Liebe Leserin, lieber Leser,
haben Sie sich schon an den Anblick der vielen Elektrokleinfahrzeuge mit Lenkstange gewöhnt? Das ist Behördendeutsch für E-Scooter. Seit knapp einem Monat sind sie im Straßenverkehr erlaubt, jetzt zogen Polizei und Verkehrsbehörde eine erste, nun ja, "Bilanz" wollte es niemand nennen, doch was sich sagen lässt: Es werden immer mehr. 2160 E-Scooter von vier Anbietern rollen mittlerweile durch die Stadt. Das befürchtete Chaos ist gleichwohl ausgeblieben, größere Beschwerden liegen der Polizei jedenfalls nicht vor – wobei es schon aufhorchen lässt, dass bei einer nur zweistündigen Kontrolle in der Mönckebergstraße vergangene Woche gleich 15 Verstöße mit E-Scootern gezählt wurden, weil deren Lenker rote Ampeln oder Gehwege überfuhren. Doch immerhin sind wir noch weit entfernt von Zuständen wie in Tel Aviv. Dort kassierten E-Rollerfahrer in diesem Jahr schon 13.000 Strafzettel, weil sie keinen Helm trugen, den Roller wild irgendwo abstellten oder sich zu zweit einen teilten. Allerdings gibt es in Tel Aviv auch deutlich mehr Roller als bei uns, allein 10.000 können dort entliehen werden. Ob sich an diesem Vergleich nun also ablesen lässt, was da bald auf uns zurollen könnte? Abwarten.
Übrigens: Statt unseres Mittagstischs finden Sie weiter unten ab jetzt eine Woche lang Buchtipps für die Urlaubszeit. Viel Spaß beim Lesen!
Ihre Annika Lasarzik
Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns: hamburg@zeit.de.
AKTUELLES
Initiative kritisiert Senat: Flüchtlingsunterkünfte noch immer zu groß
Vor drei Jahren
einigte sich der Senat mit den "Initiativen für erfolgreiche Integration" auf einen Kompromiss
zur Unterbringung von Geflüchteten. 14 Bürgerverträge wurden abgeschlossen, die
Kernforderung: kleine, dezentrale Unterkünfte, gleichmäßig in der Stadt
verteilt, statt vereinzelter großer Massenunterbringungen. Bis Ende 2019 sollen
außerdem nicht mehr als 300 Personen in einer Unterkunft leben – so der Plan.
Doch nun zog der Verband eine kritische
Zwischenbilanz. "Eine
Dezentralisierung findet nicht statt",
heißt es vonseiten der Initiativen, Geflüchtete würden zu lange in den
Unterkünften wohnen, die Integration sei langfristig gefährdet. Konkret: Die
130 Unterkünfte ballten sich in nur 30 Stadtteilen. 13 Stadtteile würden jeden
zweiten Geflüchteten aufnehmen, wohingegen es in 43 Stadtteilen überhaupt keine
Unterkünfte gebe. Die Sozialbehörde
wies die Kritik gegenüber NDR 90.3 als zu pauschal zurück, große Standorte
würden wie geplant abgebaut. Fest steht bereits, dass allein in Hamburgs
größter Flüchtlingssiedlung am Mittleren Landweg in Billwerder in diesem Jahr
deutlich weniger Menschen ausziehen werden als geplant. Zum Jahresende sollen
dort noch etwa 2000 Menschen leben.
Toter Obdachloser: Mordkommission ermittelt
Die Polizei sucht Zeugen, um den Tod eines Obdachlosen
aufzuklären, der möglicherweise
Opfer eines Verbrechens geworden ist. Spaziergänger hatten den Leichnam des
Mannes am Dienstagabend auf einer Grünfläche zwischen dem Riedel-Vogt-Weg und
der A 24 in Jenfeld entdeckt. Er war in eine Decke eingewickelt und lag vor
einem orangefarbenen Zelt, in dem er laut Polizei offenbar gelebt hatte. Wie
eine Obduktion ergab, wurde der Mann mutmaßlich bereits vor längerer Zeit durch
stumpfe Gewalt getötet,
die Mordkommission ermittelt. Bei dem Toten habe es sich laut Polizei um einen
Mann Anfang 40 gehandelt, seine genaue Identität ist derzeit aber noch
ungeklärt. Auf der Wiese sollen mehrere obdachlose Personen zumindest zeitweise
provisorisch gelebt haben. Die Polizei nimmt Hinweise unter der Rufnummer
040/4286-56789 und in jeder Dienststelle entgegen.
