Sigrid Neudecker © Gretje Treiber

Liebe Leserin, lieber Leser,

32 Mails liegen bereits in dem Ordner, den wir für Ihre sommerlichen Lieblingsplätze angelegt haben. Wobei ich so ehrlich sein will zuzugeben, dass in einigen davon vor allem davor gewarnt wird, geheime Plätze zu verraten. "Dann ist es in null Komma nix kein Geheimplatz mehr!", schreibt Katrin L. Doch, vertrauen Sie uns bitte! Wir werden weder die Adresse von Kai M. veröffentlichen, der uns ein wirklich schönes Foto von seiner Eimsbütteler Dachterrasse geschickt hat, noch die von Claudia Sch. und dem entzückenden Reh in ihrem Garten. Aber vielleicht haben ja einige von Ihnen das Wochenendwetter genutzt, um den schönsten Platz auf dem 2. Grünen Ring zu finden? Oder einen Park zu entdecken, der nicht in jedem Stadtführer steht?

Wir wiederum vertrauen Ihnen, dass Sie, sobald wir mit unserer Sommerserie beginnen, nicht in "Massen einfallen, die völlig egoistisch die gute Luft mit Grillgestank und die Ruhe mit dem neuerdings wieder auferstandenen Ghettoblaster-Gedudel verpesten", wie Hella B. befürchtet. Das würden Sie nie tun, richtig?

Ich wünsche Ihnen einen schönen Wochenbeginn!

Ihre Sigrid Neudecker

Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns: hamburg@zeit.de.

AKTUELLES

© Grit Koalick

Neues Diebsteich-Quartier mit Musikhalle, Fußballstadion und neuen Wohnformen

Am Samstag wurden die Pläne für das Quartier rund um den geplanten (aber derzeit vom Oberverwaltungsgericht auf Eis gelegten) neuen Fernbahnhof Altona am Diebsteich vorgestellt. Laut Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) soll es den "rauen Charme" der großen Gewerbeflächen zwischen Kaltenkircher Platz und Eimsbütteler Marktplatz behalten, aber trotzdem zu einem "modernen, vielfältigen und urbanen Stadtviertel" werden. Dies soll unter anderem gelingen durch eine Konzerthalle, ein Regionalliga-Stadion für den Verein Altona 93, eine Markthalle, ein Hotel sowie "experimentelle Wohnformen" und viel Grün. "Die Entwürfe sind ein erster Vorschlag, den wir mit den Nachbarn und interessierten Beteiligten diskutieren wollen", sagte Oberbaudirektor Franz-Josef Höing bei der Präsentation. Sollte die Behörde es schaffen, tatsächlich den Musiker Prince wiederauferstehen zu lassen (siehe Illustration), ist ihr die Zustimmung wohl weit über die Hamburger Stadtgrenzen hinaus sicher.

Mitte-Grüne wollen abtrünnige Abgeordnete ausschließen

Am Donnerstag konstituierte sich die Bezirksversammlung Mitte mit zwei Grünen-Fraktionen. Das soll jedoch nicht so bleiben. "Klar ist, es kann keine zwei Grünen-Fraktionen geben", sagte der stellvertretende Grünen-Landesvorsitzende Martin Bill am Freitag. Den sechs Bezirksabgeordneten, die sich als Grüne-2-Liste unter Vorsitz von Meryem Çelikkol abgespalten hatten, warf Bill parteischädigendes Verhalten vor. "Wir haben sie aufgefordert, umgehend aus der Partei auszutreten. Sollten sie das nicht tun, haben wir keine andere Wahl, als ihren Ausschluss zu beantragen."

Spuckattacke auf Landesrabbiner und Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde

Bereits am Donnerstag kam es nach dem Senatsfrühstück für ehemals verfolgte Juden zu einer Attacke auf den Landesrabbiner Shlomo Bistritzky und das Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, Eliezer Noe. Ein 45-jähriger Marokkaner soll die beiden noch im Rathaus bedroht haben. Bistritzky und Noe alarmierten daraufhin den Polizeibeamten am Rathausportal. Als der den Mann ansprach, wandte sich der Verdächtige den beiden Juden zu und begann, sie zu bespucken. Der Mann wurde nach Abschluss der kriminalpolizeilichen Maßnahmen entlassen, da keine Haftgründe vorlagen. Alle in der Bürgerschaft vertretenen Parteien verurteilten den Vorfall. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) sprach von einer "schlimmen antisemitischen Straftat". Gegen Hassverbrechen müsse der Rechtsstaat konsequent vorgehen. "Und wir alle müssen uns jeden Tag für ein freies und friedliches Zusammenleben einsetzen – gerade in Deutschland."

