Der Hamburger Justizsenator Till Steffen (Grüne) will sich einem Bericht von "Neuer Osnabrücker Zeitung" und "Pinneberger Tageblatt" zufolge in der Konferenz der Justizminister für eine Legalisierung des Containerns einsetzen. Christine ist 25 Jahre alt und Masterstudentin. Sie ist bei Foodsharing Hamburg aktiv und containert seit vier Jahren. Hier erzählt sie, wie es ist, sich sein Essen aus anderer Leute Mülltonnen zu fischen.


Ob Spargel, Salat, Äpfel oder Joghurt – Tag für Tag landen alle erdenklichen Lebensmittel im Müll. Weil sie niemand mehr essen will, angeblich. Dabei sind viele dieser Produkte keineswegs verdorben und noch sehr wohl genießbar. Also fische ich das Essen wieder raus aus dem Müll. Und damit bin ich nicht allein.

Ich esse, was andere wegwerfen. Vor vier Jahren fing es an. Ich war damals schon im Hamburger Foodsharing-Netzwerk aktiv, das nicht verkaufte Lebensmittel von kooperierenden Supermärkten und Bäckereien verteilt. Darüber habe ich Menschen kennengelernt, die ihr Essen wie selbstverständlich aus Abfallcontainern holen. In der Facebook-Gruppe Containern in Hamburg geben sie einander Tipps, posten Bilder von gesammelten Lebensmitteln und verabreden sich zu gemeinsamen "Müllsafaris" durch die Stadt. Eine kleine Szene ist das schon lange nicht mehr: Inzwischen zählt allein diese Gruppe über 1.000 Mitglieder.

Ich bin oft zwei- bis dreimal pro Woche unterwegs. Wie lang so eine Tour dauert, ist ganz unterschiedlich. Mal laufe ich nur schnell zum Aldi um die Ecke, öffne die Klappe der Mülltonne und finde meist sofort alles, was ich brauche. Wenn ich in einer Gruppe losziehe, bin ich erst nach vier oder fünf Stunden wieder zu Hause. Dann teilen wir uns ein Auto, klappern möglichst viele Supermärkte ab und packen so viel ein, wie nur geht. Danach kochen wir zusammen und verteilen alle übrigen Lebensmittel an Bekannte, Bedürftige oder soziale Projekte.

Containern fühlt sich für mich an wie eine Schatzsuche. Jedes Mal. Denn da ist diese Aufregung, der Nervenkitzel: Was werde ich heute finden, wie groß wird meine Ausbeute sein? Und was könnte ich später damit kochen, ist vielleicht sogar ein Nachtisch drin?

In Supermärkten kaufe ich dagegen nur noch selten ein. Obst und Gemüse gar nicht mehr, denn davon findet sich mehr als genug im Müll. Klassischer Fall: Der Dreierpack Paprika, der sofort im Müll landet, nur weil eine einzelne Paprika eine Druckstelle hat. Ich nehme mit, was eben da ist. Das ist auch ein netter Nebeneffekt: Man lernt neue Lebensmittel kennen, wird in der Küche kreativer. Pastinaken zum Beispiel kannte ich vor dem Containern gar nicht. Und dann gibt es Funde, die sind so überraschend, dass ich immer noch gern daran zurückdenke. Einmal habe ich einen ganzen Container voll mit Kaffeepaketen gefunden, ein anderes Mal kiloweise Osterschokolade. Und die pinken Gummistiefel, die ich vor Jahren aus einer Tonne gezogen habe, trage ich noch heute.

Ich ekle mich nicht vor dem Müll – auch wenn der oft ganz schön stinkt. Auch Ratten sehe ich bei meinen Touren nur selten. Doch ich streife immer Handschuhe über, bevor ich in die Container greife. Ich könnte sonst in Scherben fassen. Die Leute schmeißen wirklich alles weg.

Einige Supermärkte zerstören Lebensmittel vor dem Entsorgen

Würde ich alles bedenkenlos essen, was ich im Müll finde? Sicher nicht. Fleisch oder Fisch lasse ich grundsätzlich liegen. Überhaupt schaue ich mir jedes Lebensmittel ganz genau an. Bläht sich ein Joghurtbecher auf, hat die Gärung eingesetzt, und der Inhalt ist verdorben. Geöffnete Packungen nehme ich auch nicht mit. Ansonsten sollte man sich nicht von der Optik täuschen lassen. Obst und Gemüse sind in der Regel auch dann noch gut, wenn sie ein paar Dellen und braune Stellen haben. Auch weggeworfene Molkereiprodukte aus den Containern kann man meistens noch essen, auch dann noch, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits überschritten wurde. Eines macht mich allerdings immer wieder fassungslos: In einigen Supermärkten werden die Mitarbeiter dazu angehalten, Lebensmittel vor dem Entsorgen zu zerstören. Da werden ganze Paletten an Joghurtbechern durchstochen, Eier zerschlagen, Nudelpackungen aufgerissen. Damit die ja niemand mehr nimmt.

