Annika Lasarzik © Maria Feck

Liebe Leserin, lieber Leser,

bei dem Wort "Alltag" denke ich spontan an Routine und Langeweile, an ein Leben ohne Veränderungen. Eigentlich seltsam, denn Alltag an sich ist ja nichts Schlechtes – ohne Struktur im Leben würde mich die Welt ganz schön überfordern. Auch in der Hamburger Politik kehrt in dieser Woche wieder der Alltag ein, am Mittwoch kommt die Bürgerschaft zu ihrer ersten Sitzung nach der Sommerpause zusammen. Und wenige Tage zuvor verdichten sich auch schon die Spekulationen um die Bürgerschaftswahl 2020, man kann sie im Wesentlichen in zwei Fragen zusammenfassen: Schielt Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank bereits auf das Amt von Bürgermeister Peter Tschentscher? Und, sollten die Grünen ihren großen Koalitionspartner, die SPD, überholen – was nach den Bezirks- und Europawahlen kein so großes Wunder mehr wäre: Welches Bündnis würde dann die Stadt regieren? 

Was aus dem Rathaus zu den Gerüchten nach außen klang, könnte vager nicht sein.

"Wir sehen als Grüne durchaus, dass es in der Stadt den Wunsch gibt, eine Wahl zu haben, wenn es um die Spitze des nächsten Senats geht", sagte Fegebank. Ja, so ist das in einer Demokratie. Und dass Tschentscher auf die Offerte der Grünen, wieder eine Koalition zu bilden, bisher, sagen wir, verhalten reagierte – geschenkt. Koalitionsaussagen trage man niemandem hinterher, sagte Fegebank, genauso wenig wie Heiratsanträge. Diesen Vergleich müsste sie mir dann noch einmal erklären, für mich klingt er eher nach Herzschmerz-Garantie. Mal sehen, ob der politische Alltag in den sechs Monaten bis zur Wahl noch an Schwung gewinnt.

Kommen Sie gut durch die Woche! Morgen begrüßt Sie an dieser Stelle wieder mein Kollege Florian Zinnecker.

Ihre Annika Lasarzik

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Aktuelles

© Daniel Bockwoldt/​dpa

Hamburg muss 200 Brücken ersetzen, darunter die Lombards- und die Kennedybrücke

2700 Brücken zählt die Stadt. Einige von ihnen sind in einem desolaten Zustand, wie eine Kleine Anfrage der CDU nun ergeben hat. Elf Prozent der 37.000 Quadratmeter Brückenfläche wurden mit der Note 3,0 bis 4,0 bewertet. Zur Einordnung: Alles, was schlechter als 3,4 ist, gilt als marode. Im Jahr 2018 waren nur 27.000 Quadratmeter Brückenfläche derart schlecht bewertet worden. 49 Brücken sind bereits komplett für den Verkehr gesperrt. In den kommenden zehn Jahren müssen über 200 Brücken vollständig ersetzt werden, auch das geht aus der Antwort des Senats hervor, darunter zum Beispiel die Lombardsbrücke und die Kennedybrücke. Zu den genauen Kosten will sich der Senat nicht äußern. Die CDU kritisiert, dass das dafür im Haushalt vorgesehene Geld in den vergangenen Jahren zusammengekürzt worden sei. Die Verkehrsbehörde verweist darauf, dass alle Brücken "grundsätzlich verkehrssicher" seien, räumt laut "Hamburger Abendblatt" aber auch einen Sanierungsstau ein, der nun nach und nach abgebaut werden müsse.

© Hamburger Tierschutzverein

190 Tiere in den Ferien ausgesetzt

Diese Nachricht vom Wochenende las sich wie ein Déjà-vu: 190 Haustiere wurden während der Sommerferien ausgesetzt, meldete das Tierheim Süderstraße. Darunter vor allem Katzen und Kleintiere wie Kaninchen oder Schildkröten, Hunde würden wegen der Chippflicht inzwischen seltener ausgesetzt. Auch einige Exoten wurden in den vergangenen Wochen aufgefunden oder abgegeben, zum Beispiel eine Bartagame (eine Echsenart – und ja, das mussten wir auch erst einmal googeln). Neu ist dieses Phänomen leider nicht. Jedes Jahr zur Ferienzeit werden Hunderte Tiere ausgesetzt, obwohl es sich um eine Ordnungswidrigkeit handelt, die mit einer Geldbuße von bis zu 25.000 Euro bestraft werden kann. Können Sie sich nicht vorstellen? Wie weit einige Menschen in der Stadt gehen, um ihre Haustiere loszuwerden, hat uns der Hamburger Tierschutzverein Anfang des Jahres erzählt.

