Florian Zinnecker © Maria Feck für DIE ZEIT

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Tag fahren 63.000 Menschen mit der U3 unter der Mönckebergstraße entlang – über diese Zahl habe ich beim Schreiben der heutigen Elbvertiefung länger nachgedacht. 63.000, das entspricht in etwa der Bevölkerung von Weimar oder Grevenbroich, Bergheim oder Dormagen, Kerpen, Fulda oder Kempten. Und wer von Ihnen jemals an einem Samstag mit der U3 gefahren ist, der weiß, dass manchmal tatsächlich ganz Grevenbroich und Kempten mit der U3 durch Hamburg zu fahren scheint (falls Sie uns gerade von dort lesen: Liebe Grüße, kommen Sie bitte bald wieder!). Ich gehöre im Moment leider nicht zu den 63.000 täglichen Passagieren. An mir liegt es nicht, ich würde wahnsinnig gern mit der U3 zur Arbeit fahren, weil das Rumpeln und Quietschen der Waggons den Eindruck erweckt, als lege sich jede Bahn auch ganz persönlich ins Zeug – aber die Streckensperrung an den Landungsbrücken hindert mich. Wie die Hochbahn nun mitteilte, schließt sich beinahe direkt an diese Baustelle eine weitere an: in der Mönckebergstraße. Was, wie Sie weiter unten ausführlich lesen werden, eine weitere Streckensperrung von insgesamt einem Jahr erforderlich macht. Ich verstehe, dass das nötig ist, finde aber – aus rein persönlichen Motiven – die Sperrung bedauerlich. Sollten Sie davon auch betroffen sein und angesichts des Gedankens, erst 2021 wieder auf gewohntem Weg ins Büro zu kommen, ächzen und stöhnen, dann kann ich Ihnen nur raten: Denken Sie an Grevenbroich und Kempten. Dort gibt es überhaupt keine U-Bahn.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Ihr Florian Zinnecker

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Aktuelles

© Daniel Reinhardt/​dpa

Hamburgs LKA-Chef muss seinen Schreibtisch räumen

Massive Kritik an seinem Führungsstil hat den Leiter des Landeskriminalamts Frank-Martin Heise seinen Job gekostet. Mehrere Kollegen hatten im Zuge interner Ermittlungen Vorwürfe gegen ihn erhoben, wie Polizeisprecher Timo Zill erläutert. Ins Rollen gekommen war die Beschwerdewelle während der Aufklärung folgenreicher Ermittlungspannen bei der Sonderkommission "Cold Cases". Die vom LKA eingesetzte Soko hatte einen alten Fall neu aufgerollt und dabei mit unsauberen Methoden einen Mann wegen versuchten Mordes an einer 16-Jährigen vor Gericht gebracht. Bei der Aufklärung dieser Fehler verlor der zuständige Soko-Leiter Steven Baack seinen Job. Der wiederum erhob Vorwürfe gegen den LKA-Chef, sodass weitere interne Ermittlungen folgten, um "Führung und Fürsorge" im LKA zu untersuchen. Dass es darum offenbar schlecht steht, zeigt der nun vorliegende Bericht: Führungskräfte und Mitarbeiter verschiedener Abteilungen bescheinigen Heise darin ein Verhalten, das Polizeichef Ralf Martin Meyer nicht länger in Kauf nehmen will. "Mir als Amtsleitung fehlt das notwendige Vertrauen für eine weitere Zusammenarbeit", erklärt Meyer in einem internen Schreiben, das der ZEIT:Hamburg vorliegt. Das Führungsverhalten des LKA-Chefs habe so viel Kritik hervorgerufen, dass der Polizeichef "die weitere Verwendung von Herrn Heise in dieser Funktion nicht länger verantworten" könne. Heise ist mit sofortiger Wirkung des Amtes enthoben und soll nun auf einen anderen Posten versetzt werden.