Erneut Unruhe in der Handelskammer

© picture alliance/​Daniel Reinhardt/​dpa

"Ich bin mit der Absicht zur Modernisierung der Handelskammer und Reform der Organisationsstrukturen angetreten. Mit der derzeitigen Konstellation in der Handelskammer ist das nicht umsetzbar." Mit diesen Worten kommentierte die Hauptgeschäftsführerin der Handelskammer, Christi Degen, am Freitag den Entschluss, ihr Amt nur noch bis Ende Juli auszuüben. Degen wurde nach dem Wahlsieg der "Kammerrebellen" im Dezember 2017 Nachfolgerin von Hans-Jörg Schmidt-Trenz. Die Rebellen zerfielen jedoch in verschiedene Fraktionen, ihr Spitzenkandidat trat als Kammer-Präses zurück. Über die Hintergründe können Sie hier mehr lesen. Die Position soll nun übergangsweise von Armin Grams, Leiter der Abteilung für Berufsbildung, besetzt werden, ehe Anfang 2020 ein neuer Hauptgeschäftsführer berufen werden kann.

In einem Satz

Am Wochenende wurde in den meisten Betrieben Schleswig-Holsteins der letzte Spargel gestochen, heute sollen noch Restmengen zu kaufen sein +++ Das historische Segelschiff "No. 5 Elbe", das am 8. Juni mit einem Containerschiff kollidiert war, wurde am Freitag zur Peters Werft in Wewelsfleth geschleppt +++ Beachvolleyball-Olympiasiegerin Kira Walkenhorst hat in einem Interview mit der Deutschen Sporthilfe angedeutet, ihre Karriere möglicherweise doch noch fortzusetzen

Was heute auf der Agenda steht

Schulsenator Ties Rabe (SPD) stellt die Ergebnisse des Abiturs 2019 vor +++ Im ehemaligen Hauptzollamt am Alten Wandrahm wird das Kinderspiel des Jahres ausgezeichnet

WAS SIE INTERESSIEREN KÖNNTE

Alltagsreporter: Die Stewardess

Beim Rundgang nachts fiel mir eine ältere Dame auf, die den Zweikontakt-Stecker des Kopfhörers, den wir an die Gäste fürs Entertainment-Programm verteilen, in der Nase und die Kopfpolster in der Sitztasche hatte. "Ist alles okay?", fragte ich sie. Ihre Antwort: "Ja, es geht wieder. Eben war mir ein bisschen unwohl, da habe ich etwas Sauerstoff genommen." In so einer Situation weiß ich manchmal nicht, was ich noch sagen soll.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

Im Scheinwerferlicht: Jóhann Kristinsson

© Álfheiður Erla Guðmundsdóttir

Hamburgs Bühnen sind bekannt für Musicals und Sprechtheater, Travestie und Opern. Unsere Serie "Im Scheinwerferlicht" stellt ihre Darstellerinnen und Darsteller in den Mittelpunkt: Wie bereiten sie sich auf ihre Rolle vor, was geschieht hinter den Kulissen? Jóhann Kristinsson spielt und singt Boris Korezki, der in der Sowjet-Operette "Moskau, Tscherjomuschki" verzweifelt eine Bleibe sucht.

Das Stück kreist um ein aktuelles Thema: Wohnungsnot. Ich kann mich damit gut identifizieren, weil Leute in meiner Heimat Island auch Schwierigkeiten haben, Wohnraum zu finden. In Reykjavík zum Beispiel stehen zu viele Wohnungen nur für Touristen bereit, über Airbnb. Im Stück jedenfalls hofft Boris, in einer frisch gebauten Hochhaussiedlung namens Tscherjomuschki leben zu können. Die ist in Wirklichkeit nicht toll, aber die Leute reden sie sich schön, sie haben keine Wahl. Boris ist ein Lebenskünstler, er gibt sich selbstbewusst. Dabei ist er eigentlich schüchtern. Das ist eine Parallele zwischen uns – und in dieser Diskrepanz liegt für mich die Herausforderung der Figur: einerseits Stärke zeigen, andererseits Unsicherheit. Auch an die vielen gesprochenen Dialoge musste ich mich als Ausländer gewöhnen. Am Tag der Vorstellung versuche ich, meine Stimme zu schonen, singe mich erst kurz vor Beginn 15 Minuten warm. Anspruchsvoller ist das körperbetonte Spiel. Wir tanzen viel. Im Moment tun mir meine Beine von den Proben richtig weh; das Geld fürs Fitnessstudio kann ich mir auf jeden Fall sparen.

opera stabile, Kleine Theaterstraße, Vorstellungen: Di, Mi, Fr und Sa, weitere ab September, 28 Euro

Anna Heidelberg-Stein

Am Limit: Das Psychiatriesystem in Hamburg

© Jewgeni Roppel für DIE ZEIT

Am Ostersonntag stirbt ein 34-jähriger Student vor dem UKE an Herzversagen, nachdem Sicherheitskräfte ihn überwältigt haben. Einen Tag später bleibt das Herz eines 27-Jährigen im Polizeikommissariat am Schlump stehen. Beide hatten eine Wahnerkrankung, beide waren Patienten in einem System, das laut unserer Autorin Nike Heinen am Limit ist. 4581 Menschen wurden im Jahr 2018 gegen ihren Willen in Hamburger Psychiatrien eingewiesen – für sie gibt es stadtweit 255 Betten. Es mangelt an vielem, auch an echten Lösungen. Den detaillierten Report können Digitalabonnentinnen und -abonnenten hier online lesen

