Wilhelm Simonsohn mit seinen Töchtern bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes durch Hamburgs Schulsenator Ties Rabe © Imke Lass

Auf dem Land verbringen sie ein paar Monate, bis sie beschließen, wieder in den Norden Deutschlands zurückzukehren. Drei Wochen schlafen sie in Scheunen und ernähren sich von Brotscheiben und Milch. 132 Kilometer wandern sie ins bayerische Oberpinzgau, Liesel hatte dort noch eine Kiste mit ihren Habseligkeiten untergebracht. Als sie bei einer befreundeten Familie schlafen, verbrennen sie Liesels Exemplar von Hitlers Mein Kampf im Feuerloch des Küchenherdes. Darüber kochen sie sich eine Suppe. "So wurde dieses Werk letztendlich doch noch einem guten Zweck zugeführt", sagt Simonsohn heute.

Wenn Simonsohn sich erinnert, tut er es mit höchster Präzision. Er weiß den Vornamen, den Nachnamen und den Beruf eines Menschen, auch wenn er ihn 1933 das letzte Mal traf. Er hat sich die Marke der Sektflaschen, die er 1943 mit seinen Soldatenfreunden in Reims trank (Pommery), ebenso gemerkt wie den Treibstoff, der sein Hochzeitsauto fahren ließ (Holzgas). "Entschuldigung, jetzt bin ich schon wieder abgeschweift", sagt er manchmal, wenn ihn ein Detail an ein anderes erinnern lässt und das wieder an ein anderes.

Wilhelm Simonsohn und Elisabeth Mantow heiraten am 1. November 1945 in Hannover. Er im geliehenen Gehrock und mit goldenen Manschettenknöpfen, sie ohne lange Schärpe, dafür mit glitzerndem Diadem. Dass sie heiraten wollten, hatten sie auf einem Sofa verabredet, in Hamburg-Altona, in der Wohnung seiner Mutter. Die ersten Jahre nach dem Krieg leben sie in einem Zimmer mit Fensterscheiben aus Pappe und von 1.000 Kalorien am Tag. Damit sie den Winter überleben, stiehlt er in der Dämmerung Kohlebriketts.

Im Sommer 1953 kaufen sich beide ihre erste Vespa und fahren bis nach Italien. Simonsohn fährt, Liesel hinten drauf, umschlingt für Wochen seine Hüfte. "Eine schöne Venezianerin aus Hamburg", schreibt Simonsohn in ihr Fotoalbum. Sieben Monate später gebärt sie in einem Abstand von einer halben Stunde die Zwillinge Cornelia und Barbara. Liesel kündigt ihren Job als Sekretärin und wird Hausfrau.

Damit sie trotzdem auch Zeit für sich hat, übergibt sie ihm manchmal den Zwillingskinderwagen nach seiner Arbeit. In den Fünfzigern ist es unüblich, dass sich Männer in der Öffentlichkeit um ihre Kinder kümmern. "Ich habe das gern gemacht", sagt Simonsohn, sollten die Leute doch gucken. "Wenn die Kleinen eingeschlafen waren, konnte ich immer vortrefflich meiner Lektüre nachgehen." Wie meist spricht er den Satz mit einer Betonung auf dem Adjektiv aus, das, auch das ist häufig, ein bisschen aus der Zeit gefallen ist. Vor-TREFF-lich!

Im Herbst 1956 will er bei der Lufthansa anheuern. Die sucht Piloten mit Nachtflugerfahrung. Mit nur einem halben Jahr Ausbildung könnte er umsatteln, wieder hoch in die Lüfte steigen, als Pilot arbeiten. Sein Arbeitgeber, die Hamburger Universitätsverwaltung, erlaubt die Pause nicht. Ginge er trotzdem, wäre er arbeitslos. Mit nur einem Gehalt und zwei kleinen Kindern kann er sich das nicht leisten.

Heute erinnern in seiner Wohnung etwa 25 Modellflugzeuge an Simonsohns Traum vom Fliegen. Seit seiner Haushälterin das wichtigste Modell, der Fieseler Storch, heruntergefallen war, gilt Putzverbot für die Glasvitrine. "Das ist mir zu gefährlich", sagt er und streicht mit den Fingern über das Glas als würde er es streicheln. Simonsohns Stimme wird nach vier Stunden Erzählung aus seinem Leben das erste Mal leise. Der Fieseler Storch liegt dort noch immer zerbrochen, Staub bedeckt den Boden.

