Womit ging es los?
Vergangenen Mittwoch kam die Zeitschrift Sport Bild mit einer Geschichte über den HSV-Flügelstürmer Bakery Jatta raus. Darin warfen die Journalisten dem Spieler vor, falsche Angaben in offiziellen Dokumenten gemacht zu haben. Er soll mit Nachnamen in Wahrheit nicht Jatta, sondern Daffeh heißen und sich zwei Jahre jünger gemacht haben. Das wäre auch deshalb besonders delikat, weil der aus Gambia stammende Jatta im Sommer 2015 als Flüchtling in Deutschland eingereist war und damals sein Alter mit 17 angegeben hatte. Damit galt er als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling. Hätte Jatta als Erwachsener einen Asylantrag gestellt, wären seine Chancen verschwindend gering gewesen. So stellte er keinen Asylantrag – und bekam eine Aufenthaltserlaubnis. Mit 18 unterschrieb Jatta seinen ersten Profi-Vertrag beim HSV und erhielt einen Aufenthaltstitel, der direkt an seinen Vertrag geknüpft ist. Dieser läuft bis ins Jahr 2024.

Was passiert jetzt?
Es gibt zwei Instanzen, die sich um den Fall kümmern: das Bezirksamt Hamburg-Mitte und der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes. Bei beiden gibt es eine insgesamt 14 Tage dauernde Frist, innerhalb der sich Jatta zu einer Anhörung einfinden muss. Er soll erklären, ob seine Dokumente rechtens sind und ob die Information der Sport Bild stimmt, dass er 2014 als Bakary Daffeh für die U20-Nationalmannschaft von Gambia auf dem Platz stand. Wie der Kicker berichtet, hat Jatta gegenüber seinen Vorgesetzten im Verein betont, dass die Dokumente echt seien. Recherchen des Hamburger Abendblatts zeigen, dass die Bremer Innenbehörde, mit der Jatta zuerst in Deutschland Kontakt hatte, dem Glauben schenkt. Jatta sei demnach ohne Papiere eingereist, habe in Gambia einen Reisepass beantragt, der sei per Post verschickt und vom Bremer Amt auf Echtheit überprüft worden. Der Chef des Bezirksamts Hamburg-Mitte, Falko Droßmann, will sich über das Verfahren selbst nicht äußern. Herr Jatta habe denselben Anspruch wie alle anderen auch auf den Schutz seiner persönlichen Daten, sagt er gegenüber der ZEIT. Wichtig zu betonen ist ihm, dass der erhöhte öffentliche Druck nichts am Prozedere ändert: "Der Bekanntheitsgrad von Herrn Jatta spielt keine Rolle. Es geht hier um ein rechtsstaatliches Verfahren." Bis Ende des Monats werden die Ergebnisse der Anhörungen erwartet.

Wie reagieren die Fans?
Mögen sich die beiden großen Hamburger Fußballvereine auch sonst in herzlicher Feindschaft gegenüberstehen: Im Fall Jatta sind sie so vereint wie selten. Die Anhänger des FC St. Pauli gelten als politisch links, viele von ihnen wettern gegen die Recherchen der Sport Bild und sehen in den Veröffentlichungen eine Kampagne des Springer-Konzerns, zu dem die Sport Bild und die Bild gehören. Ewald Lienen, der ehemalige Trainer und jetzige Technische Direktor des FC St. Pauli, kritisierte im NDR die Medienveröffentlichungen harsch: "Das ist jemand, der integriert ist, er verdient hier sein Geld, zahlt seine Steuern und alle sind glücklich. Warum muss man da nachhaken und so eine Geschichte daraus machen? Es gibt ganz andere Geschichten, die zehnmal wichtiger wären." Die Fans des HSV denken in der großen Mehrheit ähnlich und zeigen sich ungewohnt vereint. Beim Spiel am Sonntag in Chemnitz hielten sie ein großes Banner vor den Gästeblock hoch, auf dem stand: "Bakery: No matter what, we got your back", was so viel heißt wie: Egal, was passiert, wir stehen hinter dir. Tim-Oliver Horn, Chef des Supporters Club und damit einer der einflussreichsten Fans im Verein, sagt gegenüber der ZEIT: "Mich hat es schwer beeindruckt, wie die Fans mit dem Thema umgegangen sind. Die HSV-Familie steht bedingungslos zu Jatta. Negative, ausfallende oder rassistische Kommentare in Richtung Jatta habe ich von HSV-Fans nicht wahrgenommen – im Gegenteil."

Wie agiert der Verein?
In ebenfalls seltener Geschlossenheit. Kapitän Aaron Hunt schrieb wütend auf Instagram: "Hier wird ein Junge vorverurteilt, der eigentlich nie eine Chance hatte und sie trotzdem nutzte. Der geflüchtet ist und schließlich alles zurücklassen musste, um zu überleben", und wandte sich direkt an seinen Teamkollegen: "Deine HSV-Familie steht hinter dir." Trainer Dieter Hecking versichert, der Verein würde Jatta "nie und nimmer fallen lassen". Und Sportdirektor Jonas Boldt sagte gleich nach der Veröffentlichung: "Wir stehen voll hinter Bakery und werden ihn auch weiterhin vollumfänglich im Trainings- und Spielbetrieb einplanen."

Wie geht die Sache aus?
Das weiß niemand so genau. Derzeit sind Journalisten der Bild-Zeitung in Gambia und recherchieren vor Ort. Bislang gibt es viele widersprüchliche Meldungen. Der Spieler mit Nachnamen Daffeh ist seit dem Sommer 2015, also seit der Flucht Jattas nach Deutschland, wirklich verschwunden – zumindest verlaufen sich seine Spuren zu diesem Zeitpunkt. Gleichzeitig sagt der taz ein gambischer Trainer, er habe Jatta gekannt, und zwar als Jatta. Als die Bild am Sonntag die Adoptivmutter aufsuchte, sagte sie auf die Frage nach Daffeh: "Keine Ahnung, nie gehört." Der Adoptivbruder bestätigte gegenüber den Reportern das im Pass angegebene Geburtsdatum Jattas: 6. Juni 1998. Die entscheidende Frage ist: Wird man Bakery Jatta einwandfrei nachweisen können, dass er seine Identität geändert und damit betrogen hat? Die ZEIT hat mit einem Mann aus der Fußballbranche gesprochen, der seit Jahren Transfers mit afrikanischen Spielern abwickelt und anonym bleiben will. Er hält es für extrem schwierig, stichhaltige Beweise zu finden, falls es überhaupt welche geben sollte. Häufig habe er erlebt, wie schnell Pässe neu besorgt worden seien, ohne dass klar war, welche Angaben wirklich stimmten. Es komme nicht selten vor, dass sich afrikanische Spieler jünger machten, um attraktiver auf dem Weltmarkt des Profifußballs zu erscheinen, sagt der Experte. Er sagt auch, dass der Begriff "age cheating" in der Branche ein feststehender Begriff sei – der Betrug mit den Altersangaben. Im Gespräch weist er allerdings mehrfach darauf hin, dass diese Einsichten nichts mit dem konkreten Fall Jatta zu tun hätten. Und dass es letztendlich die Aufgabe des Deutschen Fußball-Bundes sei, die Pässe zu kontrollieren. "Der HSV hat in diesem Fall alles richtig gemacht. Die Pässe sind von den Funktionären des DFB akzeptiert worden. Deshalb ist es völlig richtig, Bakery Jatta spielen zu lassen, als würde es die ganzen Diskussionen im Umfeld nicht geben."

Mitarbeit: Daniel Jovanov