Florian Zinnecker © Maria Feck für DIE ZEIT

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie oft am Tag denken Sie daran, dass Sie in Hamburg leben? Ich möchte wetten: gar nicht so häufig. Sicher, wenn Sie als Busfahrerin heute Dienst auf der Linie 111 haben oder gleich aufbrechen, um endlich die Rentzelstraße unter dem Fernsehturm zu Ende zu teeren, werden Sie daran vermutlich häufiger erinnert denn als, sagen wir mal, ein Eppendorfer Blumenhändler, weil Sie dann, zumindest in meiner naiven Vorstellung, den ganzen Tag an Gerbera, Fresien und Sonnenblumen denken können oder an Ihre Umsatzsteuer, und das fühlt sich in München nicht grundsätzlich anders an als hier. Aus Gründen, die Sie sich denken können (sie haben mit diesem Newsletter zu tun), habe ich in dieser Woche so intensiv über Hamburg nachgedacht wie selten. Aber nicht nur deshalb. Sondern auch, weil in der Redaktion Katrin Habenschaden zu Gast war – die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Münchner Stadtrat, die gern Münchens Oberbürgermeisterin werden will. Sie besuchte ihre Parteikollegin Katharina Fegebank, um sich schon einmal anzusehen, wie echte Regierungsverantwortung aus der Nähe aussieht. Wir haben diese Chance genutzt, um sie zu fragen, was eine Stadt mit einem nicht gerade kleinen Wohnungs- und Verkehrsproblem (Hamburg) von einer Stadt mit einem riesigen Wohnungs- und Verkehrsproblem (München) lernen kann. Ihre Antworten haben mich überrascht – aber lesen Sie selbst. Und dann viel Freude mit den Fresien und den Gerbera, gute Fahrt auf der Buslinie 111, und danke, dass Sie sich endlich um den Teer auf der Rentzelstraße kümmern, Sie machen das echt großartig.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochende!

Ihr Florian Zinnecker

Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns: hamburg@zeit.de.

Aktuelles

"Schule scheitert, wo sie Eltern ins Spiel bringt" – ein Lehrer berichtet

Nach sechs Wochen Sommerferien stand gestern der Schulanfang an, rund 14.500 Hamburger Kinder sind in die fünfte Klasse gekommen. Was erwartet sie an den Gymnasien und Stadtteilschulen? Das fragten wir einen Lehrer, der an beiden Schulformen unterrichtet hat. Woraufhin er uns sehr ausführlich erzählte, was an den Schulen gerade so alles schiefläuft, welche Züge der Kontrollwahn vieler Eltern bereits angenommen hat und warum "mehr kreativer Wildwuchs" und mehr Autonomie den Kindern und Jugendlichen sehr guttun würden. Den ganzen Bericht des Mannes, der anonym bleiben möchte, können Sie hier lesen.

HSV und Fans signalisieren volle Unterstützung für Jatta

© Christian Charisius/​dpa

Als die Mannschaft des HSV gestern geschlossen zum Trainingsplatz ging, schritt Bakery Jatta vorneweg, die Fans applaudierten. Geschlossenheit – das war das Signal. Der Profi, der womöglich bei seiner Einreise als Flüchtling im Jahr 2015 das falsche Alter und einen falschen Namen angegeben hat, erhielt auch vonseiten des Vereins Rückendeckung. "Wir stehen voll hinter Bakery und werden ihn auch weiterhin vollumfänglich im Trainings- und Spielbetrieb einplanen, zumal er ein wertvoller Spieler und voll integrierter, geschätzter Teamkollege ist", erklärte HSV-Sportvorstand Jonas Boldt. Der Funktionär kritisierte in seinem Statement den "gesellschaftlichen Spießrutenlauf", dem der Spieler ausgesetzt sei. Am heutigen Freitag wird das Bezirksamt Mitte Jatta anhören und überprüfen, ob sich der Verdacht auf Falschangaben erhärtet oder nicht.

