Sie kamen ausgerechnet von einem Festakt für verfolgte Juden, als der Übergriff geschah: Am 20. Juni waren Shlomo Bistritzky und Eliezer Noe, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde, noch vor dem Hamburger Rathaus am helllichten Tag von einem Marokkaner bedroht und angegriffen. Als Reaktion darauf haben Bistritzky und Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) die Antidiskriminierungsinitiative "Wir sind Hamburg" gestartet.  Im Interview erzählt Shlomo Bistritzky, was er sich davon erhofft.

ZEIT ONLINE: Vor gut einer Woche wurden Sie nach einem Senatsempfang für Überlebende des Holocaust im Rathaus angegriffen. Was ist passiert?

Shlomo Bistritzky: Das war eigentlich ein schöner Anlass, zu dem schon mein Großvater, der 1938 aus Hamburg nach New York geflüchtet ist, einmal pro Jahr anreiste. Es ist wie eine Wiedergutmachung der Stadt für die Vertriebenen, sogar mit koscherem Essen. Als mein Kollege und ich nach dem Treffen aus dem Rathaus kamen, ging ein Mann an uns vorbei, sagte Schalom und zischte dann etwas.

ZEIT ONLINE: Was sagte er?

Bistritzky: Irgendein Schimpfwort, wir haben es nicht richtig verstanden und sind stehengeblieben. Da hat er mit seinen Händen gefuchtelt, ein Feuerzeug rausgeholt und ist mit der Flamme auf uns zugekommen. Dann kramte er unter seinem Hemd. Ich dachte, er zieht ein Messer. Wir liefen los, und er kam hinter uns her und spuckte in unsere Richtung. Ich habe dann die Polizei zu Hilfe gerufen. Die Beamten haben ihn festgenommen und ihm eine Spuckmaske aufgesetzt, weil er gar nicht mehr aufhörte zu spucken.

ZEIT ONLINE: Später hieß es, der Mann, ein Marokkaner, sei psychisch verwirrt gewesen.

Bistritzky: Ja, aber ich hatte schon den Eindruck, dass er sehr genau wusste, was er macht. Er hat uns ja ganz gezielt angegriffen.

ZEIT ONLINE: Welchen Eindruck hat der Angriff bei Ihnen hinterlassen?

Bistritzky: Natürlich hatte ich kurz Angst, es sah ja so aus, als würde er ein Messer ziehen. Unangenehm war, dass das Ganze direkt vor dem Rathaus spielte, dort sind ja viele Menschen, die das alle mitbekamen. Aber ich bin direkt danach zum nächsten Termin gefahren und habe niemandem davon erzählt. Meine Mutter hat es aus den israelischen Nachrichten erfahren.

ZEIT ONLINE: Die Zahl der antisemitischen Übergriffe ist auch in Hamburg in den vergangenen Jahren gestiegen. Laut Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage der FDP gab es letztes Jahr 74 Vorfälle, 2013 waren es noch 28.

Bistritzky: Ja, aber man muss sagen, dass die Stadt noch deutlich besser dasteht als andere Bundesländer.

ZEIT ONLINE: Wurden Sie zuvor schon mal angegriffen?

Bistritzky: Ich lebe seit 16 Jahren in Hamburg und kann mich nur an einen Fall erinnern, als mich im Winter vor einigen Jahren jemand mit Schneebällen bewarf und meine Brille zertrümmerte. Ich habe aber nicht gesehen, wer das war.

"Ich habe das Gefühl, wir haben ein Problem mit islamischem Antisemitismus"

ZEIT ONLINE: Laut Statistik kommt ein Großteil der Angriffe aus dem rechtsextremen Spektrum. Macht Ihnen das Sorgen?

Bistritzky: Ja, das habe ich auch gelesen, aber ich traue den Statistiken nicht ganz. Mein Eindruck ist ein anderer. Ich frage mich, ob da politisches Interesse hinter steckt, dass man zeigen will: Das Hauptproblem ist der Rechtsextremismus und nicht der islamische Antisemitismus. Wie gesagt, ich weiß es nicht, aber wenn ich die Schlagzeilen lese, habe ich eher das Gefühl, wir haben ein Problem mit islamischem Antisemitismus. Und manchmal ist es auch eine Mischung.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie?

Bistritzky: Vor einigen Monaten habe ich eine E-Mail von einem bekennenden Salafisten bekommen, der wünschte, mit mir über Antisemitismus zu sprechen. Ich rede mit jedem, der will, also trafen wir uns in einem Hotel. Da erzählte der Mann mir, dass ein Bekannter, der der salafistischen Szene angehört, kürzlich einen Anruf von einem Neonazi bekommen hätte: Lass uns gemeinsame Sache gegen Juden machen!

ZEIT ONLINE: Das klingt ja schrecklich.

Bistritzky: Ich erzähle das, um zu zeigen, dass Antisemitismus viele Seiten hat. Antisemitismus gibt es schon seit Tausenden Jahren, das ist keine neue Erfindung und deshalb ist er auch so schwer wegzubekommen.

ZEIT ONLINE: Manche Juden erzählen, dass sie heute in Hamburg oder Berlin nicht mit Kippa auf die Straße gehen würden.

Bistritzky: Ja, das liest man immer wieder, und oft fragen mich Gäste aus dem Ausland, ob es sicher sei, mit Kippa rauszugehen. Ich habe den Eindruck, dass es kein Problem ist und dass die Berichterstattung oft schlimmer klingt, als die tatsächliche Lage es ist.

ZEIT ONLINE: Sie haben nun trotzdem eine Kampagne gegen Antisemitismus gestartet. Bei der Präsentation forderte einer Ihrer Mitorganisatoren verpflichtende Synagogenbesuche für alle Schülerinnen und Schüler in Hamburg, um Vorurteile abzubauen. Eine gute Idee?

Bistritzky: Ich finde schon! Wir haben schon jede Woche Besucher bei uns, aber es würde sicher nicht schaden, noch mehr zu haben. Vorurteile gibt es überall. Mir macht zum Beispiel auch Sorgen, dass aus der gesellschaftlichen Mitte immer öfter gefordert wird, bei Muslimen religiöse Traditionen wie Kopftuchtragen, Beschneidungen und Schächtungen zu verbieten. Das betrifft auch uns jüdische Gemeinden. Ich habe Angst, dass es bald schwer werden könnte, als orthodoxer Jude in Deutschland zu leben.

ZEIT ONLINE: In Ihrer Kampagne gegen Diskriminierung fordern Sie, in Menschen nicht nur religiöse Symbole zu sehen.

Bistritzky: Genau, ich glaube, es würde schon viel helfen, wenn die Leute in uns einfach Mitbürger sehen würden. Ich bin Familienvater, Hamburger, habe verschiedenste Hobbys und Interessen. Aber ich merke, dass Leute in mir oft ausschließlich einen Juden sehen. Dabei bin ich ein Mensch wie jeder andere.

ZEIT ONLINE: Aber warum ist so eine Kampagne überhaupt nötig, wenn, wie Sie sagen, die antisemitische Bedrohung in Hamburg nicht so groß ist wie andernorts?

Bistritzky: Der Angriff auf mich war für uns ein Anlass, das Thema grundsätzlich anzupacken, dafür zu kämpfen, dass sich Menschen vorurteilsfreier begegnen. Wir wollen nicht warten, bis die Lage wirklich schlimm ist, sondern uns für ein respektvolleres Miteinander einsetzen, um weiteren Vorfällen vorzubeugen.