Ahmads Blick wandert zur Decke, er greift mit beiden Händen in die Luft. So, als könne er es einfangen, das Wort, das ihm gerade fehlt. Wie war das noch?

"Hahn. Mit Kruste. Ein bisschen wie … Fast Food."

"Chicken McNuggets?"

"Ja! Genau!" Ahmad klatscht in die Hände. 

"Nein! Ganz anders!", ruft Muna, Ahmads Frau. Dann erklärt sie, dass die frittierten Hähnchenschenkel, die sie und ihr Mann heute zubereitet haben und die sie gleich servieren werden, natürlich überhaupt nichts mit Fast Food zu tun hätten. Allein die acht verschiedenen Gewürze! Muna schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, doch ihr Ärger ist nur gespielt. Sie lacht.  

Es ist ein warmer Abend in Hamburg-Billstedt. 15 Leute haben sich im Wohnzimmer der Familie Bustani versammelt, sie sitzen eng zusammengerückt auf zwei großen Plüschsofas und ein paar Stühlen. In der Mitte ein langer Esstisch, bis zur Kante vollgestellt mit Schüsseln und Tellern. Es gibt Salat, Reis mit Lammfleisch und Hähnchen, Linsensuppe, Teigtaschen, dazu Gebäck. Dampf steigt auf, der süße Geruch von Curry hängt in der Luft. Es ist 20.30 Uhr. Noch eine halbe Stunde – erst dann darf gegessen werden.

Die syrische Familie hat heute Abend zum gemeinsamen Fastenbrechen eingeladen. Streng genommen ist Ahmad der Gastgeber. Doch die Zweizimmerwohnung in Altona, die er mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern bewohnt, ist zu klein für so viel Besuch. Also haben sie sich heute alle hier versammelt, in der Wohnung der Schwiegereltern. Ahmad und Muna, Munas Eltern Ramez und Fatima, ihr Bruder Radwan, dessen Frau und Kinder. Und mittendrin: Johannes Klug und Julia Biermann. Für das junge deutsche Paar, beide Mitte 30, ist es das erste Fastenbrechen überhaupt. Sie sind keine Muslime, ihre Gastgeber kannten sie bis vor ein paar Minuten gar nicht. Das Szenario erinnert an ein Blind Date. Und das ist es auch, wenn auch ein besonderes: ein Welcome Dinner.

Die Familie Bustani beim Fastenbrechen – in der Mitte die deutschen Gäste, Johannes Klug und Julia Biermann. © privat

Die Idee stammt aus Stockholm, vier junge Leute haben sie im Frühjahr 2015 nach Hamburg gebracht, inzwischen hat sie sich in vielen europäischen Ländern verbreitet. Sie geht so: Menschen, die bereits länger an einem Ort leben, laden Geflüchtete zu sich nach Hause zum Essen ein. Um Kontakte zu knüpfen, um Vorurteile abzubauen, um neue Freunde zu finden. Über 10.000 Menschen haben auf diese Weise allein in Hamburg zusammengefunden. 2.700 Abendessen wurden vermittelt. In diesem Jahr wird das Konzept zum ersten Mal umgedreht. Im Ramadan laden nun muslimische Geflüchtete Hamburgerinnen und Hamburger zum Essen ein – um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie sie den Fastenmonat feiern.

"Gibt es da auch eine Regel?"

21 Uhr. Aus den Lautsprechern von Ahmads Handy tönt eine leiernde Melodie: Es ist der Muezzin, der singt. Eben noch haben alle laut durcheinandergeredet, liefen Muna und Fatima zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her. Jetzt sitzen alle um den großen Tisch herum, ganz still, fast schon andächtig. Ahmad macht den Anfang. Er nimmt eine Dattel zwischen zwei Finger, in der anderen Hand hält er ein Glas Wasser, beugt sich zu seinen Gästen hinüber: "Erst die Dattel essen, dann einen Schluck trinken. Dann warten." Ein Ritual, das Gehirn und Magen nach einem Tag des Fastens auf die folgende Mahlzeit vorbereiten soll. Johannes und Julia folgen den Anweisungen genau, wollen ja nichts falsch machen. Sollen sie sich jetzt einfach selbst bedienen oder lieber warten, bis das Essen verteilt wird? Was wird zuerst gegessen, gibt es da auch eine Regel? 

Muna bemerkt die Unsicherheit ihrer Gäste und springt ein. Sie reicht eine der Schüsseln. Dicke, braune Klumpen liegen darin, Kibbeh, frittierte Klöße aus Bulgur und Hackfleisch. "Ist gut, wirklich gut", sagt Muna. Johannes greift zu, Ahmad lässt noch eine Hähnchenkeule auf den Teller des Gastes fallen. "Musst du probieren, ist gut, ist typisch syrisch." Johannes Augen weiten sich, er und Julia werfen sich verstohlene Blicke zu, beide müssen grinsen. So viel Essen!