Kinderparadies Dulsberg – Seite 1

Nein, eigentlich wollte sie nicht hier hin. Silke Schubert war Single und wohnte im Portugiesenviertel, inmitten angesagter Restaurants, die Elbe nicht weit entfernt. Was sollte eine junge Frau wie sie bitte in Dulsberg? Und wo liegt überhaupt dieses Dulsberg? "Ich hatte keine Ahnung."

Doch dann sah Schubert, die in Wahrheit anders heißt, die Vorteile des kleinen Stadtteils im Hamburger Osten: günstige Mieten, kleine Dreizimmerwohnungen, eine hübsche Architektur – und sie konnte mit dem Rad zur Arbeit. "Der Bruch zu meinem alten Leben war trotzdem krass", sagt sie und blickt aufs Wasser. Vor ihr strömt nicht die Elbe, sondern die Osterbek, die Dulsberg von Barmbek-Nord trennt. Es gefällt ihr hier. Viel Ruhe, in der Nähe Spielplätze und die Kita, von der sie gleich ihre kleine Tochter abholt.

Denn von der größten Besonderheit Dulsbergs erfuhr Schubert erst, als ihr Leben erneut eine scharfe Wende nahm: Sie wurde schwanger, trennte sich aber schon im Wochenbett vom Vater des Babys, zu unvereinbar waren die kulturellen Vorstellungen. "Meine Idealvorstellung von Familie war geplatzt", sagt sie. Das Schlimmste: das Gefühl, gescheitert zu sein und fortan alles allein entscheiden zu müssen.

Dulsberg aber fing sie auf. Denn Schubert wohnt, was sie lange nicht mal ahnte, in Hamburgs Hochburg der Alleinerziehenden – unter Hunderten von Solo-Müttern: Bei der letzten Erhebung waren von 17.442 Dulsberger Einwohnern 43,1 Prozent Alleinerziehende. Der Hamburger Durchschnitt ist 25,3 Prozent. Othmarschen und Groß-Flottbek liegen mit 13,9 Prozent deutlich darunter; bundesweite Vergleichszahlen gibt es nicht.

35 Einrichtungen für Familien

Erst als Solo-Mutter fiel Schubert dieses "extrem dichte Netz" an Mutter-Kind-Einrichtungen auf: günstiges Mittagessen für zwei Euro im Familiencafé des Vereins SOS Kinderdorf, wo man gleich nebenan ohne Bezugsschein gebrauchte Kinderkleider, Tornister und Spiele kaufen kann. Hier gibt es auch kostenlose Bewegungskurse für Kinder, geschulte Stadtteilmütter helfen beim Umgang mit Ämtern oder der Kitasuche.

Etwa 35 solcher Einrichtungen und Treffpunkte für Familien, Schulen und Kitas eingerechnet, finden sich in Dulsberg – in einem der kleinsten Stadtteile. Die meisten Angebote richten sich nicht explizit an Alleinerziehende. Man will keine diskriminierenden "Ghettos" schaffen, heißt es, sondern alle einbeziehen. Aber keine christliche, private oder kommunale Einrichtung kann diese 43 Prozent ausblenden. Jeder denkt sie bei seinen Angeboten mit – und die Alleinerziehenden profitieren.

Schubert traf in diesem Kosmos schnell andere Mütter ohne Partner: "Oh, du auch?" oder "Willkommen im Club!", so lauteten die Reaktionen. Die Frauen tauschten sich aus – das half ihr, sich nicht mehr als Teil einer bemitleideten Randgruppe wahrzunehmen. "Heute bin ich überzeugt: Alleinerziehend kann jeder werden, unabhängig von Bildung und sozialem Milieu", sagt Schubert.

Warum aber ballen sich die Alleinerziehenden derart in Dulsberg? Wie geht der Stadtteil mit ihren logistischen, emotionalen und finanziellen Nöten um? Und kann Hamburg gar von Dulsberg lernen, einem Stadtteil, der immer noch als Problemviertel gilt? Die Arbeitslosigkeit liegt bei 8,5 Prozent, jeder Dritte bezieht staatliche Hilfe, das Jahreseinkommen beträgt durchschnittlich gut 21.000 Euro – 18.000 Euro weniger als im Hamburger Schnitt.

"Alter Teichweg, oh Gott, da wohnst du?!"

Die Probleme stechen nicht ins Auge. Das Viertel ist nicht verdreckt. Es wird von einem gepflegten Grüngürtel durchzogen, der gesäumt ist von historischen Klinkersiedlungen, Erbe von Hamburgs berühmtem Oberbaudirektor Fritz Schumacher. Der machte ab 1918 Dulsberg, einst Ackergrund für Barmbeker Bauern und Standort einer Müllverbrennungsanlage, zum Modellviertel. Schumacher verwirklichte in Dulsberg früher als in seiner berühmten Winterhuder Jarrestadt das Ideal einer menschlichen, offenen Architektur: großzügige, grüne Innenhöfe, von Fußwegen verbunden. Hier sollten sich die Arbeiter treffen, reden, erholen.

