Drei Bände, jeder mehr als 800 Seiten dick, der Letzte davon erst kürzlich erschienen. Dabei liegt der Anfang der Recherche weit zurück. Vor rund 40 Jahren begann Hans-Peter de Lorent, damals selbst Lehrer und Redakteur der "Hamburger Lehrerzeitung", sich mit Schulen während der NS-Zeit zu beschäftigen und sammelte erste Dokumente über Menschen, die zu Tätern wurden. Nach und nach ist daraus ein stattliches Archiv geworden. Auf diesem basiert nun die Reihe "Täterprofile". In den Büchern beleuchtet de Lorent, wie sich die Verantwortlichen im Bildungswesen der Hansestadt unterm Hakenkreuz schuldig gemacht haben und wie es für sie nach 1945 weiterging. 180 Biografien hat er zusammengetragen – von Schulsenatoren ebenso wie von Sportlehrern. 

ZEIT ONLINE: Herr de Lorent, warum beschäftigen Sie sich in Ihrer Täterprofile-Reihe gerade mit Bildungsverantwortlichen?

Hans-Peter de Lorent: Schulleiter, Lehrer, Professoren und Bildungspolitiker gaben damals während der NS-Zeit ihre Grundhaltung weiter. Das waren nicht einfach Privatpersonen. Diese Männer und ein paar wenige Frauen haben die Jugend mit dem nationalsozialistischen Gedankengut infiziert – und das relativ erfolgreich. Sie haben die Schüler mit Hurra in den Krieg geführt.

ZEIT ONLINE: Sie haben 180 Biografien aufgeschrieben. Wie sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?

de Lorent: Ich habe zunächst die wichtigsten Köpfe rausgesucht: Schulsenatoren und andere leitende Mitarbeiter der Schulbehörde, aber auch langjährige Direktoren. Da waren schon viele stramme Nationalsozialisten darunter, und ganz schnell waren die ersten 800 Seiten voll. Mir war klar, dass ich weitermachen muss. Da gab es noch mehr Geschichten. Mein Fokus weitete sich. Ich schrieb zum Beispiel über Sportlehrer, die ihren Schülern eine vormilitärische Ausbildung angedeihen ließen, oder über Lehrer, die gegen die Swing-Jugend vorgingen. Nach dem ersten Buch sind auch Menschen auf mich zugekommen und haben mich auf weitere Namen aufmerksam gemacht. So war es mir möglich, zwei weitere Bände zu schreiben.


Hans-Peter de Lorent hat 180 Biografien von Bildungsverantwortlichen aufgeschrieben, die in der NS-Zeit zu Tätern wurden. Vor seiner Pensionierung arbeitete er als Hauptseminarleiter in der Lehrerausbildung und als Leitender Oberschulrat in der Schulbehörde. © privat

ZEIT ONLINE: Welche Geschichte hat Sie besonders bewegt?

de Lorent: Die von Walter Bärsch, Professor für Erziehungswissenschaft. Der war in der Nachkriegszeit ein legendärer Bildungsfachmann in Hamburg und saß im Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Ich war GEW-Landesvorsitzender, so haben wir uns kennengelernt. Ich habe ihn außerordentlich geschätzt. Für mich war das eine ehrenwerte Person. Dann kamen Gerüchte auf, dass auch er belastet sein soll. Ich fand heraus, dass Bärsch seit 1933 Mitglied der SS und der NSDAP war. Das wird man nicht einfach so, dafür muss man schon eine Unterschrift leisten. Er hat das immer verneint, sich sogar als Nazigegner dargestellt. Ich fand das sehr enttäuschend, aber sein Beispiel motivierte mich auch, genauer hinzuschauen.

ZEIT ONLINE: Er und die meisten anderen, die Sie porträtiert haben, arbeiteten nach dem Zweiten Weltkrieg wieder im Bildungsbereich. Wie kam es dazu?

de Lorent: Ein Großteil der Leute, über die ich geschrieben haben, waren um 1900 geboren und somit erst Mitte 40 damals. Der Bedarf an demokratisch orientierten Lehrer konnte nicht gedeckt werden. Zum Teil wurde anfangs in drei Schichten unterrichtet. Viele nationalistisch geprägte Lehrer kehrten deshalb nach kurzen Entnazifizierungsverfahren wieder in den Schuldienst zurück, auch wenn sich ihre Einstellung vielleicht nicht groß geändert hatte. Bei manchen hat es auch nicht sofort geklappt. Die Verfahren zogen sich teilweise schon in die Länge, manchmal dauerte es Jahre, aber am Ende ging man dazu über, auch belastete Personen wiedereinzustellen. Da gibt es krasse Fälle.

