Dieter Hecking, der neue Trainer des HSV, hat kürzlich der Bild-Zeitung ein Interview gegeben, in dem er die Lage des Vereins in wenigen Sätzen recht unverblümt zusammenfasste: "Anfangs dachte ich, den einen oder anderen Bundesligaspieler wird man doch kriegen können. Das war von mir vielleicht zu euphorisch gedacht. Wir müssen kreativ und vorbereitet sein."

Mit Euphorie kommt gerade niemand weit beim HSV. Die Stimmung ist verhaltener als in den vergangenen Jahren. Das mag auch daran liegen, dass es sich anfühlt, als sei man sitzengeblieben und spüre erst jetzt so richtig die bleierne Leere des Abstiegs. Klar ist: In der bevorstehenden Spielzeit wird es durch den Abstieg von Stuttgart, Nürnberg und Hannover deutlich härter als vergangene Saison. Zum Kreis der klaren Aufstiegsfavoriten zählt der HSV derzeit nicht. So sieht das zumindest Trainer Dieter Hecking: "Der Kader, den ich hier vorgefunden habe, reicht so nicht aus, um unsere Ziele zu erreichen. Ob wir das bis zum 2. September (der Tag des Transferschlusses, Anm. d. Red.) schon alles in die richtigen Bahnen geleitet haben, da setze ich zumindest mal ein kleines Fragezeichen hinter. Aber wir tun unser Bestes."

Das Beste tun heißt, wie immer beim HSV: neue Spieler holen. Fünf Verpflichtungen gab es schon, als Hecking in Hamburg unterschrieb. Daniel Heuer Fernandes (Torwart), Jan Gyamerah, Jeremy Dudziak (beides Verteidiger), David Kinsombi (Mittelfeld) und Lukas Hinterseer (Sturm) haben unterschrieben. Ob sich der HSV im Vergleich zur Vorsaison verbessert hat, wird sich noch zeigen müssen. Der mit etwa 3,5 Millionen Euro Ablöse teuerste Neuzugang, Kinsombi, hat sich gleich im zweiten Testspiel verletzt und fällt mehrere Wochen aus. Hecking hat schon deutlich gemacht, dass er mit diesen Transfers nichts zu tun hat, dass aber alle neuen Spieler in der Lage seien, dem HSV zu helfen. Was soll er Anderes dazu sagen?

Auf der anderen Seite sind ein paar Spieler weg, die man schon lange loswerden wollte. Dazu zählen Pierre-Michel Lasogga, Lewis Holtby und Filip Kostic. Allesamt Großverdiener, die weit über drei Millionen Euro pro Jahr bekamen. Davon gibt es im Kader aber noch zwei weitere: Verteidiger Kyriakos Papadopoulos und Stürmer Bobby Wood. Sie würden die Verantwortlichen ebenfalls gerne abgeben, finden aber keine Abnehmer. Selbst in der zweiten Liga zu reduzierten Bezügen sind sie unvermittelbar. Die übrigen Streichkandidaten sind Torhüter Julian Pollersbeck, Gotoku Sakai, Tatsuya Ito, Christoph Moritz und womöglich auch Kapitän Aaron Hunt. Der 32-Jährige hat schon einmal in Wolfsburg unter Hecking gearbeitet und sich alles andere als gut mit ihm verstanden.

Die brauchbareren Spieler des Kaders, zum Beispiel Linksverteidiger Douglas Santos, würde der HSV eigentlich gern behalten, muss sie aber aus finanziellen Gründen abgeben. Der Brasilianer Santos wechselt für etwa zwölf Millionen Euro nach Russland zu Zenit St. Petersburg. Rick van Drongelen, U21-Nationalspieler der Niederlande, wird vom Bundesligisten FC Augsburg umworben und könnte weiteres Geld einbringen. Der Handlungsspielraum für weitere Neuzugänge vergrößert sich, wenn am Ende sogar beide abgegeben werden, im Optimalfall für etwa 20 Millionen Euro.

Selbst aussuchen durfte sich Hecking bislang vier Spieler: Adrian Fein kam auf Leihbasis von der zweiten Mannschaft des FC Bayern, Sonny Kittel aus Ingolstadt sowie Tim Leibold und Ewerton vom Absteiger Nürnberg. Letzterer soll wegen Problemen an der Leiste erst in den "kommenden Wochen" ans Teamtraining herangeführt werden. Der Saisonstart kommt für ihn definitiv zu früh und macht Hecking die Arbeit als HSV-Trainer nicht einfach.

Welche Strategie ist bei all dem Personalgeschiebe zu erkennen?

Der HSV, der im vergangenen Jahr vor allem junge und entwicklungsfähige Spieler holen wollte, hat sich den Routiniers zugewandt. Sechs Spieler aus dem eigenen Nachwuchs sind deshalb verkauft oder verliehen worden, darunter Finn Porath (Kiel), Patric Pfeiffer (Darmstadt) oder Aaron Opoku (Rostock). Alle stammen aus der in den vergangenen fünf Jahren grundlegend reformierten und mit großem finanziellen Aufwand betriebenen Jugendabteilung des Vereins, aus der nur Fiete Arp eine nennenswerte Transfersumme von drei Millionen Euro eingebracht hat. Alle anderen konnten sich nicht durchsetzen.

Das Vorgehen des HSV ist durchaus nachvollziehbar. Denn die große Frage im sportlichen Bereich ist: Wie viele Experimente kann sich der Club überhaupt noch leisten? Mit zu vielen Talenten im Kader oder auf der Trainerbank wird es schwierig, das Saisonziel Wiederaufstieg zu erreichen. Das hat die vergangene Saison gezeigt. Hinzu kommt, dass der finanzielle Druck die Verantwortlichen dazu zwingt, langfristige Strategien vorerst beiseitezuschieben.

Weitere gestandene Spieler sollen in den kommenden Wochen verpflichtet werden. Bedarf besteht auf fast allen Positionen. Sportchef Jonas Boldt und Trainer Hecking müssten im Interesse des HSV jedoch Acht geben, sich finanziell nicht zu übernehmen. Denn in diesem Sommer gibt es kein Rückfallnetz. Investor Klaus-Michael Kühne, der immer eingesprungen ist, wenn die Not groß war, wird aller Voraussicht nach kein Geld mehr für seinen Lieblingsverein zur Verfügung stellen.