Fast war sie vergessen, die Geschichte von den gestohlenen Funkgeräten. Ende Februar war bekannt geworden, dass mehrere Geräte aus Hamburger Polizeiwachen entwendet und zum Verkauf angeboten wurden, die Staatsanwaltschaft verdächtigte zwei Polizisten und mehrere Komplizen. Der Diebstahl war brisant, mit den Geräten lässt sich der Polizeifunk abhören. Das Hamburger Abendblatt berichtete, die Hamburger Morgenpost, Spiegel Online. In manchen Berichten hieß es, angeblich sei auch ein bundesweit bekannter YouTuber in die Sache verstrickt, womöglich habe er einen Verkauf angebahnt. Dann wurde es still um den Fall.

Dass es nun plötzlich wieder laut wird, hängt mit jenem YouTuber zusammen, von dem schon Ende Februar die Rede war. Er heißt Marvin, ist 28 Jahre alt und kommt aus Nordrhein-Westfalen, seinen Nachnamen möchte er nicht nennen. Wenn er gerade keine YouTube-Videos dreht, rüstet er Einsatzfahrzeuge um, für das Rote Kreuz, das Technische Hilfswerk oder für Filmproduktionen. Er kennt sich aus mit Funkgeräten.

390.000 Abonnenten folgen seinem Youtube-Kanal "ItsMarvin". Dort veröffentlichte er am vergangenen Sonntag ein Video mit dem Titel "Polizei Hamburg vermisst Funkgeräte – HAUSDURCHSUCHUNG".  

Es sind rund zwölf Minuten, in denen Marvin erklärt, wie er die Dinge sieht. Am Ende bleiben mehr Fragen als Antworten, eines aber scheint sicher: Vergessen ist diese Geschichte nicht, zumindest nicht auf YouTube. Innerhalb von nur drei Tagen haben rund 320.000 Nutzer das Video angeklickt, knapp 1.500 von ihnen haben einen Kommentar hinterlassen. 

Die unverhoffte Aufmerksamkeit macht den Fall für die Ermittlungsbehörden noch lästiger, als er ohnehin schon ist. Wie viele Geräte abhanden gekommen sind, verriet die Hamburger Staatsanwaltschaft zwar nicht, aber offenbar sind es mehr als bislang bekannt. In den Berichten aus dem Februar war die Rede von neun Stück; die tatsächliche Zahl liege höher, sagte die Staatsanwaltschaft nun, wobei noch nicht ganz klar sei, welche gestohlen wurden und welche auf anderem Wege verloren gingen. Zudem seien auch Funkgeräte der Feuerwehr abhandengekommen. 

Mit den Geräten wurden offenbar auch die zugehörigen BSI-Karten gestohlen, die ähnlich wie SIM-Karten aussehen und den Zugang in geschützte Frequenzbereiche zulassen, also in den Polizeifunk. Nach eigenen Angaben ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die beiden Polizisten wegen des Verdachts des Diebstahls und gegen weitere Beschuldigte wegen des Verdachts der Hehlerei. 

Vier Geräte des YouTubers im Gesamtwert von 2.800 Euro liegen noch bei der Polizei

Auch den YouTuber Marvin besuchten die Ermittler zu Hause und durchsuchten seine Räume. Die Begegnung veranlasste ihn nun, einige Monate später, zu seinem Video. Neben vielen Vermutungen enthält es auch einen Vorwurf: Die Ermittler, sagt Marvin, hätten ihm bei der Durchsuchung mehrere Funkgeräte abgenommen und bis heute nicht zurückgegeben, obwohl sie sein rechtmäßiges Eigentum seien. Auf Anfrage der ZEIT sagt er, es handle sich um insgesamt vier Stück samt Zubehör im Gesamtwert von 2.800 Euro.

Die Durchsuchung sei zudem ein Irrtum gewesen. Auf dem Portal eBay Kleinanzeigen habe ein Nutzer sich als "Marvin aus Gladbeck" ausgegeben und zwei Funkgeräte zum Verkauf angeboten. Die Ermittler hätten fälschlicherweise den YouTuber hinter dem Inserat vermutet und die Geräte für gestohlen gehalten. Die inserierten Geräte fanden sie bei der Durchsuchung nicht, sagt Marvin, dafür aber die vier anderen, die er legal erworben habe. Allerdings gleiche das Modell den in Hamburg gestohlenen Geräten, die Ermittler hätten sie daher mitgenommen. Laut Marvin haben sie ihm inzwischen versichert, dass mit den Geräten alles in Ordnung ist. Trotzdem wartet er noch immer auf die Rückgabe, weshalb er seinen 390.000 Abonnenten nun verkündet: "Ich möchte meine Funkgeräte wiederhaben." Er sei "einfach gefrustet von der Polizeiarbeit", sagt Marvin.

Die Staatsanwaltschaft bestätigt die Durchsuchung bei dem YouTuber wegen Verdachts auf Hehlerei, lässt auf Anfrage aber offen, ob es ein Ermittlungsverfahren gegen ihn gab. Marvin selbst sagt, er habe keinen entsprechenden Bescheid erhalten. Auch zu Marvins Funkgeräten äußerte sich die Staatsanwaltschaft bislang nicht.

Unklar ist, wie viele Geräte noch immer verschollen sind. Marvin vermutet: viele. "Ich glaube, die haben noch gar keinen Überblick." Auf ihn wirken die Ermittlungen chaotisch. Die Staatsanwaltschaft schweigt bei der Frage, ob inzwischen alle Funkgeräte wieder aufgetaucht sind; aufgrund laufender Ermittlungen lasse sich dazu nichts sagen. "Das ist ein hochsensibler Bereich", sagt eine Sprecherin.

Unklar ist auch, wie groß das Risiko ist, das von dem Diebstahl ausgeht. Laut Polizei lassen sich bei gestohlenen Geräten zwar die BSI-Karten sperren, wodurch das Gerät nicht mehr am Funkverkehr teilnehmen könne. Aber was, wenn bislang niemand genau weiß, welche und wie viele Geräte gestohlen wurden – bei insgesamt 4.600 Stück in der Hamburger Polizei?