In einem Satz
Die Umweltbehörde hat die Bauarbeiten für das Gewerbegebiet Viktoriapark zwischen Rahlstedt und Stapelfeld gestoppt, nachdem Umweltschützer gegen die Zerstörung des Landschaftsschutzgebiets vors Verwaltungsgericht gezogen waren +++ Der Datenklau an Geldautomaten nimmt ab, im ersten Halbjahr dieses Jahres ist kein einziger Fall in Hamburg bekannt – vor einem Jahr waren es zu dieser Zeit bereits 15 Fälle +++ Die Zahl der Menschen, die mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus mussten, ist von 780 vor drei Jahren auf 565 in 2018 gesunken, ergab eine Kleine Anfrage der CDU +++ Im Wilhelmsburger Ernst-August-Kanal musste die Feuerwehr am Sonnabend mit einem Absaugschiff Ölspuren entfernen, die Ursache der Verschmutzung ist noch unklar
Was heute auf der Agenda steht
Der Prozess gegen den 70-Jährigen, der bei einem Banküberfall einem Angestellten in den Bauch geschossen haben soll, wird fortgesetzt +++ Heute ist Steuerzahlergedenktag: Das gesamte Einkommen, das die Steuerzahler in diesem Jahr bislang erwirtschaftet haben, wurde – rein rechnerisch, laut Steuerzahlerbund – an den Staat abgeführt
WAS SIE INTERESSIEREN KÖNNTE
Alltagsreporter: Der Waste Watcher
Wir
können ja nur die aufschreiben, die wir
erwischen. Bei illegaler Müllablagerung sind wir deshalb auch auf Hinweise von
Nachbarn angewiesen. Es gab aber auch Fälle, wo in dem Müll Adressen gefunden
wurden. Bei einem Schrebergarten wurde das alte Asbestdach abgerissen und wild
entsorgt. Aber mittendrin steckte ein Kontoauszug.
An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.
"Le Canard" entpuppt sich als etwas lahme Ente
Ein Jahr lang haben Gourmets darauf
gewartet. Nach einem Jahr Sanierung hat Le Canard Nouveau, die ehemalige
Sterneküche an der Elbchaussee, seine Türen wieder geöffnet – in neuem Design und mit neuem Küchenchef. Bis zum
Brand 2018 gehörte
es zu den besten Restaurants der Stadt. Größen wie Josef Viehhauser und Ali
Güngörmüs standen hier bereits am Herd und erkochten sich einen
Michelin-Stern. Ähnlich
groß wie die Erwartungen und Hoffnungen war dann allerdings auch die
Enttäuschung – zumindest für unseren Restaurantkritiker Michael Allmaier. So
lahm habe er die Ente in den vergangenen Jahren nie erlebt, schreibt er. Nachlesen
können Digitalabonnentinnen und -abonnenten seine Kritik hier.
Immer mehr Imker und Bienen in der Stadt
Dass Imkern in Großstädten im Trend liegt, ist nicht neu. Jetzt lässt sich diese Entwicklung für Hamburg auch mit Zahlen belegen. 6206 Bienenvölker und 1396 Bienenhalter waren Anfang Juli in der Stadt registriert, 2011 waren es noch 2195 Bienenvölker und 410 Bienenhalter. Das hat eine Kleine Anfrage der CDU ergeben. Tatsächlich können Bienen es sich in urbanen Räumen durchaus gut gehen lassen. Statt Monokulturen und großflächigem Einsatz von Pestiziden wie in den ländlichen Regionen gibt es in der Stadt eine reiche Auswahl an Blüten. Experten fürchten jedoch, dass Hobbyimker die Verantwortung und den Arbeitsaufwand bei der Bienenhaltung unterschätzen. In Berlin läuft bereits eine Diskussion über eine Imkerschein-Pflicht. Falls Sie trotzdem neu einsteigen möchten: Die vielen Imkervereine der Stadt bieten Infoabende und Einsteigerkurse an, Infos finden Sie zum Beispiel hier.
