Der Krieg ist verloren, aber noch lange nicht vorbei, als Wilhelm Simonsohn im Zug nach Wien sitzt. Es ist erst ein paar Monate her, dass der junge Pilot der Luftwaffe, 25 Jahre alt, sein Flugzeug in eine Baracke steuerte. Der Aufprall zertrümmerte sein Schultergelenk, fluguntauglich für Monate. Um seine Wunden zu heilen, gewährt ihm die Wehrmacht vier Wochen Kur. Im Jahr 1944 braucht Nazideutschland jeden Mann.

In Hannover steigt eine junge Frau zu. In der Uniform des Reichsarbeitsdienstes fällt sie ihm erst nicht weiter auf: Ihre Füße stecken in klobigen Wanderschuhen, ihr Körper ist in einen bodenlangen Mantel aus grauem Tweed gehüllt, auf ihrem Kopf ruht ein schwarzer Hut. Er hievt ihren Koffer in das Gepäcknetz, sie bietet ihm einen roten Apfel an. Sie stellt sich als Elisabeth Mantow vor und nimmt ihren Hut ab, braune Locken fallen ihr ins Gesicht. Simonsohn lächelt.

Fragt man Wilhelm Simonsohn 75 Jahre später im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld danach, was die wichtigste Erinnerung seines Lebens ist, erzählt er von diesem Moment. Er tut es so detailreich, als hätte sich das Treffen erst gestern ereignet, als hätte er Elisabeth Mantow gerade erst kennengelernt, ihre braunen Locken gerade das erste Mal gesehen. "Ich hatte oft Glück in meinem Leben, aber sie war mein größtes", sagt er. Er sitzt in seiner Wohnung, drei Zimmer, erster Stock, ein Rollator lehnt im Erdgeschoss, einer im Wohnzimmer. Der Fernseher direkt neben ihm. Bis eben lief noch eine NDR-Reportage, mit ihm als Protagonisten: Die Lufthansa-Technik in Hamburg-Fuhlsbüttel hatte ihn Anfang des Jahres die Tante Ju besteigen lassen, ein historisches Flugzeug, Baujahr 1932. Das letzte Mal hatte er darin im Zweiten Weltkrieg gesessen, als Flugschüler.

Wilhelm Simonsohn ist einer der letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs. In Hamburg starb sein jüdischer Adoptivvater im Jahr 1938 an den Folgen eines KZ-Aufenthalts, in Warschau roch er 1939 die Leichen auf den Straßen, über Belgien schoss ihn 1943 ein englischer Kapitän ab.

Wann immer sich die Bundesrepublik Deutschland ihrer schlimmsten Jahre erinnert, ist Wilhelm Simonsohn, der am 9. September 1919 von einer mittellosen Frau in Hamburg-Altona geboren wurde, ein gefragter Mann. Hamburger Lehrer laden ihn regelmäßig in ihren Unterricht ein. Journalisten regionaler und überregionaler Medien befragen ihn, wenn ein Jubiläum ansteht: Auschwitz-Befreiung im Januar, Hamburger Sturmflut im Februar, Überfall auf Polen im September.

Simonsohn will nicht, "dass so eine Scheiße noch mal passiert"

Am 29. Juli bekam er im Hamburger Rathaus das Bundesverdienstkreuz überreicht. "Im Alter von fast 100 Jahren setzt sich Herr Simonsohn unermüdlich für Demokratie und gegen Krieg, Unrecht und Gewalt ein", heißt es in der Begründung.

Wilhelm Simonsohn erzählt von Erinnerungen, die manchen als die letzte Waffe gegen jene erscheinen, die über die Nazizeit sagen, sie sei nur ein "Vogelschiss in der gesamtdeutschen Geschichte" gewesen. Er will nicht, "dass so eine Scheiße noch mal passiert", wie er sagt. Doch wer ihm länger zuhört, merkt nach einer Weile, dass da neben all dem Leid des Krieges noch eine andere Geschichte gehört werden möchte. Eine, die immer wieder ausbricht, weil sie sein Leben weit mehr geformt hat als die Nazizeit. Es ist die Geschichte über jene Frau, die er damals im Zug kennenlernte.

Er erzählt sie so:

Der Zug rollt in Würzburg ein. Simonsohn muss dort aussteigen, um seinen Anschluss nach Wien zu erreichen. Er hat den Bahnsteig schon fast verlassen, da ruft die junge Frau ihm durch das heruntergeschobene Fenster hinterher: "Herr Soldat, Sie haben Ihre Braut vergessen!" Sie meint seine Maschinenpistole, die oben noch im Gepäcknetz steckt. Er dreht sich um, rennt zurück, und bleibt im Zug. Gemeinsam fahren sie nach Salzburg, wo er drei Tage mit ihr verbringt. So viel Zeit ist noch, bis die Luftwaffe ihn in Wien erwarten. Als er geht, versprechen sie sich, Briefe zu schreiben, zu telefonieren, wenn es geht. Er nennt Elisabeth nun Liesel, sie ist seine Freundin.

Es dauert kein Jahr, die Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 ist nur noch ein paar Tage entfernt, als Simonsohn auf Liesel vor seinem Flugzeug in der Morgendämmerung wartet. Sie steigen in den Fieseler Storch ein, nur kurz können sie hoch, die Amerikaner beherrschen den Luftraum. Sie fliegen eine halbe Stunde, dann landet Simonsohn in der Nähe eines abseits gelegenen Bauernhofes.