Zwischen fünf bis sieben Prozent der Schülerinnen und Schüler im Land verlassen die Hauptschule ohne Abschluss. In Hamburg sieht die Lage im Schnitt ähnlich aus, in den Stadtteilen Neuwiedenthal und Rahlstedt liegt die Quote der Schulabbrecher teilweise sogar bei rund 14 Prozent und ist damit doppelt so hoch wie im Rest der Stadt. Wer abbricht, ist oft seit Jahren nur noch unregelmäßig zum Unterricht gekommen. Das Projekt "Jeder Schultag zählt – Strategien gegen das Scheitern" von der Joachim-Herz-Stiftung und der Alfred-Toepfer-Stiftung setzt deshalb auch schon dort an: An vier Schulen untersuchen Wissenschaftler bis 2022, mit welchen Maßnahmen sich das Schwänzen bekämpfen lässt. Die Schülerinnen und Schüler sollen dabei genauso angesprochen werden wie das Lehrerkollegium und die Eltern. Wir sprachen mit Heinrich Ricking, der das Projekt leitet und an der Uni Oldenburg über die Pädagogik bei Beeinträchtigungen des Verhaltens forscht.

ZEIT ONLINE: Herr Ricking, wie wollen Sie die Schülerinnen und Schüler davon abhalten, die Schule zu schwänzen?

Heinrich Ricking: Eine Möglichkeit ist etwa, dass die Jugendlichen selbst Buch führen über ihre An- und Abwesenheiten und sich mit den Gründen dafür beschäftigen. Andere brauchen mehr Begleitung. Sie melden sich vielleicht jeden Morgen und jeden Nachmittag kurz beim Schulsozialarbeiter, um darüber zu sprechen, was sie sich für den Tag vornehmen und wie es gelaufen ist. Das sind zwei Beispiele, wie solche Programme in den USA ablaufen. Dort ist das Problem viel größer als hier und wird auch schon länger erforscht. Wir wollen aber erst einmal herausfinden, was überhaupt sinnvoll erscheint.

Heinrich Ricking

 ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie vor?

Ricking: Wir nehmen uns ein halbes Jahr Zeit, um mit Schülern, Lehrern und Eltern zu sprechen. Natürlich können wir nicht mit allen Kontakt aufnehmen, aber wir versuchen ganze Klassen mit Fragebögen zu erreichen und dann längere Interviews mit einzelnen Personen zu führen, die mit der Problematik schon zu tun hatten. Schüler können sich dazu selbst melden, aber die Lehrkräfte geben auch Hinweise. Diese unterschiedlichen Einschätzungen sind wichtig. Dann entwickeln wir gemeinsam ein Paket an Maßnahmen und schauen, welche Wirkungen sich zeigen.

 ZEIT ONLINE: Was für Maßnahmen könnten das noch sein?

Ricking: Das können neue Beratungsformate sein, aber auch Weiterbildungen für Lehrer, in denen es darum geht, wie sich der Unterricht spannender gestalten lässt. Ganz entscheidend ist auch die Kooperation mit den Eltern. Die betroffenen Jugendlichen kommen oft aus nicht bildungsaffinen Haushalten. Die Eltern gehen oft schon gar nicht ans Telefon, wenn sie die Nummer der Schule auf dem Display sehen. Da könnte es zum Beispiel helfen, ein Feedbacksystem einzuführen, bei dem die Familien regelmäßig Rückmeldungen bekommen, auch positiver Art. Vielleicht gibt es auch mal einen Erziehungskurs an der Schule.

ZEIT ONLINE: Wie erklärt es sich, dass jemand einfach nicht mehr in den Unterricht kommt?

Ricking: Das hat vielfältige Ursachen, deshalb lohnt sich ein differenzierter Blick. Ungefähr die Hälfte geht nicht mehr zum Unterricht, weil sie negative Erfahrungen in der Schule gemacht hat. Das ist oft so eine Gemengelage. Vielleicht gab es Stress mit den Lehrern und in der Peergroup dort war man auch nicht so richtig eingebunden. Früher sind diese Jugendliche dann in der Stadt herumgestreunt, heute verschanzen sie sich eher in ihrem Zimmer hinterm Computer. Das sind die typischen Schulschwänzer. Aber es gibt noch andere Gründe.

 ZEIT ONLINE: Welche denn?

Ricking: Manche Jugendliche haben Angst. Das hat meistens zwei Ursachen. Entweder sie belasten die Tests und Prüfungen dort oder sie werden von ihren Mitschülern gemobbt. Weil sie sich diesem Stress nicht aussetzen wollen, gehen sie einfach nicht mehr zur Schule. Dann gibt es noch Fehlzeiten, die durch die Eltern initiiert sind. Zum Beispiel weil das Kind zu Hause gebraucht wird, um im Haushalt zu helfen oder auf die kleinen Geschwister aufzupassen. 

 ZEIT ONLINE: Ab wann wird es problematisch?

Ricking: Das hängt vom einzelnen Jugendlichen ab. Manche holen selbst ein paar Wochen Schulstoff schnell wieder auf, andere hängen schon nach weniger Fehltagen hinterher und kommen irgendwann gar nicht mehr mit. Trotzdem gibt es auch Richtwerte. Wenn jemand mehr als 10 bis 15 Prozent der Schulzeit in einem Halbjahr versäumt hat, sprechen wir in der Forschung schon von chronischem Absentismus, so der Fachbegriff für schwerwiegende Formen – und das kann zum Problem werden.

ZEIT ONLINE: Ein weiterer Aspekt in Ihrem Projekt ist Prävention. Wo wollen Sie da ansetzen?

Ricking: Dabei richten wir uns gezielt an Grundschüler. Häufiges Schulschwänzen ist zwar eher ein Problem bei Jugendlichen, doch schon geringe Fehlzeiten in den ersten Klassen können darauf hindeuten, dass die innere Bereitschaft für Schule nachlässt. Deshalb wollen wir bereits dort gegensteuern. Die Schule soll den Kindern eine emotionale Basis bieten. Das könnte zum Beispiel – wie bei den Eltern auch – durch eine positive Feedbackkultur funktionieren. Jeder und jede sollte Erfolge erleben! Außerdem muss die Grundschule ein Ort ohne Mobbing und Gewalt sein. Da können Trainings und Kurse helfen.

 ZEIT ONLINE: Und am Ende gibt es an diesen vier Schulen weniger Abbrecher?

Ricking: Das wäre natürlich der Idealfall, aber erst einmal ist es wichtig, dass wir uns nachhaltig und langfristig dort mit dem Thema auseinandersetzen. Wir testen nicht nur ein Programm und sind dann wieder weg. Wir wollen datenbasiert Schlüsse ziehen, welche Maßnahmen langfristig helfen, damit die Schülerinnen und Schüler wieder regelmäßig zum Unterricht gehen. Gerade im Bereich Prävention gibt es zum Beispiel bislang kaum Forschung. Wir wissen noch gar nicht, ob solche Ansätze in der Grundschule überhaupt erfolgreich sein können.