"Wie im Dorf" fühle sich das Leben in Dulsberg oft an, sagt Ulrike Karlo (Name geändert). Auch sie ist alleinerziehend und wohnt mit ihren zwei Kindern nah an Schumachers grüner Achse, auf 55 Quadratmetern für 550 Euro. "Nachts hört man die Nachtigall, und das in einer Großstadt." Am meisten erinnern sie die kurzen Wege an ein Dorf. Viele soziale Einrichtungen seien zu Fuß zu erreichen. Jeder kennt jeden, das gilt auch für die Mütter und ihre Beraterinnen.

Regelmäßig geht Karlo in die Stadtteilschule im Alten Teichweg, ein imposanter Klinkerbau, den Schumacher persönlich entwarf. Etwa 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben Migrationshintergrund. Man könnte hier eine Menge Probleme vermuten, aber der Ruf der Schule ist inzwischen gut. Sie kooperiert mit dem nahen Olympiastützpunkt Dulsberg und darf sich "Eliteschule des Sports" nennen.

Im ersten Stock der Schule lässt sich die 38-Jährige von der Organisation einfal beraten. Die hilft besonders langzeitarbeitslosen Alleinerziehenden bei der Rückkehr ins Berufsleben. "Ich schaff’s" lautet der Slogan des Programms Soloturn, gefördert von der Stadt und dem Europäischen Sozialfonds. Noch auf dem Schulgelände können Kinder nachmittags Sportangebote im Haus der Jugend nutzen – von Breakdance bis Ballett. Und nur eine Etage unter einfal liegt das Büro von Pinar Esbulan. Sie leitet die Villa Dulsberg, auch sie nur ein paar Meter von der Schule entfernt.

Burnout-Beratung trifft Kalligrafiekurs

Esbulan begrüßt mit entwaffnender Ehrlichkeit. "Gut, Villa ist vielleicht etwas hochtrabend", sagt sie und zeigt die zwei Räume in dem flachen Neubau, der zwischen einer Kita und einem Bestattungsunternehmen liegt. In einem Raum tauschen sich junge Frauen mit Migrationshintergrund beim Tee im Sprach-Café aus. Der zweite Raum, mit bunten Wänden voller Tiere, ist gerade leer. Nachmittags toben hier Kinder, während die Mütter nebenan plaudern – oder mal kurz zum Arzt verschwinden.

Die Villa Dulsberg liegt zwischen einer Kita und einem Bestattungsunternehmen. © Melina Mörsdorf für ZEIT ONLINE

Man kann die Villa buchen, Eltern-Kind-Gruppen treffen sich hier selbstorganisiert, sie haben einen eigenen Schlüssel. "Viele Alleinerziehende sehen die Villa als ihr zweites Wohnzimmer an, gerade weil ihnen in ihren kleinen Wohnungen die Decke auf den Kopf fällt", sagt Esbulan. Am wichtigsten findet sie, dass viele Ideen aus dem Stadtteil kommen: So gibt es nicht nur klassische Beratungen auf Türkisch und Deutsch, gegen Burn-out und für "starke Eltern und Kinder". Sondern eben auch eine japanische Kalligrafie-Gruppe, Kinder- und Elternkochkurse mit der Hamburger Tafel und einen Werkstattkurs, in dem Seife ohne Zusatzstoffe hergestellt wird.

"Dulsberg war in den Achtzigern ein kritischer Stadtteil", sagt Esbulan. "Jetzt boomt die Schule, Studenten ziehen ins Viertel, es wird hipper." Auch Ulrike Karlo sieht das so. Der schlechte Ruf sei aber längst nicht verflogen. "Alter Teichweg, oh Gott, da wohnst du?!" Das hat sie oft gehört. Selbstbewusst zählt sie sich nun zu den "ATW-Girls". Klingt frischer, und jeder Dulsberger weiß: ATW gleich Alter Teichweg.

Günstiger Wohnraum für kleine Familien

Probleme gibt es trotzdem genug. Große Arbeitgeber fehlen, gute Jobs sind rar, die Alleinerziehenden kommen oft nur als Putzfrauen unter. Das Geld ist bei manchen derart knapp, dass sie kaum das recht günstige Freibad Beach nutzen; hier sehe man, berichten einige, inzwischen mehr Gäste aus reicheren Stadtteilen. In letzter Zeit häuften sich zudem Probleme mit Drogendealern. Sie lassen sich nicht so leicht mit Druck und Zureden aus dem Stadtbild verdrängen wie einst in den Neunzigern die Alkoholabhängigen.

