Florian Zinnecker © Maria Feck für DIE ZEIT

Liebe Leserin, lieber Leser,

im Rathaus haben gestern die Schülerinnen und Schüler, die sonst bei den "Fridays for Future"-Demos ihrer Sorge um die weitere Bewohnbarkeit der Erde Ausdruck verleihen, einen sehr konkreten Forderungskatalog vorgestellt. Da wären etwa: eine komplett autofreie Innenstadt, eine deutlich verbesserte Fahrrad-Infrastruktur und ein stark erweitertes Nahverkehrsnetz bei günstigen Preisen. Ich muss sagen: Gegen eine Zukunft, die so aussieht, hätte ich nichts (die übrigen Forderungen finden Sie weiter unten in diesem Newsletter). Auf ein wirklich überzeugendes Fortbewegungsmittel für den Weg zur Arbeit und zurück warte ich ohnehin noch. U-Bahn geht leider nicht, darüber sprachen wir schon. Ein Auto anzuschaffen, allein für diesen Zweck – lohnt sich nicht. Ich wohne halbwegs zentral, könnte also zu Fuß gehen, das dauert auf die Woche gerechnet viele Stunden. Auch Fahrrad fahren ginge – aber, und nun verdrehen Sie sicher die Augen vor Empörung, mir ist schlicht das Risiko zu groß, auf dem Weg ins Büro von einem rechtsabbiegenden Lastwagen übersehen zu werden (das meine ich in vollem Ernst).

Die Lösung meines ganz persönlichen innerstädtischen Mobilitätsproblems ist häufig: Carsharing. In Bezug auf das Klima ist das sicher die dümmste Idee, die man haben kann, aber, was soll ich sagen: Es ist bequem, halbwegs günstig, und die Wahrscheinlichkeit ist gar nicht so klein, mindestens ein freies Auto in der Nähe zu finden. Gestern Abend stand sogar eines direkt vor der Redaktionstür. Erst freute ich mich, dann sah ich: Es ist ein SUV, riesengroß. Total überzogen, im Grunde unverantwortlich. Aber ach, ich wollte nach Hause. Also stieg ich ein, in der Hoffnung, niemand möge mich erkennen, quälte ich mich durch den Feierabendverkehr nach Hause und bereute meine Bequemlichkeit bitterlich. Denn wenn Sie jemals mit einem minutengenau abrechnenden Leih-SUV in einem Innenstadt-Wohnviertel feierabends nach einem Parkplatz gesucht haben, dann wissen Sie, was ich meine, wenn ich sage: Es gibt neben dem Klima auch eine Reihe anderer Gründe, warum das eine echt dumme Idee ist.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Ihr Florian Zinnecker

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Aktuelles

© Daniel Reinhardt/​dpa

Fraktionen verlängern Schulfrieden und wollen Lehrern die Arbeit erleichtern

Der Weg zum Abitur dauert auf dem Gymnasium acht Schuljahre, auf den Stadtteilschulen neun. So hat es die Hamburgische Bürgerschaft vor Jahren beschlossen – und so soll es nach dem Willen der Spitzen von SPD, Grünen, CDU und FDP bleiben. Mit der geplanten Verlängerung des Schulfriedens verzichten die Fraktionen darauf, sich im Wahlkampf mit einer neuen Strukturdebatte um G8, G9 oder gar neue Schulformen zu profilieren. Kein Wunder: Die Lösung des Problems, immer mehr Schülerinnen und Schüler unterbringen zu müssen, wird schon anspruchsvoll genug. Damit die Qualität des Unterrichts nicht leidet, steuern die vier Fraktionen inhaltlich nach: Lehrkräfte sollen weniger verwalten und mehr unterrichten. Zusätzliches Personal soll sie von administrativen Bürden entlasten, zudem soll es an jeder Schule ein Vertretungsmanagement geben, um Unterrichtsausfall zu verringern. Wo der Platz reicht, sollen die Klassen kleiner werden. Auch sollen verbeamtete Lehrkräfte mit geringerem Sold ihren besserverdienenden Kollegen gleichgestellt werden, was vor allem für das (vorwiegend weibliche) Personal der Grundschulen ein Plus bedeuten dürfte. In der Kalkulation des Schulsenators ist es der teuerste Posten des Pakets, das – sofern alle Pläne wahr werden – fast 50 Millionen Euro pro Jahr kostet. Ob die einträchtig beschlossene Rahmenvereinbarung tatsächlich in der Bürgerschaft zur Abstimmung kommt, hängt jedoch noch vom Votum der CDU-Basis ab, wie Spitzenkandidat Marcus Weinberg gestern im Rathaus betonte. Missfallen äußerte bereits die Linksfraktion. Sie wünscht sich mehr Anstrengungen für Integration und Inklusion, besonders an den Gymnasien.

