Für die Behördenmitarbeiter sah es aus wie ein Routinefall. Sie hatten einen Patienten in die Psychiatrie zu bringen, gegen seinen Willen. Rund 4000 Mal Mal im Jahr kommt das in Hamburg vor. Unschön ist das immer, gefährlich zumeist nicht. Auch bei Tim B. hatte niemand mit einem Angriff gerechnet: Der Mann aus Hamburg-Eißendorf war krank, sein Zustand hatte sich verschlechtert. Deshalb beantragte sein Betreuer die Unterbringung in der Psychiatrie. Als Gefahr für andere galt der 29-Jährige nicht.

Ein fataler Irrtum. Der Patient wohnte bei seinem Vater, in einer Wohnung im dritten Stock. Schon als die Mitarbeiter des amtlichen Zuführdienstes dort am Morgen des 24. September ankamen,  zusammen mit dem Betreuer von Tim B., war deutlich, dass der sich gegen seine Zwangseinweisung wehren wollte: Er hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Als die beiden Mitarbeiter die Tür aufbrachen, traf sie ein Brandsatz, es kam zu einer Verpuffung. Die beiden Männer vorne fingen sofort Feuer, der Betreuer hinter ihnen wurde durch die Druckwelle aus dem Zimmer geworfen. Das könnte ihm das Leben gerettet haben. Einer der Zuführbeamten konnte seine brennende Kleidung im Badezimmer löschen. Er überlebte, allerdings mit schwersten Verbrennungen. Der andere floh noch brennend aus dem Haus. Davor brach er zusammen. Kurz darauf war er tot.

Tim B. hatte auch sich selbst mit Spiritus übergossen. Er war aus dem Fenster gesprungen, dabei hatte er sich ebenfalls schwer verletzt. 
Nun sitzt er im Landgericht auf der Anklagebank und scheint kaum mitzubekommen, was der Vorsitzende Richter über fast zwei Stunden zu dem Fall sagt. Blasses Gesicht, hagere Statur, leerer Blick. Er wirkt völlig unauffällig. Auch das dürfte zu der eklatanten Fehleinschätzung der Behörde geführt haben, die der Richter in seinem Urteil kritisiert: Es habe deutliche strukturelle Defizite gegeben, als die Einweisung von Tim B. als reine Routine eingestuft wurde. Schon zuvor hatte er sich bei amtlichen Besuchen in seinem Zimmer verbarrikadiert und das Gespräch verweigert. Auch den eigenen Vater hatte er einmal ausgeschlossen. Vor seiner Zimmertür hatte Tim B. Glasscherben ausgelegt, damit der Vater diese Grenze nicht überschreitet. All das war bei den Behörden bekannt. Der Vater hatte zudem darauf hingewiesen, dass sein Sohn ein Messer in seinem Zimmer versteckte, zumindest würde eines in der Küche fehlen. Dennoch waren die Mitarbeiter des Zuführdienstes und der Betreuer völlig arglos, als sie um kurz nach 11 Uhr an jenem Montagmorgen zu Tim B. kamen. "Mit einem lebensgefährdenden Angriff," so der Richter, "rechnete niemand".

Die Kammer verurteilt den 29-Jährigen wegen Mordes, versuchten Mordes, schwerer und gefährlicher Körperverletzung zu elf Jahren Haft, die er wegen seiner Erkrankung in der Psychiatrie statt im Gefängnis verbringen wird. Er habe einen grausamen und heimtückischen Mord begangen. Eine Tat, so der Richter, die von einer gefühls- und mitleidlosen Gesinnung getragen war. Ein Urteil, das unter anderen Vorzeichen zwingend zu lebenslanger Haft geführt hätte. In diesem Fall aber war ungewiss,  ob der Angeklagte für seine Tat überhaupt bestraft werden kann. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hatte die Kammer seit März versucht herauszufinden, ob er wegen seiner psychischen Erkrankung womöglich vermindert oder gar nicht schuldfähig ist.

Die Staatsanwaltschaft war in ihrem Plädoyer von einer verminderten Schuldfähigkeit ausgegangen. Sie hatte eine Haftstrafe von 13 Jahren verlangt, abzusitzen in der Psychiatrie. Auch die Verteidigerin von Tim B. hatte sich dafür ausgesprochen, ihren Mandanten in der Psychiatrie unterzubringen. Strafrechtlich aber sei er freizusprechen, wegen Schuldunfähigkeit.  Dem folgte das Gericht nicht. Die Schuld von Tim B. sei zwar vermindert, aber nicht ausgeschlossen.  Der 29-Jährige hätte seine Tat nachweislich lange geplant und vorbereitet. Wochen zuvor bereits hatte er 10 Liter Spiritus im Internet bestellt. Er sei entschlossen gewesen, so der Vorsitzende Richter, seine Einweisung mit allen Mitteln zu verhindern.

Das Ganze sei zutiefst tragisch – auch für den Angeklagten selbst. Der komme nun für viele Jahre in die Psychiatrie. Genau das hatte er mit seiner grausamen Tat verhindern wollen.