Wie sie sich necken, die Roten und die Grünen im Hamburger Rathaus, das hat derzeit fast etwas Liebevolles. Es haben ja auch beide Seiten etwas davon: So lange es scheint, als ginge es bei der Bürgerschaftswahl im Februar nur darum, ob der Sozialdemokrat Peter Tschentscher Erster Bürgermeister bleibt oder die Grüne Katharina Fegebank ihn verdrängt, haben es alle anderen Bewerber schwer.

Nun aber haben die Grünen die Choreografie dieses moderierten Konflikts geändert – und ernsthaft angegriffen. Im Hamburger Bezirk Eimsbüttel, mit mehr als einer Viertelmillion Einwohnern eine Großstadt in der Großstadt, führt die Partei nun, nach ihrem Sieg bei den Bezirkswahlen im Mai, Koalitionsgespräche mit der CDU. Ihren bisherigen Koalitionspartner, die SPD, schickt sie damit aller Voraussicht nach in die Opposition. Angeblich lassen sich die grünen Ziele, vor allem in der Verkehrspolitik, mit der CDU besser umsetzen – zumindest geben die Grünen das Ergebnis ihrer Sondierungsgespräche mit Sozial- und Christdemokraten so wieder.

Soll man das glauben? Rüdiger Kuhn, Chef der Eimsbütteler CDU-Fraktion, war bis zur Wahl ein klassischer anti-grüner Verkehrspolitiker, der zum Beispiel "überflüssige Velorouten" kritisierte und von der Politik verlangte, "die bewusste Entscheidung für den eigenen Pkw zu respektieren". Ausgerechnet mit diesem Partner wollen die Grünen es schaffen, "deutlich schneller als in der bisherigen Zusammenarbeit mit der Verkehrswende voranzukommen", wie sie sagen?

In Wirklichkeit dürfte es um eine ganz andere Frage gehen. Gemeinsam mit der CDU könnten die Grünen in Eimsbüttel den sozialdemokratischen Verwaltungschef, Bezirksamtsleiter Kay Gätgens, durch einen der ihren ersetzen. Damit könnten die ehrgeizigen Eimsbütteler Ökos mit ihren Parteifreunden in den Hamburger Bezirken Nord und Altona gleichziehen – auch dort stellen die Grünen seit den Bezirkswahlen die stärksten Fraktionen, und auch dort könnten demnächst unter grüner Regie jeweils neue Bezirksamtsleitungen gewählt werden. 

Die SPD kann sich über dieses Vorgehen eigentlich nicht beschweren. Als die Sozialdemokraten in Hamburg 2011 die Macht bekamen, haben sie zügig die Schlüsselpositionen in der Verwaltung mit Genossen besetzt. Selten aber hat ein Politiker die parteitaktischen Motive hinter solchen Personalentscheidungen mit einer derart entwaffnenden Offenheit angesprochen, wie es nun der Eimsbütteler CDU-Mann Kuhn in der Hamburger Morgenpost tat: "Ich kenne Herrn Gätgens seit 25 Jahren und schätze ihn persönlich sehr", sagte Kuhn über den Bezirksamtschef, "aber politisch bringt er uns als CDU nichts. Wenn die Grünen ihn abwählen wollen, sind wir dabei."

Auch interessant: Inzwischen achtet die Hamburger CDU darauf, dass in der Öffentlichkeit nicht Kuhn, sondern der Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse die Parteilinie erklärt. Und der macht keinen Hehl daraus, dass es hier nicht nur um Eimsbüttel geht – sondern auch um ein Signal für die Bürgerschaftswahl. Die CDU kam bei der letzten Parlamentswahl auf knapp 16 Prozent – und die Umfragen geben den Konservativen wenig Anlass, für die nächste Wahl in sechs Monaten auf Besserung zu hoffen. Für die Christdemokraten ist es daher umso wichtiger, wieder als maßgeblicher Akteur wahrgenommen zu werden. Nun, da die Partei wenigstens in Eimsbüttel dazu beitragen könnte, den Sozialdemokraten die Macht abzunehmen, sagt Kruse, sei es "jedem klar, dass es wirklich Sinn macht, CDU zu wählen".