                                                                                             Annabel Trautwein

© Daniel Bockwoldt/​dpa

Kommentar: Warum der heutige Besuch der "Fridays for Future"-Aktivisten im  Umweltausschuss nicht ohne Folgen bleiben dürfte

Heute treffen sich die Klimaaktivisten der "Fridays for Future"-Bewegung mit den Umweltpolitikern der Stadt im Rathaus. Zu anderen Zeiten würde man etwas unverbindlichen Small Talk nebst väterlicher Ermahnung der Parlamentarier an die Adresse der jugendlichen Demonstranten erwarten: Ihr Engagement sei ja schön und begrüßenswert, aber die Wirklichkeit doch erheblich komplizierter etc. pp. In diesen Zeiten aber, sechs Monate vor der Bürgerschaftswahl und angesichts eines politischen Klimawandels, der Themen und Umfrageergebnisse ins grüne Spektrum verschiebt, passiert womöglich mehr. Soeben hat der Senat einen neuen Klimaplan noch für die letzten Monate der Legislatur angekündigt. Bis vor Kurzem war dieses Thema der Regierung – sieht man einmal vom grünen Umweltsenator ab – ziemlich gleichgültig. Im rot-grünen Koalitionsvertrag von 2015 wird lediglich die Anpassung eines Klimakonzepts bei Bedarf erwähnt, falls sich die bisher getroffenen Maßnahmen als unzureichend erweisen sollten. Der Handlungsdruck hielt sich in Grenzen, auch weil die letzten verfügbaren Zahlen zum Hamburger CO2-Ausstoß aus dem Jahr 2016 stammen. Nun soll es plötzlich ganz schnell gehen. Was will der Senat auf den Weg bringen: ein Verbot von Ölheizungen, eine City-Maut, ein Nachtflugverbot? Nichts davon wäre populär. Aber mit wirkungsloser Symbolpolitik werden sich die Klimaaktivisten kaum abspeisen lassen.

                                                                                              Frank Drieschner

In einem Satz

Der HSV lässt seinen ehemaligen Kapitän Gotoku Sakai (28) ziehen und stellt den Verteidiger für Vertragsgespräche frei, statt ihn weiter auf der Ersatzbank zu parken +++ Angehende Medizintechniker und Ökotrophologen der HAW sollen mitsamt ihrer Fakultät "Life Sciences" von Bergedorf in den geplanten Stadtteil Oberbillwerder ziehen +++ Vor dem Landgericht hat der Prozess gegen zwei 20-Jährige begonnen, die eine 15-Jährige zur Prostitution gezwungen haben sollen

Was heute auf der Agenda steht

Die Reederei Sea Cloud Cruises stellt heute ihre Pläne für einen dritten Windjammer vor +++ Katholikinnen und feministisch gesinnte Sympathisanten demonstrieren im Rahmen der Aktion "Maria 2.0" vor dem St.-Marien-Dom für eine Erneuerung ihrer Kirche +++ Das Amtsgericht Harburg eröffnet den Prozess gegen zwei Männer, die Mietschuldner im Auftrag einer Zimmervermietungsfirma misshandelt haben sollen

Was Sie interessieren könnte

Alltagsreporter: Der Taxifahrer

"Ich holte ein älteres Ehepaar in Tonndorf ab, die wollten zum ZOB. Als ich losfuhr, begann der Mann mir Anweisungen zu geben: ›Rechts fahren; jetzt überholen; Vorsicht!‹ Auf einer Straße stand ein DHL-Wagen auf der Spur. Ich fuhr langsamer. Der alte Mann sagte nichts, ich hielt hinter dem Wagen an. Da fing er an zu schimpfen: ›Wieso halten Sie an?!‹ – ›Ich warte auf weitere Anweisungen.‹ Der Mann war perplex. Plötzlich fing seine Frau an zu schimpfen: ›Siehst du wohl, jetzt hör auf mit den ständigen Befehlen!‹ Daraufhin fuhr ich den Rest der Strecke in Ruhe."

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

© Axel Heimken/​dpa

"Lieber groß und schnell als in vielen kleinen Schritten"

Rund 63.000 Hamburgerinnen und Hamburger (und natürlich auch Hamburg-Besucher) fahren jeden Tag mit der U3 zwischen Rathaus, Mönckebergstraße und Hauptbahnhof, rund 16.000 Fahrgäste steigen an der Haltestelle Mönckebergstraße ein oder aus. Ab Januar 2020 wird das erst einmal nicht mehr möglich sein – die Hochbahn hat angekündigt, die Haltestelle zu sanieren und deshalb die U3 dort für ein Jahr zu sperren. Warum das nicht anders geht, erklärt Hochbahn-Sprecher Christoph Kreienbaum im Interview. 

