74 Jahre sind seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen. Doch ausgerechnet die Geschichtsvereine haben die Zeit immer noch nicht aufbereitet – dabei kooperierten sie selbst mit dem NS-Regime. Der Historiker Gunnar B. Zimmermann hat erforscht, wie sich der Verein für Hamburgische Geschichte unterm Hakenkreuz verhalten hat. "Bürgerliche Geschichtswelten im Nationalsozialismus" heißt seine über 700 Seiten starke Studie. Hier erzählt er, was er über die Hamburger Historiker und Archivare herausgefunden hat.

ZEIT ONLINE: Herr Zimmermann, Sie haben gerade in Hamburg die erste umfassende wissenschaftliche Studie zur NS-Geschichte eines deutschen Geschichtsvereins vorgelegt. Wie kann es sein, dass das über siebzig Jahre gedauert hat?

Gunnar B. Zimmermann: Es gibt einige Geschichtsvereine, die sich mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt haben, in Mannheim zum Beispiel, doch der Zeitraum ist mit 90 Jahren viel breiter gefasst. Zu Jubiläen erschienen zwar Veröffentlichungen zur Vereinsgeschichte, die eigene NS-Vergangenheit wurde darin aber wenig bis gar nicht behandelt. Meist hatten die Texte dann einen affirmativen, oder schlimmer noch, apologetischen Charakter. Man muss das verstehen: Vereine sind soziale Gebilde, da läuft die Aufarbeitung anders ab als in Firmen, in denen eine Führungsriege schnell durch eine neue ausgetauscht werden kann. Ich glaube, dass sich erst die heutige Enkelgeneration völlig befreit von Loyalitätsproblemen diese Zeit kritisch anschauen kann.

Gunnar Zimmermann ist Historiker an der Universität Hamburg. © privat

ZEIT ONLINE: Was haben Sie über den Verein für Hamburgische Geschichte herausgefunden?

Zimmermann: Dass es nie einen großen Knall, einen echten Skandal gab, er aber auf meist subtile Weise mit dem nationalsozialistischen Regime kooperierte. Ich nenne das eine zunehmende Dienstleistungsmentalität seitens des Vereins.

ZEIT ONLINE: Gab es die von Anfang an?

Zimmermann: Nein, das verlief in Phasen. Es hing stark damit zusammen, wer der Vorsitzende war. Hans Nirrnheim stand dem Verein von 1912 bis 1937 vor, eine wahnsinnig lange Zeit. Er war stark in der bürgerlichen Kultur der Stadt verhaftetet und hatte Vorbehalte gegenüber den Nationalsozialisten. Es gab zwar einige Jüngere im Verein, die schnell auf Veränderungen drängten und die Ideologie der Nazis in den Verein tragen wollten, aber sie wussten, dass Nirrnheim das nicht mit sich machen ließ.

ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret?

Zimmermann: Der Verein war eigentlich nie antisemitisch gewesen. Prominente Juden wie Aby Warburg, Erwin Panofsky und Ernst Cassierer gehörten zu den Mitgliedern. Als die Nazis an die Macht kamen, stand für den Vorsitzenden Hans Nirrnheim nicht zur Debatte, Juden auszuschließen. Im Gegenteil: Er stellte sich vor zwei Personen, die im Redaktionsausschuss für die Gestaltung des Publikationsprogramms mit verantwortlich waren. Richard Salomon, zu dem Zeitpunkt bereits von seinem Lehrstuhl verdrängter und 1934 schließlich entlassener Geschichtsprofessor an der Universität Hamburg, und Alexander Heskel, der bis 1923 die Behörde für öffentliche Jugendfürsorge geleitet hatte, standen unter seinem Schutz. Das heißt: Während andere Ausschüsse weitergewählt werden konnten, sorgte Nirrnheim dafür, dass sich im Redaktionsausschuss nichts änderte. Heskel erhielt 1934 sogar die Lappenberg-Medaille, die höchste wissenschaftliche Auszeichnung des Vereins.

ZEIT ONLINE: Nirrnheim wurde im Frühjahr 1937 durch den jüngeren Kurt Detlev Möller abgelöst. Was veränderte sich?

Zimmermann: Die Verbindungen zum Regime wurden enger. Eine der ersten Aktionen von Möller war eine Ausstellung zur Familienkunde. Eigentlich nichts Verwerfliches, aber als Schirmherr firmierte die SA-Gruppe Hansa. So verschoben sich die Grenzen. Im Jahr 1937 wuchs Hamburg: Altona, Harburg-Wilhelmsburg und Wandsbek wurden eingemeindet. Möller griff das Thema in einem Vortragsprogramm auf. Für ihn war das eine gute Chance, dem Regime zu zeigen, dass der Verein gefördert werden soll. Es war ein Zeichen an die Stadtverwaltung: Schaut mal, wir helfen euch, die neuen Stadtteile zu integrieren.

ZEIT ONLINE: Was politisch geschah, wurde geschichtlich legitimiert.

Zimmermann: Genau. Das beste Beispiel dafür ist das Jahr 1939. In diesem Jahr halfen die leitenden Staatsarchivare, die dem Verein traditionell vorsaßen, mit, den erst mal groß gefeierten Hafengeburtstag historisch zu untermauern. Der Archivdirektor Heinrich Reincke stellte eine Sammlung der wichtigsten Urkunden der Stadtgeschichte zusammen und überreichte sie den Staatsgästen – die demokratischen Verfassungsdokumente aus den Zwanzigerjahren fehlten dabei vollständig. Im selben Jahr bandelt Kurt Detlev Möller auch mit der Hitlerjugend an.

ZEIT ONLINE: Wie?

Zimmermann: Der Verein feierte 1939 sein hundertstes Jubiläum, sehr opulent, und wurde dafür reichlich beschenkt: 13.000 Reichsmark bekam er vom Regime, eine enorme Summe für die damalige Zeit. Zum Jubiläum gab es einen Senatsempfang, zu dem Möller auch die Hitlerjugend einlud. Einige Tage später bedankte sich ein leitender Funktionär der Hitlerjugend bei Möller und fragte ihn, ob man nicht kooperieren könne. Möller freute sich darüber und ging sofort auf die Frage ein. In einem sogenannten Fahrtenschulungsbrief, den die Hitlerjugend den jungen Menschen an die Hand gab, stand ein Abschnitt zur Stadtgeschichte. Möller las ihn, gab seine Kommentare ab und war ganz begeistert. Wenn man das heute liest, ist das hochgradig problematisch und wissenschaftlich unlauter.