ZEIT ONLINE: Welchen zum Beispiel?

de Lorent: Hans Muchow etwa. Der hat in den 1950ern als Lehrer in Eppendorf gearbeitet, Schriften über Jugendpsychologie verfasst und war durchaus angesehen. Auf den bin ich erst bei den Recherchen zum dritten Band durch Zufall gestoßen. In der Nazizeit hat er in einer führenden Funktion beim Kunstraub mitgeholfen, im Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg. Ganze Bibliotheken und Gemäldesammlungen aus jüdischen Villen in den Niederlanden, Belgien und Frankreich haben sie nach Deutschland geschafft. Später gab er das als wissenschaftliche Arbeit aus. Dabei hat er auch aktiv Menschen denunziert, um an ihre Besitztümer zu kommen. Für mich ist das ein Verbrecher!

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich mit Täterprofilen zu beschäftigen?

de Lorent: Ich habe schon vor 40 Jahren damit angefangen, an dem Thema zu arbeiten. Für das Buch Schule unterm Hakenkreuz habe ich mich vor allem mit dem Alltag damals beschäftigt und denen, die sich gewehrt haben. Dabei habe ich festgestellt, dass mich auch die Täter interessieren, und wie man dazu wird. Das waren großteils intelligente Menschen, die studiert hatten. Der Opportunismus war bei vielen größer als der Widerstand, das muss man sagen. Ich sammelte also jede Menge Material, nur zum Schreiben hat die Zeit erst gereicht, als ich Ende 2014 in Pension ging.

ZEIT ONLINE: Auf welche Quellen stützen sich die Biografien?

de Lorent: Erst einmal habe ich versucht, so viele Personalakten wie möglich einzusehen. Das war in den Siebziger- und Achtzigerjahren teilweise gar nicht so einfach, weil manche der Leute ja noch gelebt haben. Zu jedem interessanten Namen habe ich einen Ordner angelegt, insgesamt etwa 300 Stück. Irgendwann musste ich das Archiv auf den Dachboden auslagern. In fast allen Fällen gibt es Dokumente zu den Entnazifizierungsverfahren, oft richtig dicke Akten. Das sind unschätzbare Quellen, gerade wenn die Leute als belastet galten und einige Zeugen dazu befragt wurden, bis sie einen "Persilschein" ausgestellt bekamen. Ich habe mir auch angeschaut, was in der Hamburger Lehrerzeitung und in Schulchroniken von damals stand.

ZEIT ONLINE: Das klingt nach viel Arbeit. Sind die Täterprofile mit dem dritten Band abgeschlossen?

de Lorent: Ja, ich habe das Gefühl, dass ich die allerwichtigsten Personen erfasst und porträtiert habe und damit die Strukturen und Mechanismen darstellen konnte. Aber da warten natürlich noch spannende Geschichten. Ich hoffe, dass ich mit den Büchern auch einen Impuls geben konnte, damit sich mehr Menschen mit diesen Biografien beschäftigen. An einigen Schulen untersuchen Geschichtslehrer mit ihren Klassen inzwischen die Nazizeit an der eigenen Schule und schreiben weitere Porträts von Lehrern dort. Das finde ich gut.

ZEIT ONLINE: Hatten Ihre Recherchen eigentlich irgendwelche Auswirkungen auf das Ansehen der Porträtierten?

de Lorent: Im Fall von Walter Bärsch stellen die Grünen im Bezirk Hamburg-Nord gerade infrage, dass ein Weg nach ihm benannt wurde. Auch viele Kollegen waren erschüttert über seine konstruierte Lebenslegende. Überhaupt kamen von den Nachfahren der Täter äußerst positive Rückmeldungen, das hat mich erstaunt. Sie bedankten sich, weil endlich die Decke des Schweigens gelüftet wurde. In der Familie wusste man, dass der Vater oder Großvater in den Nationalsozialismus verstrickt war. Durch meine Biografien wurde nun Klarheit hergestellt, was tatsächlich stattgefunden hatte. Damit kann man sich konkret auseinandersetzen. Für mich zählt, dass die Lebensgeschichten mit ihren dunklen Seiten in den Büchern dokumentiert sind. Aufklärung ist wichtig. Vielleicht kann ich so einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass sich solche Entwicklungen, die zu Kriegen führen können, nicht wiederholen.

Die drei Bände der Reihe "Täterprofile" von Hans-Peter de Lorent sind bei der Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg erschienen und dort für je 3 Euro erhältlich. Die Bücher gibt es auch kostenlos als Download-Dateien.