Kilian Trotier

In einem Satz

Teile des Rathausquartiers sind jetzt offiziell autofrei +++ Ein norddeutscher Forschungsverbund der Universitäten Hamburg, Lübeck, Kiel und Bremen plant ein Kompetenzzentrum für künstliche Intelligenz in der Medizin +++ In Wilhelmsburg wurde erneut eine Fliegerbombe gefunden und entschärft, allein im Juni waren dort bereits vier Weltkriegsbomben gefunden worden

Was heute und am Wochenende auf der Agenda steht

Das hundertjährige Jubiläum des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge wird heute im Rathaus gefeiert +++ Bei der Holzbootregatta "Hamburg Summer Classics" fahren Sonnabend und Sonntag 60 traditionelle Segelboote über die Alster +++ Die A1 Richtung Lübeck im Bereich Autobahnkreuz Hamburg Süd ist in der Nacht auf Samstag gesperrt +++ Der FC St. Pauli spielt am Sonntag im DFB-Pokal gegen den VfB Lübeck, der HSV gegen den Chemnitzer FC

Was Sie interessieren könnte

Alltagsreporter: Der Taxifahrer

Ich fuhr eine bekannte französische Pianistin zu ihrem Auftritt. Sie erklärte mir, sie müsse noch ihren Sohn anrufen, der wolle immer wissen, wo und mit wem sie zusammen sei. Als sie aufgelegt hatte, redeten wir über Erziehung. In Anspielung auf ihren Beruf sagte ich: "Wir Eltern haben die Aufgabe, unseren Kindern die Klaviatur des Lebens beizubringen. Aber am Ende müssen sie selbst entscheiden, welcher Melodie sie im Leben folgen." Am nächsten Tag holte ich sie vom Hotel ab. Sie rief: "Ich habe Ihre Weisheiten gestern zu Beginn des Konzerts meinem Publikum erzählt, und alle haben geklatscht! Sie sind jetzt berühmt!" Bevor wir uns verabschiedeten, gab sie mir ihre private E-Mail-Adresse und meinte: "Melden Sie sich, wenn Sie noch mehr Tiefsinnigkeiten kennen." Das war schön.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

"Ich schaue voller Neid nach Hamburg"

© Grüne München

Die Grüne Katrin Habenschaden will München ab 2020 als Oberbürgermeisterin regieren und hat sich dafür Tipps von den Hamburger Parteikolleginnen und -kollegen geholt. Was kann München von Hamburg lernen – und umgekehrt? Ein Gespräch über Verkehrsprobleme und Wohnungsnot.

Elbvertiefung: Wenn Sie von München aus auf die Hamburger Grünen schauen: Sind Sie neidisch auf deren Erfolg oder auch froh, dass Sie noch keine Regierungsverantwortung haben?

Katrin Habenschaden: Ich schaue voller Neid nach Hamburg. (lacht) Wir Grünen haben im Münchner Stadtrat ja auch mitregiert, 24 Jahre lang, bis 2014 das Bündnis wegen der Schwäche der SPD nicht fortgeführt werden konnte.

Elbvertiefung: München und Hamburg sind einander nicht nur auf der Landkarte fern, entwickeln sich aber ähnlich.

Habenschaden: So ist es. Beide Städte wachsen stark, und das bedeutet
im Fall von München auch: Die Straßen und die öffentlichen Verkehrsmittel werden immer voller. Der Druck auf die Infrastruktur wächst, auch im Erholungsbereich.

Elbvertiefung:  Sie haben Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank getroffen – worüber haben Sie gesprochen?

Habenschaden: Mich interessiert natürlich, wie das tägliche Leben aussieht – die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Mir geht es aber auch um die Themen, die Hamburg umtreiben.

Elbvertiefung:  Zum Beispiel?

Habenschaden: München plant eine internationale Bauausstellung, wie es
sie ja auch in Hamburg gab – ich habe mir das Gelände angesehen und
mich informiert, was das Projekt in Hamburg wirklich gebracht hat. Und ich war bei der Eröffnung des autofreien Rathausquartiers. Das haben die Grünen in München schon vor Jahren beantragt, wir hätten gern die Altstadt autofrei, jetzt traut sich die Stadt immerhin mal an einen einzelnen Platz heran, wenn auch in einem anderen Viertel. Temporäre Sommerstraßen wie in Hamburg haben wir für dieses Jahr noch nicht durchsetzen können, das ist leider am Widerstand von CSU und SPD gescheitert.