WAS SIE HEUTE ERLEBEN KÖNNEN

Mittagstisch

Große Suppenauswahl

Der Name lässt’s vermuten: In der Souperia gibt es fast ausschließlich Suppen und Eintöpfe. 200 Rezepte hat das kleine, modern-reduziert eingerichtete Restaurant im Repertoire, acht davon stehen wöchentlich auf der Speisekarte, etwa Lammeintopf mit Staudensellerie, Kichererbseneintopf oder die Möhrenorangensuppe (3,95 bis 5,20 Euro). Auf Wunsch gibt es extra Reis (je nach Menge 0,50 oder 1 Euro). Die Wahl fällt auf die scharfe Kartoffelsuppe mit Kichererbsen und Curry mit frischem Koriander als Topping. Dazu frisches Ciabatta, so viel man mag. Die Suppe hat eine angenehme Schärfe und Konsistenz; die Portion macht satt. Und während man dem im Hintergrund laufenden schmissigen Soul lauscht, fällt der Blick auf die große Speisetafel hinter dem Tresen mit den Desserts. Neben einem Obstsalat werden viele Sorten Quark (Vanille, Himbeere, Mango, 2,20–2,50 Euro, mit Obst 20 Cent extra) angeboten. Der Mangoquark wird‘s, er ist herrlich cremig und dezent fruchtig.

Souperia; Ottensen, Friedensallee 28, Mo–Fr 11–18 Uhr

Nina Thomsen

Was geht

Männermucke: An einer Baustelle faulenzen neun Bauarbeiter, ein zehnter malocht. Da fährt ein Musiker vorbei, der nach einem Namen für seine Band sucht. Was entsteht? Men at Work aus Australien, die mit Songs wie "Down Under" und "Be Good Johnny" heute ihre Live-Tour starten.

Große Freiheit, Große Freiheit 36, 19 Uhr, VVK 50 Euro

Was bleibt

Wohnraum Zukunft: Mit Wohnraum für rund 15.000 Menschen ist Oberbillwerder Hamburgs zweitgrößtes Stadtentwicklungsprojekt. Das Leitbild lautet "The Connected City"; die Stadt sucht im Osten der Stadt Antworten auf die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Interaktive Ausstellung der IBA Hamburg: "Oberbillwerder – Hamburgs 105. Stadtteil".

Zentralbibliothek, Hühnerposten 1, Ebene 1, Ausstellung 24.6.–6.7.2019, Eintritt frei

Was kommt

Lola tanzt: Für Lola Rogge bedeutete Tanz, sich selbst zu entfalten. Bis zu ihrem Tod 1990 förderte die Hamburgerin vor allem schöpferische Impulse von Laien, bildete in ihrer Schule aber auch Choreografen und Tanzpädagogen aus. Dreimal jährlich öffnet sich die Lola Rogge Schule Interessierten: "UpTanzen – Einblicke in unsere Arbeit".

Lola Rogge Schule im Kiebitzhof, Performanceraum, Landwehr 11–13, Mi, 11 Uhr, Eintritt frei

Medizinfrau: Heilpflanzen wachsen nicht nur in mystischen Wäldern. Auch inmitten und am Rand der Stadt blühen sie, etwa im Bauerngarten vom Gut Karlshöhe. Heilpraktikerin Ursula Axtmann führt Hamburgerinnen und Hamburger durch "Wilde Heilkräuter im Sommer – Medizin und Nahrung aus der Natur".

Gut Karlshöhe, Karlshöhe 60 d, Sa, 15–17.30 Uhr, 25 Euro, Anmeldung online

Vier Flügel: Das Martha Argerich Festival verabschiedet sich mit ungewöhnlichen Instrumentenkombinationen. Zunächst erklingt Kammermusik, dann spielt das Orchester auf, und am Ende stehen auf der Bühne gleich vier Flügel. Auf dem Programm finden sich Werke von Bach, Beethoven, dem Ehepaar Schumann und Brahms.

Laeiszhalle, Johannes-Brahms-Platz, So, 18 Uhr, ab 17,60 Euro

Hamburger Schnack

Tabakwarenladen im Billstedt-Center. Ein Kunde zur Verkäuferin: "Heute nur drei Schachteln Zigaretten. Meine Frau will aufhören zu rauchen. In der übernächsten Woche dann wieder mehr!"

Gehört von Rolf G. Rutter

Meine Stadt

Eine Speicherstadtimpression © Norbert Fliether

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Das Chaos in der Hamburger Handelskammer. (Archiv)

Das Hamburger Psychiatriesystem ist am Limit. (Abo)