Klaus-Michael Kühne ist der wichtigste Investor des Hamburger SV. Ohne ihn wären im Volksparkstadion schon längst alle Lichter ausgegangen, sagen viele ehemalige Funktionäre. Wenn die Not besonders groß war, ist Kühne mit seinen Millionen immer wieder eingesprungen. Mal in Form von Darlehen, mal, indem er Aktien kaufte. 20 Prozent der HSV Fußball AG gehören ihm mittlerweile.

Doch jetzt gibt's von ihm kein neues Geld mehr. "Ein weiteres finanzielles Engagement habe ich bis auf Weiteres nicht vorgesehen", schreibt Kühne der ZEIT. Die Formulierung "bis auf Weiteres" heißt beim HSV in der Regel: bis zur nächsten Krise, dann wird neu verhandelt.

Damit diese Krise nicht eintritt, muss der aktuelle Kader weiter verstärkt werden. Ausschließlich aus Bordmitteln, wie aus Kreisen des Vorstandes versichert wird. Also müssen Spieler verkauft werden. Douglas Santos ist bereits für zwölf Millionen Euro zu Zenit St. Petersburg gewechselt. Viel mehr ist derzeit aber nicht rauszuholen. Für die übrigen Verkaufskandidaten Julian Pollersbeck, Bobby Wood und Kyriakos Papadopoulos gibt es keinen Markt. Der HSV wird bis zum Ende der Transferperiode am 2. September hoffen müssen, dass sich doch noch Interessenten melden. Mäzen Kühne zeigt sich wenig begeistert von der bisherigen Kaderzusammenstellung. "Noch scheint mir die Mannschaft 'kunterbunt zusammengewürfelt' zu sein, aber ich hoffe, es wird Sportvorstand und Trainer gelingen, daraus ein starkes Team zu formen. Das wünsche ich mir wenigstens sehr", schreibt er.

Dass der HSV die kommende Saison, die am 28. Juli mit einem Heimspiel gegen Darmstadt beginnt, ohne Zuschüsse von Klaus-Michael Kühne bestreiten kann, scheint sicher zu sein. Die Frage ist aber schon jetzt: Was passiert danach? Sollte die Mannschaft aufsteigen, braucht der Verein frisches Kapital, um in der Bundesliga mithalten zu können. Sollte er in der zweiten Liga bleiben, bräuchte er Mittel, um die fehlenden Einnahmen aus Fernsehgeldern auszugleichen. Woher soll das Geld kommen?

Seit Bernd Hoffmann im Mai 2018 den Posten des Vorstandsvorsitzenden übernahm, tut er viel dafür, den HSV Schritt für Schritt von Kühne zu emanzipieren. Zu viel Mitspracherecht von außen hat der Entwicklung des HSV geschadet, findet Hoffmann. Deshalb wird im Hintergrund eine Idee geprüft, die den Club unabhängiger machen soll von einem einzigen Geldgeber. Es geht dabei um eine Änderung der Rechtsform. Vor fünf Jahren entschieden die Mitglieder des HSV, die Profifußballabteilung in eine Aktiengesellschaft auszugliedern. Bis dahin waren alle Sportarten unter dem Dach des gemeinnützigen Vereins HSV e.V. organisiert. Kühne hat die Ausgliederung damals unterstützt. Sie hat ihm die Tür geöffnet, Aktien zu kaufen und damit seinen Einfluss zu vergrößern. Bei der letzten Jahreshauptversammlung im Januar haben die Mitglieder beschlossen, diese Tür wieder zu schließen. Ohne ihre Zustimmung darf die Profifußballabteilung, die HSV Fußball AG, nicht mehr als 25 Prozent der Aktien verkaufen.

