Geld. Die ganze Zeit spricht er von Geld. Angeblich, behauptet Marc-Michael H., habe sich seine Frau von ihm getrennt, weil das finanziell für sie günstiger gewesen sei. Der Vorsitzenden Richterin platzt der Kragen. "Ich höre immer nur Geld," fährt sie den Angeklagten an. "Ging es vielleicht auch um Gewalt?"

Ja, es ging um Gewalt. Um körperliche Misshandlungen, die seine Frau, 42 Jahre alt, im Sommer 2017 mit ihren vier Kindern aus der Familienwohnung in Jenfeld ins Frauenhaus und dann in eine Hochhauswohnung in Altona fliehen ließen. Die Trennung sollte ihr Ruhe bringen, tatsächlich wurde sie zu ihrem Todesurteil. Am 5. Dezember vorigen Jahres tötete Marc-Michael H. seine Frau.

Der 50-Jährige ist ein hochgewachsener Mann, blond, blass, randlose Brille. Das einzig Auffällige an ihm ist das karierte Hemd, das er auch an diesem zweiten Prozesstag trägt. Er ist vor dem Landgericht wegen Totschlags angeklagt. 50-mal hatte er auf seine Frau eingestochen, so oft rammte er ihr das Messer ins Gesicht und den Oberkörper. Anschließend wusch er das Blut ab, holte sich etwas zu essen und ging ins Kino. "Ein Musikfilm,", sagt er vor dem Landgericht. "Hat mir gut gefallen."

Es ist nur eine von vielen Aussagen, die die Zuschauer im Saal aufstöhnen lassen. Viele Verwandte und Bekannte der getöteten Frau sind gekommen, um zu hören, was Marc-Michael H. zu seiner grausamen Tat zu sagen hat. Schon einer seiner ersten Sätze sorgt für Unruhe auf den hölzernen Bänken. Er wolle sich entschuldigen, sagt er zum Tod seiner Frau. "Ich hätte anders handeln müssen."

In diesem Haus im Stadtteil Altona-Nord lebte die Mutter zuletzt mit ihren vier Kindern, hier wurde sie auch getötet. © Daniel Reinhardt/dpa

Die Ehe der beiden, das wird an diesem Prozesstag deutlich, war von Konflikten geprägt. Seine Frau hatte bereits zwei Kinder in Ghana, als sie Marc-Michael H. 2006 in der U-Bahn nach Neugraben kennenlernte. Die beiden wurden ein Paar, 2007 und 2011 bekamen sie gemeinsame Kinder. 2016, zehn Jahre nach ihrer ersten Begegnung, heirateten sie – zu einem Zeitpunkt, an dem die Beziehung eigentlich schon zu Ende war. Ob sie glücklich gewesen wären, fragt die Richterin. Er zögert lange. "Mich hat gestört, dass sie immer Geld zu ihren Kindern nach Afrika geschickt hat", sagt er dann. "Da gab es schon Streit."

2017 holt seine Frau ihre Kinder nach Deutschland. Im Sommer 2017 trennt sie sich von Marc-Michael H. und geht ins Frauenhaus.

Was zuvor geschah? Der Angeklagte spricht nur harmlos von Geld und Streit. Der geht auch nach der Trennung weiter. Marc-Michael H. bekommt heraus, wo seine Frau mit den Kindern ist. Er lauert ihr auf, sie zieht in ein anderes Frauenhaus um. Am 6. September 2017 dann eine dramatische Eskalation: Marc-Michael H. will mit zur Einschulung des jüngsten Sohnes, seine Frau verweigert es. Es habe Schubsereien gegeben, berichtet der Angeklagte ausweichend. Das sei eine "unschöne Sache" gewesen. Die Richterin blickt ihn durchdringend an. "Spielte da auch ein Elektroschockgerät eine Rolle?", fragt sie. "Ja."

Marc-Michael H. steigert sich immer mehr in seine Überzeugung rein, dass seine Frau ihm Böses will. Dass sie ihm die Kinder weggenommen habe, dass sie die Täterin ist und er das Opfer. Er entwickelt Tötungsfantasien. Lässt sich deshalb sogar in die Psychiatrie einweisen. "Ich wollte sie ja eigentlich nicht umbringen", sagt er. Der Grund: "Ich wollte ja nicht ins Gefängnis."

Am 5. Dezember kommt er morgens zu der Altonaer Wohnung, in der seine Frau inzwischen mit den Kindern lebt. Zu Fuß geht er in den 15. Stock, in der Hosentasche ein Messer. Angeblich will er nur ein iPad holen, sagt er. Wieder gibt es Streit mit seiner Frau. Er hält ihr vor, sie habe einen Liebhaber, sie erwidert, er sei kein richtiger Mann. Als sie an ihm vorbei aus dem Zimmer will, zieht er das Messer und sticht zu. "Ich bin durchgedreht", sagt Marc-Michael H.

Der 11-jährige Sohn findet seine tote Mutter Stunden später, als er aus der Schule kommt. Ein weiteres drastisches Detail in dem ganzen Drama. Ja, das sei bedauerlich, sagt Marc-Michael H. Und die Richterin erwidert: "Das ist grauenvoll."


Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Fassung des Artikels war in der Überschrift von Mord die Rede. Wir haben das korrigiert.