Containern ist nach dem Gesetz Diebstahl und Hausfriedensbruch. Einige Supermärkte versuchen daher, das Müllsammeln durch Gitter, Warnschilder und Überwachungskameras zu unterbinden. In der Hamburger Innenstadt oder in Szenevierteln wie der Schanze sind die Parkplätze in der Regel sehr gut abgesichert. In den ruhigeren Wohnvierteln im Norden, wo ich meist unterwegs bin, ist das Containern viel leichter. Ansonsten unterscheidet sich der Umgang mit dem Müll von Konzern zu Konzern: Lidl zäunt seine Müllcontainer ein, bei Aldi stehen die Tonnen frei zugänglich herum. Bei Edeka und Rewe ist es ganz unterschiedlich, da viele Märkte von selbständigen Kaufleuten geführt werden.

Ich würde immer raten, lieber tagsüber im Hellen loszuziehen und erst einmal nach frei zugänglichen Tonnen zu suchen, statt irgendwo einzubrechen. Mit dem eigentlichen Containern beginne ich dann eine Stunde nach Ladenschluss, um unangenehme Situationen mit Mitarbeitern zu vermeiden. Denn die wissen ja: Eigentlich müssten sie das melden. Ich bin allerdings schon oft auf Mitarbeiter gestoßen, die mir zugeraunt haben: "Eigentlich ist das nicht erlaubt, aber kommen Sie doch einfach noch mal nach Feierabend wieder …"

Warum das Ganze? Ich bin Studentin, doch es geht mir nicht darum, Geld zu sparen. Ich kann es einfach nicht ertragen, dass derart viele Lebensmittel einfach weggeschmissen werden. Ich kann kaum noch an einem Supermarkt vorbeigehen, ohne nach den Containern Ausschau zu halten. Seitdem ich gesehen habe, was dort alles lagert, kann ich den Gedanken daran nicht mehr verdrängen.

Im Müll nach Essen zu suchen liegt nicht jedem, das verstehe ich. Während in meiner Generation viele dem Containern offen gegenüberstehen, sind die Vorbehalte unter älteren oft groß. Meine Eltern zum Beispiel hätten große Angst, bedürftig rüberzukommen. Was sollen denn die Leute denken? Es gibt viele Wege, um ein Zeichen gegen die Verschwendung zu setzen, Containern ist nur ein Ansatz. Wichtig finde ich, dass man sich dabei nicht in Konkurrenz zu den tatsächlich Bedürftigen versteht: Wenn wir vom Foodsharing-Netzwerk Essen aus einem Supermarkt abholen – also ganz legal – warten wir so lange, bis die Tafel schon dort war. Überhaupt ist der Gedanke, Essen an andere zu verteilen, auch in der Szene der Containerer zentral. Belegte Brötchen zum Beispiel nimmt die Bahnhofsmission am Hauptbahnhof dankend an, wir kennen inzwischen viele Unterschlüpfe von Obdachlosen, bringen auch dort Essen vorbei.

Ich denke nicht, dass eine Legalisierung des Containerns viel gegen das eigentliche Problem, die Verschwendung von Lebensmitteln, ausrichten könnte. Zu Strafverfahren kommt es ohnehin selten, aus dem Hamburger Raum kenne ich jedenfalls niemanden, der schon einmal in Konflikt mit dem Gesetz gekommen wäre. Den Vorschlag des Justizsenators finde ich trotzdem gut. Weil er das Thema wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rückt. Und weil es natürlich absurd ist, dass die Wiederverwendung von Lebensmitteln eine Straftat darstellt. Sinnvoller fände ich aber, wenn Supermärkte dazu verpflichtet würden, eine Partnerschaft mit einer Hilfsorganisation einzugehen, die Lebensmittel abnimmt. Darüber hinaus sollten wir alle unser Konsumverhalten hinterfragen: Müssen die Regale in den Märkten immer prall gefüllt sein, auch noch Samstagabends um 20 Uhr? Müssen wir unbedingt Spargel oder Gänsekeule zu Weihnachten essen? Wohin führt dieser Drang, alles zu jeder Zeit kaufen zu können? Und wäre es denn wirklich so schwer, mit dem auszukommen, was gerade da ist?