Im Februar verlor die Kunsthalle nach nur zwei Jahren ihren Direktor Christoph Martin Vogtherr, ausgerechnet im Jahr ihres 150. Jubiläums. Seinen Nachfolger Alexander Klar bezeichnete Kultursenator Carsten Brosda als einen Mann, "der aus dem 19. Jahrhundert kommt und zuletzt fast ausschließlich in der Moderne und der Gegenwart gearbeitet hat". Das Museum neben dem Hauptbahnhof hat frischen Wind jedenfalls dringend nötig. 

ZEIT ONLINE: Seit wann wissen Sie, dass Sie der neue Direktor der Hamburger Kunsthalle werden?

Alexander Klar: Die erste Anfrage kam im späten Januar.

ZEIT ONLINE: Also ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, als Ihr Vorgänger Christoph Martin Vogtherr nach Potsdam umzog.

Klar: Daraufhin haben Carsten Brosda und ich uns getroffen und ausgetauscht – und dabei wurde deutlich, dass das ein wirklich interessanter Job ist, mit Rückhalt da, wo er nötig ist.

ZEIT ONLINE: Waren Sie sich denn immer klar darüber, dass Sie den Job auch wollen?

Klar (lacht): Ich hatte zuletzt tatsächlich einige Angebote von vergleichbar großen Museen wie der Hamburger Kunsthalle, auf die ich immer sehr gelassen geantwortet habe: Ich bin in Wiesbaden sehr gut aufgehoben und habe dort noch sehr viel vor. Als die Hamburger Anfrage kam, habe ich tatsächlich tief eingeatmet – und dann meine Frau gefragt, ob ich in die Gespräche tiefer einsteigen sollte. Meine Frau ist Norddeutsche, wir haben uns in meiner Zeit an der Kunsthalle Emden kennengelernt.

ZEIT ONLINE: Wie hat sie reagiert?

Klar: Sie sagte: Also, wenn du nach Hamburg willst – ich würde nach Hamburg gehen.

ZEIT ONLINE: Ihr erster Arbeitstag in Hamburg ist der 1. August – tatsächlich hat die Arbeit aber vermutlich längst begonnen, oder?

Klar: Das hat sie. Ich bin niemand, der mit 17 Ausstellungen im Gepäck ankommt und sagt: Das ist meine Handschrift, so machen wir das jetzt. Ich sehe meine Aufgabe eher darin, die Rahmenlinien des Ausstellungsprogramms zu skizzieren und dann gemeinsam mit den Kuratorinnen und Kuratoren ein kluges Programm zu entwickeln. Dafür muss man viel miteinander reden, weswegen wir uns bereits zweimal getroffen haben, um über die bisher geplanten Ausstellungen zu besprechen.

ZEIT ONLINE: Können Sie über Ihre Rahmenlinien des Ausstellungsprogramms schon etwas mehr verraten?

Klar: Es wird viel mit Integration der Sammlungen zu tun haben, mit einer Bezugnahme aufeinander. Und es soll das Profil der Kunsthalle und ihrer Schwerpunkte herausmeißeln.

ZEIT ONLINE: Wenn man Ihnen nun unterstellte, Sie wüssten tatsächlich noch nicht genau, was Sie vorhaben – täte man Ihnen unrecht?

Klar: Für die ersten zwei Jahre ist alles mit großem Vorlauf durchgeplant, was gut ist, weil ich mich ja auch erst in die Sammlungen en détail einarbeiten muss. Ein Ausstellungsprogramm, wie es mir vorschwebt, kann also ab 2022 stattfinden. Mein Ziel liegt darin, die einzelnen Sammlungsteile künftig stärker aufeinander zu beziehen, und auf das Haus selbst. Man soll erkennen können: Das ist eine Kunsthallen-Ausstellung.

ZEIT ONLINE: Ihre Ausstellungen bekommen also ein hamburgisches Element. Was könnte das sein?

Klar: Das beginnt mit der Architektur des Hauses selbst, mit den Räumen. Im Idealfall ist ja jede Ausstellung eine Einheit aus der Ausstellungsidee, den Werken und der Architektur. In vielen Museen ist dieser Dreiklang aufgrund architektonischer Gegebenheiten schwierig. In Wiesbaden bin ich schon sehr verwöhnt, in Hamburg sehe ich aber fast noch schönere Möglichkeiten: Da gibt es die beiden Altbauten, die großartige Ausstellungsräume bieten, daneben steht der zur Alster hin gelegene, auf den ersten Blick schwierige, quadratische Ungersbau. Wenn man aber hier anfängt, mit der Architektur zu kuratieren, statt gegen sie, lässt sich in meinen Augen viel herausholen.

ZEIT ONLINE: Sie übernehmen mit der Kunsthalle nicht nur ein Haus mit einer bedeutenden Sammlung, sondern auch mit einem großen Haufen Probleme. Abgesehen vom Ausstellungsprogramm: Worum werden Sie sich zuerst kümmern?

Klar: Ich sehe nicht, wo die Kunsthalle größere Probleme hat als die anderen großen Häuser Europas. Ich werde mich ganz unmittelbar der Moderne und der Gegenwart zuwenden, weil ich hier die Verantwortung eines Hauses wie Hamburg sehe. Wir müssen – im Victoria-and-Albert-Museum nannten wir das "Taste-Maker" – geschmacksbildend sein, und wir müssen versuchen, einen Gegenwartskanon mitzuprägen.