Elbvertiefung:  Die Hamburger Bevölkerung treiben vor allem zwei Probleme um, die Sie sehr gut kennen: Bezahlbarer Wohnraum wird immer knapper, und der Verkehr in der Stadt ist ein Albtraum. In München ist die Lage in beiden Fällen weitaus schlimmer. Welchen Fehler hat München gemacht, den Hamburg noch vermeiden kann?

Habenschaden:  Was den Verkehr angeht, hat München tatsächlich einen Fehler gemacht: Die Stadt hat über die letzten Jahre lediglich mit kleinen Maßnahmen nachgebessert – anstatt das Problem konzeptionell anzugehen. Die Stadt wächst, aber die Stadtfläche ist nicht vergrößerbar, auch die Verkehrsfläche nicht. Es gibt eine Prognose des Planungsreferats, die besagt: Wenn sich nichts ändert, gibt es bald nur noch eine einzige Rushhour am Tag – von 6 bis 21 Uhr. Daran ändern auch zusätzliche Abbiegespuren an besonders schlimmen Stellen nichts. Diese fehlende Entscheidungsfreude ist ein Fehler, den Hamburg wirklich vermeiden könnte.

Die Fragen stellte Florian Zinnecker

Das komplette Interview mit Katrin Habenschaden lesen Sie hier auf ZEIT ONLINE

Leseempfehlung: Die Angst der Maschine

Kann ein Roboter Gefühle haben? Natürlich nicht, werden Sie jetzt denken, Emotionen sind für lebendige Wesen reserviert. Undenkbar, dass ein Roboter in Gefahrensituationen Angst empfinden könnte – oder? Die Wissenschaftsjournalistin Eva Wolfangel ist ebendiesen Fragen nachgegangen. Und sie hat erfahren, dass es durchaus von Vorteil sein könnte, würden Roboter Risiken nicht mehr gefühllos, kühl und logisch kalkulieren. Sondern auch mal auf ihr Bauchgefühl hören. Wie Forscher versuchen, Robotern Gefühle anzutrainieren und wie diese ersten emotionalen Gehversuche der Maschinen aussehen, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der ZEIT, am Kiosk oder für Digitalabonnentinnen und -abonnenten hier.

Was Sie heute erleben können

Lesevertiefung

Drei Buchempfehlungen fürs Wochenende ...

BilderbuchRoberta ist eine Giraffe und total genervt von ihrem Hals: Er ist zu lang, zu scheckig, zu dünn, eben einfach zu halsig. Dann trifft Roberta auf die Schildkröte Henry, die seit Langem von der Banane träumt, die hoch oben am Baum baumelt. Witzig und wunderbar illustriert. Jory John (Text) und Lane Smith (Illustrationen): Roberta und Henry;aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel, Carlsen Verlag, 15 Euro, ab 4 Jahren

Roman Überstürzt kehrt Nora aus New York in ihre norddeutsche Heimatstadt zurück. Mit alten Freunden baut sie einen neuen, unabhängigen Radiosender auf: Musik querbeet gemischt mit klugen Wortbeiträgen. Und dann beginnt Nora einen ganz persönlichen Rachefeldzug. Spannend und mitreißend! Karin Kalisa: Radio Activity;Beck Verlag, 22 Euro

Sachbuch Natur gibt es doch nicht in der Stadt, oder? Na klar! Nur genau hinschauen und -hören müssen wir. Vögel, Pflanzen und Kleingetier warten in Hinterhöfen, Gärten, Parks und am Wegesrand darauf, entdeckt zu werden. Ein großartiges Wissensbuch für die ganze Familie. Maria Ana Peixe Dias und Inês Teixeira do Rosário: Natur. Entdecke die Wildnis vor deiner Haustür;aus dem Portugiesischen von Claudia Stein, illustriert von Bernardo P. Carvalho, Beltz und Gelberg, 22,95 Euro

… ausgewählt von Gerlinde Schneider; Buchladen Osterstraße; Eimsbüttel

Was geht

Sommerkino: Trennung oder Neuanfang? Diese Frage prägt nicht nur "Adam & Evelyn", sondern auch das Jahr 1989. Die Adaption des gleichnamigen Romans von Ingo Schulze erwecke das stillgestellte Lebensgefühl der Wendezeit, die Sprachlosigkeit einer ganzen Generation, kommentierte der "filmdienst". Barrierefreies Open-Air-Sommerkino.

