft, damit die Stadt den Bus- und Bahnverkehr weiterhin ohne (!) Ausschreibung direkt an die Hochbahn vergeben kann.

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Der nächste Versuch. Naturnah und urban, autofrei und bezahlbar: So soll Hamburgs neuester Stadtteil Oberbillwerder aussehen. Wird den Stadtplanern hier gelingen, was bei vielen ähnlichen Projekten nicht geklappt hat? Für Abonnenten.