EV: Herr Kreienbaum, wie wird der U-Bahnhof Mönckebergstraße aussehen, wenn er fertig ist?

Christoph Kreienbaum: Er wird barrierefrei sein, das ist das Entscheidende. Es gibt dann zwei Aufzüge, die von der Mönckebergstraße aus direkt auf die Bahnsteige führen. Außerdem bauen wir einen zusätzlichen Zugang in Richtung Hauptbahnhof. 

EV: Aus Sicherheitsgründen?

Kreienbaum: Wir erschließen damit zunächst einmal den östlichen Teil der Mönckebergstraße. So ein neuer Zugang bringt eine erhebliche Menge neuer Fahrgäste – das glaubt man gar nicht, aber man konnte das etwa beim Ausbau der Station Rödingsmarkt gut sehen, die ursprünglich auch nur einen Aufgang hatte. Und natürlich brauchen wir den Zugang als Fluchtweg.

EV: Warum muss man dafür die Strecke ein ganzes Jahr lang sperren?

Kreienbaum: Weil es so lange dauert, ganz einfach.

EV: Was dauert da so lange?

Kreienbaum: Wir müssen die Haltestelle öffnen. Die Bahnsteige werden komplett abgerissen, das hat mit der Bausubstanz zu tun, aber auch damit, dass sie zu niedrig sind. Wir müssen insgesamt mehr Luft schaffen – und wir müssen die Aufzüge einbauen. Eine Komplettsanierung geht nie ohne Streckensperrung. Die Baumaßnahme selbst dauert noch länger, ab welchem Punkt die Züge wieder durchfahren und wann sie auch wieder anhalten, ist jetzt eine Frage der Feinplanung. Wir wollen aber gar keinen Hehl daraus machen: Es wird eine Sperrung geben, und die wird auch lange dauern.   

EV: Ein Jahr hört sich sehr lang an.

Kreienbaum: Natürlich, und es ist auch lang. Man muss aber sehen: Die Sache ist alternativlos, die Mönckebergstraße muss barrierefrei ausgebaut sein, da gibt es keine zwei Meinungen. Und wenn man sich überlegt, dass wir in der Innenstadt ein sehr gutes Busangebot haben und auch die Schnellbahnlinien in relativer Nähe liegen, dann ist die Einschränkung vielleicht am Ende kleiner, als man zuerst denkt. Und weil wir vergangenes Jahr eigens eine Weiche eingebaut haben, müssen wir – anders als früher – nicht den kompletten Abschnitt ab Berliner Tor sperren, der Hauptbahnhof bleibt also erreichbar.

EV: Die Strecke eingleisig zu befahren ist wahrscheinlich auch nicht möglich?

Kreienbaum: Wenn Sie eine Haltestelle abbrechen und komplett neu bauen, fahren Sie dort nicht eingleisig durch. Sicher, es wäre theoretisch möglich – aber dann dauert die Baumaßnahme richtig lange. Da sprechen wir aus Erfahrung: Lieber groß und schnell als in vielen kleinen Schritten. 

                                                                Die Fragen stellte Florian Zinnecker

Welche Folgen sich aus der Sperrung ergeben und warum die Hochbahn die Sanierung der Station Mönckebergstraße nicht mit der Sperrung der Station Landungsbrücken bündelt, lesen Sie in der Langfassung des Interviews auf ZEIT ONLINE.

© Andreas Laufenberg/​circ

"Ich blute, aber ich habe überlebt"

Im Amtsdeutsch heißen sie "Elektrokleinfahrzeuge mit Lenkstange". Sie stehen an jeder Ecke der Innenstadt und sind der neuste Teilnehmer am Hamburger Verkehr. Unser Autor Moritz Herrmann hat Elektroroller getestet. Wie es ihm beim Fahren erging und welcher Anbieter welche Vorzüge hat, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der ZEIT:Hamburg oder, für Leser mit einem Digital-Abo, gleich hier.