                                                                                                Annabel Trautwein

"Fridays for Future"-Aktivisten fordern autofreie Innenstadt, billigere ÖPNV-Tarife und Reduzierung des Flugverkehrs bis 2035

"Wir sind die erste Generation, die mit den Auswirkungen der Klimakatastrophe aufwachsen muss, Sie sind die letzte Generation, die der Irreversibilität der Klimaschäden noch entgegenwirken kann." Dieser Satz steht auf der ersten Seite des Forderungskatalogs, den die Klimaaktivisten der Hamburger "Fridays for Future"-Bewegung gestern Nachmittag dem Umweltausschuss der Bürgerschaft übergeben haben. Demnach soll Hamburg unter anderem bis zum Jahr 2035 vollständig mit erneuerbaren Energien auskommen; bereits bis 2025 sollen alle Kohlekraftwerke der Stadt abgeschaltet werden. Die Forderungen umfassen ferner den erheblichen Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs und die Einführung eines Jahrestickets für 365 Euro, also einen Euro pro Tag, außerdem die Befreiung der Innenstadt von motorisiertem Individualverkehr und eine sofortige Reduzierung der in Hamburg abgefertigten Flugzeuge. "Wir haben uns bewusst für Zielsetzungen und gegen konkrete Maßnahmen entschieden, da wir es als Aufgabe der Politik betrachten, sich über letztere Gedanken zu machen", erklären die Aktivisten. Die Forderungen orientierten sich an den Pariser Klimaschutzzielen von 2015. Der Umweltbehörde solle ein Vetorecht gegen Entscheidungen anderer Behörden eingeräumt werden, sofern diese den Zielen entgegenstünden.

In einem Satz

Der Flugzeugbauer Airbus will in Hamburg für rund 60 Millionen Euro ein Willkommenszentrum für bis zu 120.000 Besucher jährlich bauen, wie der Senat mitteilte +++ Im Kampf gegen Zug-Verspätungen wollen die Verkehrsbehörde und die Bahn die Strecken zwischen Hamburg Hauptbahnhof und Harburg sowie Bergedorf einzäunen und Hunderte Kilometer Schienen und Weichen erneuern +++ Wegen einer Störung im Hamburger Stromnetz sind gestern 653 Ampeln im gesamten Stadtgebiet kurzzeitig ausgefallen, stellenweise übernahmen Streifenpolizisten deren Aufgabe +++ Die Polizei hat in Eimsbüttel drei mutmaßliche Drogendealer festgenommen und dabei elf Kilogramm Marihuana sichergestellt +++ Für 15.440 Erstklässler hat gestern die Schule begonnen, Autofahrer werden um besondere Vorsicht gebeten

Was heute auf der Agenda steht

Die Hamburgische Bürgerschaft trifft sich zu ihrer ersten Sitzung nach der Sommerpause

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Alltagsreporter: Die Waste Watcher

In Volksdorf haben wir einen Mann erwischt, der sagte: "Oh Mensch, vor zwei Tagen haben meine Tochter und ich Sie im Fernsehen gesehen! Wenn ich ihr erzähle, dass Sie mich jetzt angesprochen haben, wird die mit mir schimpfen." Manche Müll-Sünder sind auch so nett und sagen: "Jetzt habt ihr mich schon wieder erwischt!" Denn bei Wiederholungstätern ist die Strafe gleich höher.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

© Christian Charisius/​dpa

Bakery Jatta: Wer ist der Spieler, über den alle sprechen?