Die Zielgruppe soll in Zukunft eine andere sein: Fans

Eine andere Rechtsform könnte die Situation nun entscheidend verändern und gleichzeitig Möglichkeiten für neue Investoren schaffen. Die bevorzugte Variante nennt sich Kommanditgesellschaft auf Aktien, kurz KGaA, und hat im Vergleich zur derzeitigen Organisationsstruktur einer Aktiengesellschaft den entscheidenden Vorteil, dass es keine große Rolle spielt, wem wie viele Anteile gehören. Die Profifußballabteilung selbst würde ein weiteres Mal ausgegliedert werden, nämlich in eine eigene Betriebsgesellschaft, die vollständig dem Mutterverein HSV e.V. gehört. Der Verein behält in diesem Modell das Kommando, selbst wenn er wie etwa bei Borussia Dortmund nicht mehr die Mehrheit der Unternehmensanteile besitzt. Klingt kompliziert, bedeutet aber vereinfacht ausgedrückt: Die Profifußballabteilung macht sich unabhängiger von der Macht des Kapitals, weil sie nicht mehr unmittelbar zur Organisation gehört, an der Investoren Anteile kaufen und zum Beispiel über die Besetzung des kontrollierenden Aufsichtsrates mitentscheiden können. Für große Investoren klingt das nicht gerade reizvoll. Allerdings hat sich in den fünf Jahren seit der Ausgliederung ohnehin außer Kühne kein großer Investor beim HSV gemeldet. Die Zielgruppe soll in Zukunft eine andere sein: Fans.

Wenn der HSV in dieser neuen Rechtsform an die Börse ginge, könnten auch sie endlich Anteile an ihrem Club erwerben und ihn zusätzlich unterstützen. Dass sie dazu noch immer und trotz aller Rückschläge bereit sind, hat die kürzlich platzierte Fan-Anleihe gezeigt. Das Volumen: 17,5 Millionen Euro. Für einen Zweitligisten ist das viel Geld. Wenn er Summen in ähnlicher Größenordnung auf dem Aktienmarkt eintreiben könnte, ohne sich dabei in Abhängigkeit eines einzigen Geldgebers zu begeben, wäre es für den HSV eine Chance, seine Finanzen in den Griff zu bekommen.

Kühne selbst hält viel von diesen Überlegungen – obwohl sie bedeuten, dass er vorerst an Macht verlieren würde. Er schreibt auf Anfrage der ZEIT: "Diese Idee begrüße ich sehr und hoffe, dass daraus eine konkrete Absicht wird, und die Umsetzung möglichst rasch geschieht, um Mitgliedern und Fans des Hamburger Sport-Vereins e.V. Gelegenheit zu geben, Mitgesellschafter zu werden und die Finanzen zu stärken."

Es kann aber auch sein, dass Mitglieder und Fans ihr Geld lieber anderweitig investieren. Kühne bliebe dann wie 2014 schon als einziger Geldgeber oder als einer von wenigen Investoren übrig, könnte aber endlich so viele Aktien erwerben, wie es ihm lieb ist.

Diese richtungsweisende Entscheidung werden die Mitglieder treffen, voraussichtlich bei der nächsten Versammlung Anfang des kommenden Jahres. Der Verlauf der Saison wird zeigen, wie sehr sie für diese Idee zu begeistern sind. Es spricht viel dafür, dass Vereinspräsident Marcell Jansen mit der öffentlichen Vorstellung der Idee betraut wird. Einem Ex-Fußballer kaufen die Fans eher gute Absichten ab als einem Mann aus der Wirtschaft wie Bernd Hoffmann. Der Vorstandsvorsitzende wird nicht noch einmal den Fehler begehen, dieses hochsensible Thema mit den Mitgliedern zu diskutieren. Ende des vergangenen Jahrzehnts, während seiner ersten Amtszeit als Vorstandsvorsitzender, hat er es schon einmal versucht und ist damit böse auf die Nase gefallen. Einige sagen, dass es ihn letztlich den Job gekostet hat, weil er das Vertrauen der Mitglieder verspielte. Das dürfen diesmal gerne andere machen. Und zwar mit der Unterstützung des potentesten Fans des Vereins: Klaus-Michael Kühne.