In einem Satz

Der HSV und der FC St. Pauli haben sich gestern beide jeweils nach einem Elfmeterschießen in die zweite Runde des DFB-Pokals gerettet, der HSV mit 8:7 gegen den Chemnitzer FC, der FC St. Pauli mit 7:6 gegen den VfB Lübeck +++ Mahmut Canbay, Intendant des Mut! Theaters, wurde die Einreise in die Türkei verweigert, er wurde zurück nach Deutschland geschickt, als er zu einem Theaterfestival in Izmir reisen wollte +++ Der Hamburger Verfassungsschutz warnt vor Anti-Drogen-Infoständen von Scientology in der Innenstadt, die Organisation trete dabei mit dem Nebenverein "Sag Nein zu Drogen" auf +++ Die CDU pocht auf eine schnellere Umstellung der öffentlichen Busflotte auf emissionsfreien Antrieb – derzeit gibt es 1521 Dieselbusse, aber nur 14 mit alternativem Antrieb, ergab eine Kleine Anfrage der Fraktion

Was heute auf der Agenda steht

Die Stadtreinigung befreit ab heute Zehntausende Schilder in der Stadt von Graffiti und Aufklebern +++ Vor dem Hamburger Landgericht beginnt ein Prozess gegen zwei junge Männer, denen Zwangsprostitution einer 15-Jährigen vorgeworfen wird +++ Der Prozess gegen den 70-jährigen Bankräuber, der bereits gestand, einem Bankangestellten bei einem Überfall in den Bauch geschossen zu haben, wird fortgesetzt

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Alltagsreporter: Die Stewardess

Auf einem Flug in der First Class: Nachdem die Gäste die Speisekarte überreicht bekamen, fragte eine Dame: "Kaviar, was ist das?" – "Madam, das sind Fischeier." – "Okay, ich nehme zwei."

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

© Altonaer Bicycle-Club von 1869/​80, koloriert von Gert Nissen

Als das Veloziped durch Hamburg rollte 

E-Roller, Radfahrer, Fußgänger, Autos – über die Frage, wie der knappe Raum auf Hamburgs Straßen unter ihnen aufgeteilt werden kann, lässt sich lange streiten. Heute wie vor 150 Jahren. Gut, damals standen noch keine E-Roller auf den Gehwegen rum, doch Fahrräder, die gab es schon. Auch wenn die mit den schnittigen Crossbikes von heute noch nicht viel gemein hatten. "Velocipeden-Reiter" wurden die Anhänger der frühen Fahrräder genannt, sie lösten eine Welle der Begeisterung aus. Doch dann wurden die Männer Zielscheibe von Spott und Häme. Mit Steinen wurden sie beworfen, Hunde wurden auf sie gehetzt – und die Polizei drohte mit Geldstrafen und Konfiszierung der Räder. Wie konnte es so weit kommen, und warum konnte sich das Fahrrad dennoch durchsetzen? In der Juli-Ausgabe der ZEIT:Hamburg hat der Historiker Lars Amenda über die Anfänge des Radfahrens berichtet. Digitalabonnentinnen und -abonnenten können den Text hier nachlesen.

© Scharlatan Theater

"Gutes Management hat mit Hierarchie nichts mehr zu tun"

Ali Wichmann (69) hat in Hamburg das Scharlatan gegründet – ein Theater, das Unternehmern und Mitarbeitern helfen soll, interne Konflikte zu lösen. Wichmann ist gelernter Maschinenschlosser, Philosoph mit Staatsexamen und begann mit Anfang 30, Schauspielunterricht zu nehmen. Zunächst verdiente er sein Geld mit Straßentheater, bis er durch Zufall seinen ersten Auftrag bekam. Heute coacht er Manager im richtigen Auftreten und motiviert Mitarbeiter dazu, ihren Chef zu kritisieren.