Alsterdorfer Markt, heute, 21 Uhr, Spenden erbeten, Stuhlmiete 4 Euro

Was bleibt

Im VR-Hafen: Kohlen schaufeln, Schiffe beladen – das Leben eines Hafenarbeiters vor rund 100 Jahren war hart. Erlebbar macht es nun eine virtuelle 3-D-Welt; zu Ehren des "weltweit größten historischen Lagerhauskomplexes", der Speicherstadt, hat die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Gebäude, Fassaden, Kessel und Dampfmaschinen am Computer nachgebaut. "Die digitale Speicherstadt", Rundgang mit VR-Brillen.

Zentralbibliothek, Ebene 3, Schüler Lounge, Hühnerposten 1, ab heute, 11–18 Uhr, Eintritt frei

Was kommt

Fire Festival: Was hat die Freiwillige Feuerwehr Altona mit karibischer Currywurst, Kettcars und Cocktails zu tun? Finden Sie es heraus, denn sie lädt ein zum "Caribbean Fire Festival". Kids klettern in Löschfahrzeuge und lenken echte Feuerwehrschläuche, während ihre Eltern zu DJ-Beats Caipi schlürfen.

Eifflerstraße Ecke Lippmannstraße, Sa, ab 13 Uhr Familientag, ab 18 Uhr Fire-Abend mit Cocktails

Whitney’s Soul: Kaum ausgezeichnet als "Honky Tonk Female of the Year", zieht es Whitney Rose schon wieder auf die Bühne. Die junge kanadische Sängerin stellt ihr noch unveröffentlichtes viertes Album vor, vermutlich angefüllt mit 60’s-Country, Nashville-Sound und Memphis-Soul.

Nochtspeicher, Bernhard-Nocht-Straße 69a, Sa, 21 Uhr, VVK 14 Euro

Ritter im Oldtimer: Ami-Schlitten aus den Fünfzigern rollen durch die Innenstadt, während Ritter im Café an Eiskugeln schlecken. Das Historische Wochenende in Bleckede vereint mehrere Jahrhunderte: Rund um das Schloss schlagen beim Mittelalterfest Vagabunden Zelte auf, während am Schützenplatz die Oldtimerfreunde Elbtalaue Karosserien feiern. Wer ohne eigenen Schlitten "historisch anreisen" möchte, wählt den Raddampfer "Kaiser Wilhelm" oder die nostalgische Bleckeder Kleinbahn.

Historisches Schlossfest, Schlossstraße 10, Bleckede, Sa, 12–22 Uhr, So, 11–18 Uhr, Kinder ab 2 Euro, Erwachsene 6 Euro;

Oldtimertreffen, Schützenplatz, So, 7–17 Uhr;

Raddampfer Kaiser-Wilhelm ab Lauenburg: Sa, 9 Uhr, So, 11 Uhr;

Bleckeder Kleinbahn ab Lüneburg: Sa, 9.48, 12.15,16.05 Uhr

Hamburger Schnack

Neulich im Bus der Linie 5 auf der Fahrt vom Eppendorfer Weg zum Dammtor saß ein etwa fünfjähriges Mädchen mit seinen Eltern neben mir. Kurz vor der Haltestelle Universität/Staatsbibliothek sagte die Mutter zu ihr: "Und gleich fahren wir an der Universität vorbei. Da haben Papa und ich uns kennengelernt, und wir haben zusammen gelernt." Der Vater erwidert nur: "Na ja, die Mutti hat gelernt. Papa war eher selten an der Universität."

Gehört von Christian Splieth

Meine Stadt

Wenn Besuch da ist, kommt man mal wieder zu einer Fleetfahrt und kann Hamburg auch bei trübem Wetter schön finden. © Angela von Kraft

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Rund 14.500 Hamburger Kinder kommen diese Woche in die fünfte Klasse. Sie erwartet der blanke Wahnsinn. Ein Hamburger Lehrer berichtet.

Die Grüne Katrin Habenschaden will München als Oberbürgermeisterin regieren und hat sich dafür Tipps von den Hamburger Parteikollegen geholt. Was kann München von Hamburg lernen – und umgekehrt?