So viel Wirbel um einen Zweitliga-Fußballer hat es selten gegeben: Seit einer Woche vergeht kein Tag ohne neue Schlagzeilen zu Bakery Jatta, dem Flügelstürmer des HSV. Alles begann mit einer Geschichte der Zeitschrift "Sport Bild", deren Autoren behaupten, Jatta habe falsche Angaben bei offiziellen Dokumenten gemacht. Er soll mit Nachnamen eigentlich Daffeh heißen und sich zwei Jahre jünger gemacht haben. Seine Fans und Vereinskollegen stehen geschlossen hinter ihm – und auch der FC St. Pauli, der dem HSV eigentlich in herzlicher Feindschaft gegenüber steht. Aber was ist dran an den Vorwürfen gegen Jatta? Kilian Trotier hat recherchiert und findet: Es ist höchste Zeit, ein paar Dinge einzuordnen. Seinen Text lesen Sie hier auf ZEIT Online.

© Holly Cova/​Team Malizia

"Es ist hart auf dem Boot. Aber Greta hat sich ganz bewusst dafür entschieden."

An diesem Mittwoch will der Hamburger Profisegler Boris Herrmann trotz starker Winde im britischen Plymouth ablegen und sich auf den Weg nach New York machen. Mit an Bord: die 16-jährige Aktivistin Greta Thunberg. Sie will in New York an einem UN-Klimagipfel teilnehmen. Doch bis zur Ankunft in rund zwei Wochen stehen ihr abenteuerliche Tage bevor – auf einem der schnellsten Boote der Welt. Skipper Boris Herrmann, 38, erzählt hier, was sie erwartet.

Elbvertiefung: Sind Sie aufgeregt, weil Sie einen internationalen Megastar an Bord haben?

Boris Herrmann: Klar. Ich habe großen Respekt vor Greta, ihrem Mut, ihrer Entschlossenheit, auch davor, dass sie sich jetzt auf diese völlig verrückte Reise mit wenig Komfort einlässt. Gleichzeitig habe ich ein gutes Gefühl, sie wirkt sehr nett auf mich.

EV: Wenig Komfort ist fast noch untertrieben. In Ihrer supermodernen Rennyacht "Malizia II" ist es düster, das Schiff bewegt sich stark, es kann extrem laut werden.

Herrmann: Es ist hart auf dem Boot. Aber Greta hat sich ganz bewusst dafür entschieden.

EV: Hat Sie Ihnen gesagt, warum?

Herrmann: Ja. Auf einer luxuriösen Segelyacht gibt es für sie eine Kabine mit Heizung, einer warmen Dusche, einer eigenen Toilette, einer Küche mit Koch und all so was. Aber dafür muss man mit Dieselgeneratoren Strom erzeugen und verbraucht einige Tausend Liter. Dann kann sie auch gleich fliegen. Sie hat nach einem Schiff gesucht, das wirklich keinen Treibstoff verbraucht, und da sind wir eines der ganz wenigen.

EV: Werden Sie auf Schnelligkeit segeln oder auf Sicherheit?

Herrmann: Wir segeln auf Sanftheit. Nach New York dauert eine Überführung im Durchschnitt 13 Tage, unter Regattabedingungen könnte die "Malizia" durchaus schneller. Aber wenn es zwei Tage mehr werden, spielt das keine Rolle. Wir haben total unerfahrene Segler an Bord, neben Greta auch ihren Vater und einen Filmemacher, es wird hart genug für sie. Wichtig ist, dass sie da gut durchkommen und nicht komplett erschöpft sind, wenn wir ankommen.

EV: Kann Greta unter Deck lesen?

Herrmann: Ja, das ist auch wichtig. Es gibt wirklich die Gefahr, dass man sich in dieser dunklen, schwarzen Höhle da unten ein bisschen klaustrophobisch fühlt, aber auch langweilt. Dann ist es wichtig, etwas Ablenkung zu haben, mit dem Kopfhörer Musik zu hören, Filme zu gucken auf dem Tablet und solche Sachen.