Wie kann man nachhaltig reisen?
Kennen Sie "Flugscham"? Noch immer erreichen uns Antworten auf unsere Frage von
vergangener Woche – darunter auch einige Erfahrungsberichte von ersten
zaghaften Versuchen, bewusst nachhaltig zu reisen. An dieser Stelle einen schönen Gruß nach Italien, Südfrankreich, Schweden,
Österreich, Amrum … Wir hoffen, dass diejenigen, die wegen verspäteter Züge an
irgendwelchen Bahnhöfen ausharren mussten, mittlerweile gut angekommen sind.
Dass umweltfreundliches Reisen nicht immer bequem, aber doch spannend sein
kann, haben auch sechs Autorinnen und Autoren der ZEIT erfahren. Sie berichten
von tagelangen Busfahrten durch die Anden, spontanen Ausflügen mit dem Camper-Van
und "Staycation", also dem Trend, einfach mal zu Hause zu bleiben. Was die
Kolleginnen und Kollegen erlebt haben, können Sie hier nachlesen.
Aus den Mails wissen wir, dass einige
Leserinnen und Leser ihre Flüge durch Spenden an Klimaschutzorganisationen wie "Atmosfair" auszugleichen versuchen – wie eine solche C02-Kompensation
funktioniert und was sie
tatsächlich bewirken kann, lesen Sie hier.
Statt mit dem Finger auf andere zu
zeigen, ist es auch beim Thema Nachhaltigkeit sicher kein verkehrter Ansatz,
miteinander zu reden. Deshalb ließen die Kollegen vom Z-Ressort der ZEIT
kürzlich ein paar Reisende über eine Frage diskutieren: "Fliegen Sie noch?" Das ausführliche Streitgespräch finden
Digitalabonnentinnen und -abonnenten hier.
WAS SIE HEUTE ERLEBEN KÖNNEN
Sommerlektüre: Bücher fürs Freibad
Drei Buchempfehlungen fürs Wochenende ...
SachbuchMit Stephan Orth auf der Couch 15.063 Kilometer durch China reisen, das ist Abenteuer pur. China ist ein Land der totalen Überwachung und der Apps für alle Lebenslagen. Ein Staat auf der Überholspur. Aber es gibt sie, die jungen Leute, die anders sind und sich trauen, ihre Träume zu leben. Eine spannende Reise. Stephan Orth: Couchsurfing in China;Malik Verlag, 16 Euro
Kinderbuch Virgil, Valencia, Kaori und Chet, vier sehr unterschiedliche Kinder, werden durch ein spannendes und lustiges Abenteuer zu Freunden. Meerschweinchen, die Mut machenden Geschichten einer Großmutter, japanische Mythen und die Liebe spielen dabei eine wichtige Rolle. Erin Entrada Kelly: Vier Wünsche ans Universum;Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. DTV Reihe Hanser, 14,95 Euro, ab 11 Jahre
Roman Liebe, Heimat, Freundschaft und Krieg sind die Pfeiler, die einen Teil unseres Lebens ausmachen. Auf diesen 1200 Seiten werden sie wunderbar miteinander verwoben. "Max, Mischa und die Tet-Offensive" ist ein weltumspannender Roman darüber, dass Heimat vor allem in uns ist und Familie eine Frage der Interpretation. Johan Harstad:Max, Mischa und die Tet-Offensive; Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein, Rowohlt, 34 Euro
… ausgewählt von Christiane Hoffmeister und Carola Nikschick; Büchereck; Niendorf-Nord
Was geht
Silvanas Soundtrack: Silvana Imam rappt politisch und schafft den Durchbruch. Für "Silvana – Eine Pop-Love-Story" haben drei Regisseurinnen die lesbische Künstlerin von ersten Auftritten in Underground-Clubs bis auf die große Bühne begleitet. Dem klassischen Erzählstrang vom Aufstieg und Fall eines Stars folgt der Film aber nicht; vielmehr widmet er sich Themen wie Homophobie und Rassismus. Schwedische Originalfassung mit Untertiteln.