Elbvertiefung: Herr Wichmann, wann haben Sie angefangen, die Probleme von Firmen auf die Bühne zu bringen?

Wichmann: Das war 1985. Wir tingelten durch die Fußgängerzonen des Landes, als die Stadtreinigung West-Berlins auf uns aufmerksam wurde und uns engagierte: Wir sollten ihren Mitarbeitern zeigen, wie man höflich mit Passanten umgeht.

EV: Wie haben Sie das gemacht?

Wichmann: Wir spielten vor den Mitarbeitern eine Szene, in der eine Frau ihren Pizzakarton achtlos auf den Boden schmiss und daraufhin von einem Straßenkehrer wüst beschimpft wurde. Dieselbe Szene spielten wir noch mal; diesmal sollten die Mitarbeiter aber eingreifen und den Akteuren sagen, was sie anders machen könnten. Das Witzige war, dass alle das Verhalten der Frau kritisiert haben und ändern wollten; niemand das des Straßenkehrers. Da haben wir gesagt: Das sind eure Kunden, die könnt ihr nicht ändern. Ihr könnt nur bei euch ansetzen.

EV: Das hatte Erfolg?

Wichmann: Oh ja, das funktioniert immer! Das Prinzip ist, sehr offensichtlich ein Fehlverhalten oder einen Konflikt zu zeigen. Die Zuschauer merken, dass etwas nicht stimmt, dass sie sich selbst oft so verhalten, und sie beginnen, sich zu reflektieren. Zudem arbeiten wir viel mit Komik: einem sehr wirksamen Mittel, um Menschen auf nette Weise vor Augen zu führen, was sie falsch gemacht haben. Und wenn alle im Publikum lachen, schafft das ein Gemeinschaftsgefühl, sodass es hinterher einfacher wird, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. 

EV: Wer beauftragt Sie?

Wichmann: Ganz unterschiedlich: Manchmal sind es Geschäftsführer kleiner Unternehmen, die Hilfe bei der Mitarbeiterführung brauchen; manchmal ist es die Personalabteilung eines Konzerns, der mit einer anderen Firma fusioniert. Nun wird aus zwei Teams eines gemacht – das birgt ein hohes Konfliktpotenzial.

Was die Szenen auf der Bühne über reale Konflikte in Unternehmen aussagen und was Manager aus ihnen lernen können, lesen Sie im ausführlichen Interview von Myriam Apke auf ZEIT ONLINE.

Korrektur

Zum Schluss noch eine Richtigstellung: Straßen und Wege werden in Hamburg schon seit den Siebzigern nicht mehr geteert. All jene, denen diese Formulierung im Vorwort der Elbvertiefung von Freitag ins Auge sprang, haben also recht. Stattdessen werden die Straßen heute mit einem Asphaltgemisch befestigt, denn Teer ist giftig und kann im schlimmsten Fall sogar Krebs auslösen. Wir bitten Sie, diesen Fehler zu entschuldigen.  

Was Sie heute erleben können

Mittagstisch

Urbanes Western-Flair

Wer es beim Draußenspeisen gern belebt hat und vor einer hohen Feinstaubbelastung nicht zurückschreckt, dem sei der Außenbereich des erst kürzlich eröffneten Steakhauses The Saloon empfohlen. Das Lokal an der Ecke Max-Brauer-Allee/Große Bergstraße bietet abends hochwertiges Dry-Aged-Fleisch an, mittags muss man sich mit einer ausgedünnten Karte begnügen: Drei verschiedene Burger mit Pommes (10 bis 13 Euro), drei Steakarten, ein Lachsfilet (12 bis 18 Euro), eine Suppe und drei unterschiedliche Salate stehen darauf. Für Vegetarier gab es am Testtag Süßkartoffel-Kichererbsen-Ragout (8,90 Euro). Wer wetter- und/oder frischluftbedingt lieber drinnen essen möchte, findet ein warmes Interieur vor, das zwar tatsächlich etwas Western-Flair verströmt, andererseits aber auch urbane Eleganz ausstrahlt. Sehr gelungen. Bestellt wird ein Hüftsteak mit Pommes und Salat (12 Euro). Das Fleisch ist fantastisch zart und perfekt medium gebraten, die Pommes gefallen ebenfalls, nur der Salat ist vergleichsweise unspektakulär. Fazit: gutes Essen, nette Bedienung, schicke Inneneinrichtung, aber eher teuer.