Und doch ist auch der Stadtsoziologe Jürgen Fiedler erstaunt, was aus dem Großstadtbrennpunkt geworden ist. "Durch viele kleine Schritte ist es gelungen, das Quartier für die Bewohnerschaft attraktiv zu gestalten", sagt Fiedler. Allerdings fehlten noch Bistros, Kneipen und ein attraktiver, zentraler Platz "für die verstärkte Anbindung der vielen zuziehenden jungen Leute".

Wenn viele Dulsberger ihr Viertel als Dorf beschreiben, dann ist Fiedler der inoffizielle Dorfvorsteher. Er ist der Netzwerker, der Neues anstoßen und all die Angebote sinnvoll koordinieren will. So bekam Dulsberg ein Kulturzentrum und ein Lesehaus, in dem Kinder und Jugendliche für nur einen Euro im Jahr Bücher leihen können.

Fiedler, gerade aus dem Urlaub zurück, empfängt im Stadtteilbüro Dulsberg, das er seit 24 Jahren leitet und das gerade frisch gestrichen wird. Das Stadtteilbüro eröffnete 1993, als erstes in Hamburg.

Als er anfing, kannte er das Viertel nur aus der flüchtigen Sicht eines Taxifahrers – sein Studentenjob. Heute versucht er jede Erschütterung frühzeitig zu erkennen. Dafür hat er zwei Gremien, die er mit Seismografen vergleicht: den Stadtteilrat mit Vertretern der Bewohner und Interessengruppen und den Arbeitskreis Dulsberg. Der sei etwas "ganz Besonderes", weil sich dort Mitarbeiter aller sozialer Einrichtungen und aller Fachrichtungen treffen. "Hier entstehen Projektideen", sagt Fiedler. Kann das "Haus der Jugend" Senioren helfen? Oder Senioren Alleinerziehenden, etwa mit Leihomas?

Kleine Wohnungen sind gefragt – Dulsberg hat sie

Das Rätsel um die Quote bei den Alleinerziehenden kann auch Fiedler nicht ganz lösen. "Den einen Grund" gebe es nicht, aber Besonderheiten: Die Wohnfläche beträgt in Dulsberg im Schnitt nur 53 Quadratmeter, 23 weniger als im Hamburger Mittel. Nach dem Zweiten Weltkrieg, so Fiedler, sei die Wohnungsnot so groß gewesen, dass zwei Wohnungen oft zu dreien umgebaut wurden. Da die Nachfrage nach solchen Zuschnitten heute sehr hoch sei und viele Häuser aus der Schumacher-Ära unter Denkmalschutz stehen, werde Dulsberg ein Viertel mit kleinen Wohnungen bleiben. Für Alleinerziehende sei das "äußerst attraktiv", gerade weil 60 Prozent der Wohnungen von Saga und Genossenschaften vermietet werden. Der Quadratmeter kostet oft noch unter zehn Euro. Bleiben die Alleinerziehenden also, weil ihnen Dulsberg gut gefällt? Oder nur weil es an bezahlbaren Alternativen mangelt? "Statistisch lässt sich das nicht erfassen", sagt Fiedler.

Kati F. sitzt in einem Ruheraum unweit des gut gefüllten Familiencafés von SOS Kinderdorf, das bald durch ein größeres Café ersetzt wird. Nebenan wird ihr Baby betreut; ihre älteren Kinder besuchen Kita und Schule. Kati F. hat drei Kinder von drei verschiedenen Männern. Sie machte gerade ihre dritte Umschulung, als sie ungeplant schwanger wurde, "Spiral-Wunder" nennt sie ihr Baby. Sie hat in Mecklenburg-Vorpommern und Bochum gelebt, aber erst Hamburg fühlt sich nach Heimat an. An Dulsberg gefallen ihr die vielen Angebote: "Das passt zu meinem Tatendrang."

Für "alle Ewigkeit" werde sie kaum in ihrer 67-Qudratmeter-Wohnung bleiben wollen. Aber Dulsberg hat ihr offenbar Optimismus gegeben: "Aller guten Dinge sind drei – beim Mann und beim Job." Zwei Kinder hat sie allein erzogen, beim dritten scheint es besser zu laufen.

Als die 33-Jährige aufsteht, um nach dem Baby zu schauen, purzeln ihr Würfel ihrer Tochter aus der Hosentasche. Einer der Lieblingswürfel verschwindet unter einem Regal. Kati F. zögert. Dann geht sie. Sie weiß, in Dulsberg wird sich auch jemand um diesen Würfel kümmern.