Millerntorstadion, Südtribüne, Auf dem Heiligengeistfeld, heute, 21.45 Uhr, 9 Euro
Was bleibt
Grenzenlose Gala: Das "Theater ohne Grenzen" nimmt seinen Namen ernst – es setzt sich zusammen aus Menschen mit und ohne Beeinträchtigung aus drei Ländern (Deutschland, Russland, Schweiz). Das neue Stück "Lebensreise" nimmt das Publikum mit in die Vergangenheit, streift Glück, Sehnsucht, Abenteuer, Schmerz.
Sprechwerk, Klaus-Groth-Straße 23, heute und morgen, je 19.30 Uhr, 15 Euro
Was kommt
Bühnenbeste: Die Shopping Queen flucht über Gläubiger, ein verliebter Träumer will zum Helden aufsteigen, und die Femme Fatale verführt schamlos den Saal. Die First Stage School präsentiert bei "Best of 2019" ihre Jahrgangstalente mit Solo-Programmen aus Tanz, Gesang und Schauspiel.
First Stage, Thedestraße 15, 20.-27.7., VVK ab 19 Euro
Hamburger Schnack
Im Bus der Linie 25, Richtung Rübenkamp: Der Bus ist fast leer. Außer mir nur zwei betagte Damen und ein junger Mann, der, laut hörbar, in sein Handy spricht. Offensichtlich ein Bewerbungsgespräch. Danach ruft er eine Freundin an und erzählt ausführlich, wie dieses Gespräch verlaufen ist. An der nächsten Station steigt er, immer noch telefonierend, aus. Die beiden älteren Damen schauen ihm fassungslos hinterher und prusten dann regelrecht los. Da sagt plötzlich der Busfahrer grinsend, als er in den Rückspiegel schaut: "Tja, meine Damen, wohl lange nicht Bus gefahren, was?"
Gehört von Heidi Schaffrath
Meine Stadt
Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen
haben Sie sich schon an den Anblick der vielen Elektrokleinfahrzeuge mit Lenkstange gewöhnt? Das ist Behördendeutsch für E-Scooter. Seit knapp einem Monat sind sie im Straßenverkehr erlaubt, jetzt zogen Polizei und Verkehrsbehörde eine erste, nun ja, "Bilanz" wollte es niemand nennen, doch was sich sagen lässt: Es werden immer mehr. 2160 E-Scooter von vier Anbietern rollen mittlerweile durch die Stadt. Das befürchtete Chaos ist gleichwohl ausgeblieben, größere Beschwerden liegen der Polizei jedenfalls nicht vor – wobei es schon aufhorchen lässt, dass bei einer nur zweistündigen Kontrolle in der Mönckebergstraße vergangene Woche gleich 15 Verstöße mit E-Scootern gezählt wurden, weil deren Lenker rote Ampeln oder Gehwege überfuhren. Doch immerhin sind wir noch weit entfernt von Zuständen wie in Tel Aviv. Dort kassierten E-Rollerfahrer in diesem Jahr schon 13.000 Strafzettel, weil sie keinen Helm trugen, den Roller wild irgendwo abstellten oder sich zu zweit einen teilten. Allerdings gibt es in Tel Aviv auch deutlich mehr Roller als bei uns, allein 10.000 können dort entliehen werden. Ob sich an diesem Vergleich nun also ablesen lässt, was da bald auf uns zurollen könnte? Abwarten.