Was Sie heute erleben können

Mittagstisch:

Buchweizen des Glücks

Etwas abseits der Ottenser Einkaufsstraßen findet man ein Lokal, dessen Namenswahl nicht ganz glücklich geraten ist: das Crème de la Crêpe. Wer denkt, dort gebe es Crêpes, liegt zwar nicht falsch, aber es gibt eben auch die herzhafte Variante aus Buchweizenmehl, die Galettes. Und somit ist die Gaststätte eine interessante Alternative zu den üblichen Mittagstischen, zumal die Betreiber Meister ihres Handwerks sind. Ihr Mittagstischangebot besteht aus einer Galette (zur Wahl stehen drei Varianten), einem Glas Cidre und einem Crêpe zum Dessert. Das Ganze ist mit 10,90 Euro zwar nicht gerade günstig, aber erfreut den Gaumen doch sehr. Leicht knusprige, mit französischem Emmentaler gefüllte »Pfannkuchen«, belegt mit etwas essigbeträufelter Rauke und dem gewählten Belag. Am Testtag war die Galette de jour belegt mit einer Champignon-Speck-Rahmsoße, die sich mit dem Buchweizenmehl hervorragend vertrug. Zum Niederknien war dann auch der Crêpe, der mit einem Birnen-Anis-Gelee daherkam und die Mahlzeit perfekt abrundete.

Ottensen, Crème de la Crêpe, Erzbergerstraße 14, Mi–Fr 12–14.30 Uhr

Thomas Worthmann

 

Was geht

Wortpicknick: Bei Laura de Weck gehen Volk und Staat zur Paartherapie und im Kreißsaal findet illegal eine Einwanderung statt. Aus Banalem strickte die Autorin ein "heiter abgründiges Alltagsbuch": "Politik und Liebe machen". Ihr Kollege Alexander Posch hat in seinem Leben, wie er sagt, nichts außer Politik und Liebe gemacht – wenn er keine Kurzgeschichten schrieb, lief er nackt durch die Straßen. Ob er sich zum Wortpicknick was anzieht?

Planten un Blomen, Musikpavillon, heute, 19.30 Uhr

Folk-Fuchs: Sie lauschen hier nicht nur einem Konzert. Das Duo Fox & Bones erzählt zwischen seinen Folksongs auch Geschichten von Abenteuerreisen um die Welt, "mit einer Intimität, die zeigt, wie verletzlich sie miteinander und ihrem Publikum sind". Sarah Vitort und Scott Gilmore aus Oregon wirken dabei wie Bonnie und Clyde mitten in Woodstock.

Komm Du, Buxtehuder Straße 13, heute, 20 Uhr, Spenden erbeten

Was kommt

Quentin flimmert: Rick und sein Stunt-Double Cliff suchen 1969 das Rampenlicht Hollywoods, erfolglos. Zum Glück hat Rick eine berühmte Nachbarin: die Schauspielerin Sharon Tate. Leider mögen nicht nur Hippies die Sechziger, sondern auch Serienmörder Charles Manson. Preview in Originalfassung des neuen Streifens von Quentin Tarantino: "Once upon a time in Hollywood".

Savoy, Steindamm 54, heute, 20.15 Uhr, 12 Euro

Hamburger Schnack

Kürzlich im Theater: Kurz vor der Vorstellung kommt eine Frau aus der Herrentoilette. Ein hineingehender Mann schaut sie konsterniert an. Darauf die Frau: »Die Schlange auf der Damentoilette war zu lang, ich habe vier Jahre in der Urologie gearbeitet.« Dann geht sie ungerührt in die Vorstellung.

Gehört von Barbara Wille-Lehmann

 

Meine Stadt

"Psycho" spielt jetzt in Eimsbüttel. © Gisela Matthäus

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Dieses Jahr wurden in Hamburg so viele Kinder eingeschult wie seit den 70er Jahren nicht mehr

Wie Fans, Vereinskollegen und Konkurrenten auf den Wirbel um Bakery Jatta reagiert haben