Läuft die Nase? Tut der Kopf weh? Schmerzen die Glieder? Wer diese drei Fragen mit Ja beantwortet, kann künftig einfach im Bett bleiben – und muss sich für eine Krankschreibung nicht mehr zum Arzt schleppen. Auf dieser Idee basiert das Geschäftsmodell des Hamburger Gründers Can Ansay: Statt erkältet im Wartezimmer zu sitzen, muss man nur ein paar Fragen beantworten, eine Gebühr per PayPal überweisen, seine Daten und die Krankenversicherungsnummer eingeben – und kann sich so per WhatsApp krankschreiben lassen. 

Ende 2018 hat Can Ansay (42) das Start-up AU-Schein in Hamburg gegründet. Sein Geschäft: Er verkauft Krankschreibungen. "Jeder weiß doch eigentlich, wann er eine Erkältung hat und was zu tun ist", sagt Ansay. Patienten müssten also nicht jedes Mal wieder zum Arzt gehen und sich eine Therapieempfehlung anhören. Erkältungen seien harmlos und häufig – und darum ideal, um mittels Fragebogen aus der Ferne diagnostiziert zu werden. "Dadurch werden Ärzte entlastet, die so mehr Zeit für andere Patienten haben."

Aber noch hat die Sache ein paar Haken. In Hamburg etwa dürfen Ärzte nur dann eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nach einer Ferndiagnose ausstellen, wenn sie den Patienten zuvor mindestens einmal persönlich gesehen haben. Bis Mai 2018 galt das "ausschließliche Fernbehandlungsverbot" in allen Bundesländern, dann wurde die Regelung auf dem Deutschen Ärztetag gelockert. In Schleswig-Holstein etwa dürfen Ärzte nun auch Patienten behandeln, ohne sie jemals gesehen zu haben. Auch in Hamburg soll das Fernbehandlungsverbot fallen. WhatsApp sei als Diagnosekanal aber ungeeignet, da es so zu gar keinem persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patienten komme, warnt der Präsident der Hamburger Ärztekammer, Pedram Emami: "Die ärztliche Sorgfaltspflicht gegenüber der Patientin oder dem Patienten muss immer im Vordergrund stehen." 

Can Ansay weiß das. Er ist Jurist und kennt sich im "Paragrafendschungel", wie er sagt, sehr gut aus – mit seinem Unternehmen habe er "eine Lichtung" entdeckt. Ansay umgeht das Problem, indem er mit Privatärzten in Schleswig-Holstein zusammenarbeitet. Zu Beginn gehörte auch noch eine Hamburger Ärztin zum Team, die Ansay auch bei der Ärztekammer in Schleswig-Holstein anmeldete, und sie, wenn sie AU-Scheine via WhatsApp ausstellen sollte, jedes Mal über die Landesgrenze nach Norderstedt fuhr. Das ging allerdings nur ein paar Tage gut, wie Ansay berichtet: Sowohl Kollegen als auch die Ärztekammer hätten Druck gemacht und auch Journalisten seien aufmerksam geworden – also habe man die Zusammenarbeit beendet. 

Ein Ersatz war schnell gefunden: mit dem in Lübeck niedergelassenen Arzt Oskar Scherner. Er ist medizinischer Leiter des Start-ups, prüft die eingehenden Antworten der Kunden, die vorher schon gefiltert wurden, und stellt in kürzester Zeit eine Diagnose. Bei Erkältung unterschreibt er das Attest, das fotografiert und sofort per WhatsApp sowie noch am gleichen Tag per Post an den Patienten geschickt wird. "Wir sind sehr effizient. In der Regel schafft unser Hauptarzt die täglichen Anfragen in kürzester Zeit", so Ansay. 10.000 Patienten hätten das Angebot schon genutzt – mittlerweile habe man auch Kunden in der Schweiz und in Österreich. Ansay: "Die Nachfrage steigt und ist stabil – selbst jetzt im Sommer." Dass sein Angebot mit Risiken behaftet ist und zu Missbrauch einlädt – das nimmt Ansay in Kauf. 