Was Sie heute erleben können

Kaffeepause

Frisch und angenehm

Wenn man das Ambiente mit einem Wort umschreiben müsste, würde man Türkis wählen. Nicht nur die Wände strahlen in unterschiedlichen Tapetenarten in dieser Farbe, auch die Tischdecken mit weißen Punkten auf der weitläufigen Terrasse leuchten fröhlich türkis. Seit fünf Jahren widmet sich das Café ARTig, in einer ruhigen Wohnstraße in Niendorf gelegen, einer Kombination von Kaffee und Kunst. So findet man hier leckere Kuchen und Torten, ein großes Angebot lädt in den großzügigen Innenbereich ein zu Mal- und Leseabenden, Ausstellungen, Nähkursen – bis hin zu Workshops zum Schminken für Teenager. Der Tresen erfreut am Tag des Besuches das Auge mit hausgemachten Kuchen, und das Angebot hält auch auf dem Teller sein Versprechen. Die Himbeer-Sahne-Torte mit knusprigem Baiser ist nicht zu süß und herrlich frisch, die Schokotarte so schön schokoladig, dass sie ins Bittere tendiert, und auch der Käsekuchen mit Heidelbeeren überzeugt (pro Stück nicht ganz günstige 3,50 Euro). Nur beim Cappuccino (2,90 Euro) war man ein wenig zu großzügig mit der Milch.

Niendorf, Café ARTig, Graf-Anton-Weg 27, Fr 9.30–22 Uhr, Sa/So 10–17 Uhr

Elisabeth Knoblauch

 

Was geht

Tantchens Buch: Martl ist die ungeliebte Tochter eines Vaters, der nur Söhne wollte. Trotzdem pflegt sie ihn, findet auch deshalb keinen Mann, gründet keine Familie. Wie sich "Tante Martl" dennoch den Weg in die Selbstständigkeit bahnt und plötzlich vor einer Fernsehkamera landet, erzählt die Autorin Ursula März in ihrer Lesung zum gleichnamigen Roman.

Literaturhaus, Schwanenwik 38, heute, 19.30 Uhr, 12 Euro

Prof am Piano: Wie erarbeiten sich professionelle Pianisten Fingerfertigkeit? Welche Tricks und Talente machen aus ihnen Meister ihres Fachs? Bei "Zweimal Hören: Öffentlicher Meisterkurs und Konzert" ist das Publikum zunächst Zeuge der Übungen von Klavierstudenten. Anschließend erklingen dieselben Stücke nochmals, und Professorin Réna Shereshevskaya erklärt Fortschritt und Arbeitsweise der Pianisten.

Werkstatt der Klangmanufaktur, Wendenstraße 255, heute, 20 Uhr, Spenden erbeten

Was kommt

Road to Surfrock: Tommy Guerrero gilt als Skate-Ikone, rollte einst als Mitglied der legendären "Bones Brigade" durch die USA. Dass er auch musikalisch Halfpipes erklimmt, bewies er zuletzt mit seiner 2018 erschienenen Platte "Road To Nowhere". Zwischen Funk und Bossa nova klingt lässiger Surfrock, Strandsand rieselt bei Abendsonne zwischen den Zehen.

Uebel & Gefährlich, Feldstraße 66, heute, 21 Uhr, VVK 28,75 Euro

Hamburger Schnack

Mein Sohn Jan, vier Jahre, saß nach einem Streit mit finsterer Miene am Tisch und sagte:

»Wenn ich mal groß bin, dann habe ich aber nettere Kinder als mich!«

 

Gehört von Angelika Zerbe

 

Meine Stadt

»Spieglein, Spieglein ...« – an der Bramfelder Brücke © Stefanie Eisner

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Ich blute, aber ich habe überlebt – unser Autor Moritz Herrmann auf E-Scooter-Testfahrt

"Wir können ja nicht die Innenstadt stilllegen" – Hochbahn-Sprecher Christoph Kreienbaum über die geplante Sperrung der U-Bahn-Linie U3