Altona, The Saloon, Max-Brauer-Allee 54, Mittagstisch Mo–Fr, 11–15 Uhr

Thomas Worthmann

 

Was geht

Solo-Tour: Er war mit Pink-Floyd-Legende Roger Waters auf Tournee und produzierte das Grammy-nominierte Album "Pure Comedy" von Father John Misty. Jetzt startet Jonathan Wilson selbst als Main-Act durch, beehrt das Knust mit seinem einzigen deutschen Band-Konzert 2019. Ohren auf für Drum Machine, Minimalismus und sozialkritischen Soul.

Knust, Neuer Kamp 30, 21 Uhr, VVK 26 Euro

Was bleibt

Hokuspokus Hütchen: Zauberei oder Betrug? In jedem Fall ist das Becherspiel amüsant, verführt schon seit der Antike die Sinne des Menschen. Die Ausstellung "Hokus Pokus – Vom Zauber des Becherspiels" widmet sich dem Phänomen mit uralten Magiebüchern und postmoderner Close-up-Zauberei. Wollen Sie das (scheinbar) Unmögliche auch mal versuchen?

Zentralbibliothek, Hühnerposten 1, heute bis 7.9., Eintritt frei

Was kommt

Professorin der Entscheidung: "Das Leben ist riskant: Wie entscheiden wir?", fragt Professorin Petra Steinorth. Ihre öffentliche Vorlesung stellt alltägliche Dinge in den Fokus: Auto oder Rad fahren, Aktien kaufen – aber welche? Dann auch noch die Suche nach dem perfekten Partner. Das Publikum erfährt, welchen Einfluss Peergroups auf unsere Entscheidungen haben, welche Rolle dabei die Finanzkrise und die Länge des Zeigefingers spielen.

Handelskammer, Unter den Börsenarkaden, Adolphsplatz 1, Mi, 12.30 Uhr, Eintritt frei, Anmeldung online

Schlafes Schwester: "Meine Vision ist, dass diese wunderschöne Musik Leute erreicht, die freiwillig nie in ein Barockkonzert gehen würden", sagt Cembalistin Elina Albach. Die Berlinerin feilt an neuen Formaten, um die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts aus der Erstarrung zu lösen – so auch im Programm "Schlafes Bruder" nach dem gleichnamigen Roman von Robert Schneider. Beim Schleswig-Holstein Musik Festival steht sie mit dem Kammerensemble Continuum und Thomas Halle (Rezitation) auf der Bühne.

Elbphilharmonie, Kleiner Saal, Platz der Deutschen Einheit 1, Sa, 19.30 Uhr, ab 37,40 Euro

Hamburger Schnack

Im Penny-Markt in Barmbek.

An der Kasse lässt mich ein älterer Herr vor mit den Worten: »Bitteschön, junge Dame!«

Ich bedanke mich, worauf der Herr mit charmant-hamburgischem Akzent sagt: »Das »junge Dame« ist dafür, weil heute so schönes Wetter ist!«

 

Gehört von Katrin Timmer

 

Meine Stadt

Gestern nach den »Hamburg Summer Classics«, der Holzboot-Regatta auf der Alster. © Marlen Mose

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Nach den Ferien landen verschenkte Haustiere mitunter einfach in der Mülltonne. Klingt brutal? Sven Fraaß vom Hamburger Tierschutzverein kennt noch ganz andere Fälle (Archiv)

Der Theatermacher Ali Wichmann hilft Unternehmen spielerisch aus der Krise – indem er ihre internen Konflikte auf die Bühne bringt. Und das funktioniert?

Vor 150 Jahren kamen die ersten Fahrräder in die Stadt. Junge Männer waren begeistert. Die Polizei drohte mit Geldstrafen und Konfiszierung