Ärztekammer-Präsident Emami appelliert dagegen an die Sorgfaltspflicht, die für alle Ärzte gilt. "Auch hinter einer zunächst harmlos wirkenden Erkältung kann sich eine viel gravierendere Erkrankung verbergen." Krankschreibungen dürften nicht am Fließband ausgestellt werden, sondern nur nach bestem Wissen und Gewissen. "Wie stellt ein Arzt über WhatsApp sicher, dass ein Mensch, tatsächlich krank ist? Und auch wirklich der Patient ist, der auf der Versichertenkarte genannt ist?"

Ansay argumentiert die Vorbehalte weg: "Patienten haben nichts davon, wenn sie sich für jemand anderen ausgeben – schließlich wollen sie den Krankenschein ja beim Arbeitgeber einreichen." Um Fehldiagnosen zu vermeiden und das Risiko für Patienten zu senken, könnten außerdem nur Patienten den Dienst nutzen, die auch tatsächlich Erkältungssymptome aufweisen: Wer untypische Beschwerden habe oder zu hohes Fieber, bekomme keinen AU-Schein. Auch wer einer Risikogruppe angehört, also beispielsweise schwanger ist, geht leer aus. Das Start-up sichert sich zudem ab, indem es den Service beschränkt: Patienten können sich nur zweimal im Jahr für maximal drei Tage via WhatsApp krankschreiben lassen. Auf diese Weise will Ansay auch dem Missbrauch durch Blaumacher vorbeugen.

Mehrere Haken

Wie schwer ein Patient erkrankt ist, und ob überhaupt, kann aber – mangels ärztlicher Untersuchung – niemand kontrollieren. Das Start-up vertraut auf die Selbstdiagnose der Kunden – und darauf, dass sie den Fragebogen ehrlich ausfüllen. Bisher habe es noch keine Fehldiagnosen gegeben, behauptet Ansay – und beruft sich auf das Feedback der Nutzer. Um einer Fehldiagnose auf die Spur zu kommen, hätten sich Kunden schließlich noch einmal melden müssen – und angeben, dass die vermeintliche Erkältung doch etwas Ernsteres war. 

Aber das ist nicht der einzige Haken an der Sache. Dass Arbeitnehmer sich jetzt quasi selbst krankschreiben können, sieht Arbeitsrechtlerin Nathalie Oberthür kritisch: "Es wird nicht nach Tätigkeit beurteilt, sondern pauschal davon ausgegangen, dass Arbeitnehmer bei Erkältung arbeitsunfähig sind", sagt sie. Grundsätzlich gilt der AU-Schein als Beweis dafür, dass Arbeitnehmer nicht arbeiten können – gibt es keine ernsthaften Zweifel an der Arbeitsunfähigkeit des Mitarbeiters, müssen Arbeitgeber die Krankmeldung akzeptieren. Berechtigte Zweifel können jedoch entstehen, wenn die Krankschreibung rückwirkend oder ohne Untersuchung ausgestellt wurde. Es sei deshalb zweifelhaft, ob Arbeitgeber das gekaufte WhatsApp-Attest akzeptieren müssten, meint Oberthür. Allerdings kann anhand des Krankenscheins niemand erkennen, ob eine persönliche Untersuchung oder eine ausschließliche Fernbehandlung stattgefunden hat. "Man wird sehen, was die Arbeitsgerichte langfristig entscheiden", sagt Oberthür.

"Mir ist nicht bekannt, dass ein Arbeitgeber die Krankmeldung nicht akzeptiert hätte", sagt Ansay. Im Gegenteil habe er sehr positive Rückmeldungen von Unternehmerseite bekommen, insbesondere von kleinen Firmen. Denn Mitarbeiter könnten sich jetzt ganz einfach schon am ersten Krankheitstag den AU-Schein holen – was bedeutet, dass der Arbeitgeber die Lohnfortzahlung sofort den Krankenkassen überlassen kann. 

Bis Jahresende plant Ansay, sein Angebot auszuweiten. Schließlich gebe es ja noch weitere Volkskrankheiten, die einfach zu diagnostizieren und ungefährlich seien. Welche das sind, will er aber noch nicht verraten.