Mohamed starb ganz leise. Seine Eltern und Geschwister schliefen, als er aufhörte zu atmen. Und auch danach, als die Eltern ihr totes Baby gefunden und die Feuerwehr alarmiert hatten, verzweifelt um Hilfe flehend, auch da blieb es um den Tod des Säuglings bemerkenswert ruhig.

Durch diese Stille ist der Fall zum Politikum geworden. Er wurde erst diese Woche öffentlich bekannt, nach eineinhalb Jahren – und auch nur, weil die Staatsanwaltschaft die Eltern wegen fahrlässiger Tötung angeklagt und das Amtsgericht den Prozess terminiert hatte. Seither wird der Name Mohamed in einem Atemzug mit Namen wie Jessica, Michelle, Lara-Mia genannt – mit Hamburger Kindern, die von ihren Eltern schwer vernachlässigt oder misshandelt wurden und daran starben. Denn Mohamed war bei seinem Tod stark unterernährt und dehydriert. Aber ist der Fall wirklich mit den anderen vergleichbar?

Faltige Haut, greisenhaftes Gesicht

Es ist ein ambivalentes Bild, das sich am ersten Prozesstag im Amtsgericht ergibt. Auf der einen Seite ist da das Gutachten des Rechtsmediziners Klaus Püschel: Das Baby, das siebte Kind seiner Eltern, sei in einem "dramatisch schlechten Zustand" gewesen, sagt Püschel: auffallend dünne Arme und Beine. Sehr faltige Haut. Ein greisenhaftes Gesicht. Das Körpergewicht lag bei 2.823 Gramm, weniger als bei der Geburt des Kindes. Normal wäre für einen drei Monate alten Säugling das Doppelte gewesen. Er war offensichtlich chronisch unterernährt und stark dehydriert, dann bekam er auch noch einen Darminfekt. Es kam zu einer Elektrolytentgleisung und letztlich zum Herz-Kreislauf-Versagen. "Für mich gibt es keinen Zweifel, dass man sehen musste, dass es dem Kind ganz dreckig ging", sagt Püschel. Das ist ein Teil des Gesamtbildes.

Auf der anderen sind Eltern zu sehen, die erkennbar unter dem Tod ihres Babys leiden. Der Vater, 34 Jahre alt, hager mit dunklem Bart, blickt immer wieder scheu in die Runde. Die Mutter, 32 Jahre, schmale Statur und beiges Kopftuch, sitzt gebückt auf ihrem Stuhl. Sie bewegt sich nur, wenn sie ein Taschentuch an die Augen führt, um ihre Tränen abzuwischen.

Die beiden, auch das gehört zu dieser Geschichte, sollen sich durchaus liebevoll um ihre Kinder gekümmert haben. In Püschels Institut für Rechtsmedizin wurden die sechs älteren Kinder nach dem Tod von Mohamed untersucht, sie machten alle einen gesunden und gut ernährten Eindruck. Und die Wohnung der Familie soll sauber und aufgeräumt gewesen sein. Das bestätigen zwei Polizisten, die damals nach dem Notruf in die Wohnung in Schnelsen gekommen waren. Nur drei Zimmer für neun Personen, es war eng, aber ordentlich und kindgerecht eingerichtet. Das war anders als bei den Kindern, mit denen Mohamed jetzt verglichen wird. Die siebenjährige Jessica etwa war in ihrem Jenfelder Hochhauszimmer eingesperrt, die Fenster dunkel abgeklebt, als sie qualvoll verhungerte. Auch Michelle aus Lohbrügge war mit ihren fünf Geschwistern in einem Zimmer eingeschlossen, die Eltern schoben morgens und abends Essen durch einen Türspalt, alles war voller Kot und Fliegen. Mohamed hingegen schlief in einem Kinderbettchen mit blauem Stoffhimmel und Mobile.