In den Sechzigern ziehen die Simonsohns aus dem Hamburger Stadtteil Eimsbüttel nach Bahrenfeld, leben zu viert in einer Dreizimmerwohnung. Urlaube an der Nordsee, Ostsee und Österreich, meist mit dem Wohnmobil. Ein Leben für die Kinder. Manchmal streiten sie sich. "Doch bevor wir uns nicht vertragen haben, sind wir nie nebeneinander eingeschlafen", sagt er. So vergehen die Jahre, bis die Zwillinge fünfzehn Jahre alt werden. Nur mit Mühe gelingt es ihnen, die rebellischen Teenager noch zu einem England-Urlaub auf dem Land zu überzeugen. Als die Mädchen einmal heimlich nach London trampen, ohrfeigt er sie.

Mit 17 Jahren ziehen die Töchter, geprägt von der Studentenbewegung, in ein baufälliges Haus in den Stadtteil Harvestehude. Er sieht, wie Steckdosen aus der Wand hängen, wie sie die dreckige Kleidung auf dem Boden liegen lassen. Hoffentlich schaffen beide ihr Abitur, sorgen sich die Eltern. Doch sie werden nicht enttäuscht, zwei Jahre später studieren beide an der Uni Hamburg.

Im Winter 1981, Simonsohn ist gerade pensioniert, fahren sie allein mit dem Wohnmobil los. Eigentlich wollte er sich ein Segelboot kaufen. Doch dass der Wind sich drehen und man nicht immer alles planen kann, macht Liesel nervös. "Liesel ist nicht gern abhängig von Wind und Wasser gewesen", sagt Simonsohn.

Gemeinsam lösen sie gern Kreuzworträtsel – bis es ihr immer schlechter geht

Auf den Reisen durch den Maghreb, die sie jetzt jeden Herbst unternehmen, habe sich Liesel öfter über ihn geärgert, sagt er. Wie er da immer draußen sitzt und liest. "Es gibt Menschen, die arbeiten, um zu leben. Und es gibt Menschen, die leben, um zu arbeiten. Du bist nur hier, um zu leben", sagt sie. Einen Winter verbringen sie auf den Kanarischen Inseln. "Vielleicht kommen wir ja nochmal zurück und bleiben dann für immer", sagt er.

Einmal, in den Neunzigern, unterbricht Liesel den Urlaub in Agadir, um sich in Deutschland um ihre Enkel zu kümmern. "Sie war immer so gerne Oma", sagt er. Als er sie nach vier Wochen am Flughafen abholt und sieht, wie die Rolltreppe ihre grauen Locken als erstes in sein Sichtfenster schiebt, kribbelt es in seinem Bauch wie damals im Zug.

Wenn er und Liesel zusammen auf dem Sofa sitzen, lösen sie gern Kreuzworträtsel. Weiß er ein Wort, das sie nicht kennt, muss er ihr dessen Existenz erst im Lexikon nachweisen. "Geh mir weg mit deinem Prometheus. Nur weil das da drinsteht, glaube ich es noch lange nicht!", sagt sie einmal. Auch über ihr erstes Treffen im Zug streiten sie gern. "Liesel hat beteuert, dass sie damals nicht Braut, sondern Maschinenpistole gesagt hat", sagt Simonsohn. "Sie hat immer zu mir gesagt: ‚Braut wolltest du nur gehört haben!‘"

Im Jahr 2003, sie ist jetzt 82, er 84 Jahre alt, unternehmen sie ihre letzte große Reise, eine Kreuzfahrt nach Spitzbergen. Liesel geht es immer schlechter. Pflegestufe 1. Pflegestufe 2. "Jetzt bist du mal an der Reihe", sagt sich Simonsohn und beginnt, sie zu pflegen. Als er ihren Körper nicht mehr aus der Badewanne heben kann, baut er das Badezimmer um. Als sie inkontinent wird, trennt er die Betten.