Beim HSV spielt ein Flügelstürmer, der einer der besten Spieler des Vereins ist. Er ist schnell, kraftvoll und durchsetzungsfähig. Spätestens seit dem Pokalhalbfinale gegen RB Leipzig in der vergangenen Saison, in dem er einen Ball fast von der Mittellinie im Tor versenkte, wissen Millionen von Fußballfans, wie unkonventionell und frech Bakery Jatta auch auf dem Platz sein kann. Doch über diesen Fußballspieler gibt es gerade heftige Diskussionen. Nicht, weil er am vergangenen Montag gegen Nürnberg wieder ein sehr gutes Spiel abgeliefert hat. Sondern wegen einer Recherche der Sportbild über die Vergangenheit des Spielers.

Das Ergebnis dieser Recherche: Bakery Jatta soll gar nicht so heißen, sein wahrer Nachname Daffeh lauten. Und er soll auch nicht 21 Jahre alt sein, wie bislang angenommen, sondern 23. Es soll außerdem nicht stimmen, was er nach seiner Ankunft in Hamburg gesagt hat: "Ich habe in Afrika in keinem Verein gespielt, das gab es dort nicht." Richtig sein soll hingegen, dass er in der Juniorennationalmannschaft seines Heimatlandes Gambia gespielt hat und einmal, gegen Liberia, das Siegtor schoss. Die Sportbild hat mit ehemaligen Trainern gesprochen, die ihn als ihren ehemaligen Spieler identifizierten.

Die Geschichte von Bakary Jatta ist einzigartig im deutschen Profifußball. Der Mann kam im Sommer 2015 nach Deutschland, er war aus seiner Heimat geflohen. Er gab sein Alter mit 17 Jahren an, machte beim HSV ein Probetraining, der damalige Trainer Bruno Labbadia war beeindruckt und der Verein wollte ihn behalten. Das konnte er aber erst, als Jatta 18 wurde.

Eine Woche nach dem in seinem Pass offiziell eingetragenen Geburtstag unterschrieb er im Sommer 2016 einen Dreijahresvertrag bei dem Verein; im vergangenen Winter verlängerte er diesen bis 2024. Einen Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hatte Jatta damals nicht gestellt. In rasanter Geschwindigkeit schaffte er es in den folgenden Jahren vom mittellosen Flüchtling zum Stammspieler in einem der großen deutschen Traditionsvereine. Er gilt als einer der Lieblinge der Fans. Einer der wenigen Spieler in den vergangenen Jahren, die durch seinen Einsatz und seine Leistung aufgefallen sind, und nicht durch Lustlosigkeit und Verletzungen.

Für den Fußballer Bakery Jatta wäre es nun kein Problem, wenn es sich bewahrheitet, dass einige seiner persönlichen Angaben nicht stimmten. Seinem Trainer Dieter Hecking dürfte es egal sein, ob sein Außenstürmer den Namen Jatta oder den Namen Daffeh auf dem Trikot trägt; ob er 21 oder 23 Jahre alt ist.

Die Hamburger Behörden prüfen den Fall

Aber was ist mit dem Bürger Bakery Jatta? Jatta besitzt einen gültigen Reisepass und eine Aufenthaltsgenehmigung, so kommuniziert es der Verein. Nach Angaben des Kickers haben Verantwortliche des HSV mit dem Profi über die Anschuldigungen gegen ihn gesprochen. Jatta sei bei seiner Darstellung geblieben, als minderjähriger Flüchtling in Deutschland angekommen zu sein und zuvor nicht organisiert Fußball gespielt zu haben. Damit steht Aussage gegen Aussage.

Beim HSV kamen schon einmal Unstimmigkeiten auf, 2016, in dem Jahr, in dem Jatta seinen ersten Vertrag unterzeichnete. Der damalige Sportdirektor Peter Knäbel sprach davon, dass die biologische Entwicklung des Spielers bereits abgeschlossen sei. Eine medizinische Untersuchung im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) habe dies ergeben. Ungewöhnlich für einen Jugendlichen, der sein Alter mit 17 Jahren angab. Danach wurde allerdings zu dem Thema geschwiegen.

Das zuständige Bezirksamt Mitte will mit dem Fall Jatta nun umgehen wie mit jedem anderen, in dem Zweifel an der Echtheit der persönlichen Angaben aufkommen. Das sagte die Pressestelle der ZEIT. Konkret bedeutet das: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen den Hinweisen nach, prüfen sie, führen bei einem begründeten Verdacht eine Anhörung durch. Sollten sich Vorwürfe bestätigen, wird dann über ein sogenanntes Rücknahmeverfahren entschieden. Zurückgenommen werden kann die Erteilung des Aufenthaltsrechts.

Ob es so weit kommt, liegt im Ermessen der zuständigen Dienststelle am Wohnort des Beschuldigten. Doch so lange nichts bewiesen ist, gilt die Unschuldsvermutung. Bakery Jatta wird aller Voraussicht nach weiterhin beim HSV trainieren und für die Mannschaft auflaufen. Das nächste Mal am Sonntag beim Pokalspiel in Chemnitz. Eine Konsequenz hat der Fall Jatta aber jetzt schon: Der 1. FC Nürnberg, der letzte Gegner des HSV, prüft bereits, ob er Einspruch gegen die 0:4-Niederlage am Montagabend einlegen kann – weil Jatta dabei auf dem Platz stand.