Annika Lasarzik © Melina Mörsdorf

Liebe Leserin, lieber Leser,

 ein Freund von mir schwärmte neulich von seiner letzten Reise: einer Kreuzfahrt. Zwei Wochen, einmal die norwegische Küste entlang, seine Eltern waren auch dabei. "Ich war lange nicht mehr so entspannt!", sagte mein Freund, der, das muss man wissen, eher der Typ Backpacker als Pauschaltourist ist. Aber er meinte das ganz ernst, er hatte eine richtig gute Zeit – weil er, der einzige unter 35-Jährige auf dem Schiff, während der Reise ständig Drinks von alleinstehenden, älteren Damen spendiert bekam. 

So erklärte sich das mit der Entspannung. Ich musste lachen, weil diese Anekdote mein Bild von Kreuzfahrern zu bestätigen schien, wobei da sicher auch viel Klischee mitschwingt: Ich habe als Kind definitiv zu viele "Traumschiff"-Romanzen mit ansehen müssen, weshalb in meiner Vorstellung auf den Schiffen auch dauernd Wunderkerzen rumgetragen werden. Mitgefahren bin ich nie. Vielleicht frage ich mich gerade deswegen seit Langem schon: Was macht die Faszination von Kreuzfahrten aus? Wie kann man sich im Liegestuhl zurücklehnen, wenn man weiß, wie sehr die Schiffe die Umwelt belasten? Als ich das auch meinen Freund fragte, zuckte der nur mit den Schultern und murmelte was von "Man gönnt sich ja sonst nix". Seine Eltern aber sind beide schon recht alt, nicht gut zu Fuß, die Fahrt war ihr lang gehegter Traum und wurde auch deswegen gebucht, weil es eine ärztliche Betreuung an Bord gab. Und ich dachte: Es ist doch ganz schön billig, über Kreuzfahrer zu lachen – nehmen wir lieber die Betreiber in die Pflicht. Warum das nötig ist, lesen Sie weiter unten. 

Übrigens: Der US-Städteplaner Jeff Speck, der gerade das Bauforum in den Deichtorhallen besucht hat, will Großstädte den Fußgängern zurückgeben – wie er sich das vorstellt? Einfach runterscrollen zu unserem Interview.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Ihre Annika Lasarzik

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Aktuelles

Lesbische Geflüchtete soll zurück in ihre Heimat: "Versteck dich doch!" 

Seit fünf Jahren lebt Maria M. in Deutschland. Sie studiert und ist mit einer Frau verheiratet. Ihr Heimatland Aserbaidschan musste sie verlassen, weil sie dort wegen ihrer Homosexualität bedroht wurde. Dass die 33-Jährige eine Aufenthaltserlaubnis bekommt, ist eigentlich nur noch eine Formalität. Doch genau da liegt das Problem: Im Rahmen des Visumverfahrens müsste sie in ihre Heimat zurückreisen und dort bis zu acht Wochen auf ihre Dokumente warten. Maria M. hat Angst, sie will nicht zurück, auf keinen Fall. Das Verwaltungsgericht aber beharrt darauf und sagt: Die junge Frau solle ihre Sexualität doch einfach verstecken. Wie viel ist einer Asylbewerberin zuzumuten? Gerichtsreporterin Elke Spanner hat sich den Fall angeschaut und Marias Geschichte aufgeschrieben, nachzulesen bei ZEIT ONLINE

Die Kreuzfahrtbranche bleibt ein dreckiges Geschäft

© Daniel Bockwoldt/​dpa

Laut dem diesjährigen Kreuzfahrtranking des Naturschutzbundes (Nabu) hat die Branche 2018 zwar kleine, aber nicht ausreichende Schritte auf dem Weg zu einer besseren Klimabilanz gemacht. 89 Schiffe haben die Naturschützer analysiert, die "AIDAnova" und die "Costa Smeralda", zwei große Schiffe, die mit Flüssiggas betankt werden können, führen das Ranking an. Dahinter folgen drei Schiffe von Hapag-Lloyd Cruises, die auf Schweröl verzichten und Abgase reinigen. Vergangenes Jahr war die "AIDAnova" noch das einzige mit flüssigem Erdgas betriebene Schiff gewesen. Doch jene neuen Technologien bleiben die Ausnahme, die meisten großen Pötte fahren noch immer mit Schweröl über die Weltmeere. Die "Queen Mary 2", ein häufiger Gast im Hamburger Hafen, ist zum Beispiel auf Platz 32 gelandet. Der Nabu spricht sich nun aus für den Einsatz von synthetischen Kraftstoffen – auch Flüssiggas sei ein fossiler Brennstoff – und eine Landstrompflicht in allen europäischen Häfen.

Der neue Klimaplan ist grüner als gedacht

© Jens Büttner/​dpa

Es ist erstaunlich, wie mühelos die Grünen derzeit ihre politischen Ziele erreichen. Hamburg hat einen ambitionierten Klimaplan, bis Montagabend hatten die Grünen einen ambitionierteren: "Bis 2050 soll Hamburg klimaneutrale Stadt werden. Um auf den dafür notwendigen Pfad der CO2-Reduzierung zu kommen, werden wir unsere Anstrengungen so verstärken, dass die Emissionen bis 2030 gegenüber 1990 um 55 Prozent statt der bisher geplanten 50 Prozent sinken" – das hatten die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank, Umweltsenator Jens Kerstan und der grüne Fraktionschef Anjes Tjarks Anfang des Jahres in einem Strategiepapier zum Klimaschutz gefordert. Seit Montag ist diese grüne Forderung auch die Position des Senats. Nicht nur minus 50 Prozent, sondern minus 55 Prozent Treibhausgasausstoß bis 2030. Das ist nun, hochoffiziell, eine "Gemeinschaftsaufgabe" unter aktiver Beteiligung aller Ressorts, wie es in einer Senatserklärung heißt. Fast scheint es, als brauche es keine Wahl mehr, damit die Grünen die Führung der Landesregierung übernehmen.

kommentiert von Frank Drieschner

In einem Satz

Der Film "Systemsprenger" der Hamburger Regisseurin Nora Fingscheidt wird als deutscher Bewerber für den Oscar eingereicht +++ Im ersten Halbjahr 2019 haben 3,6 Millionen Gäste Hamburg besucht, fünf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum

An der Straße Hornsand nahe der Köhlbrandbrücke hat der Kampfmittelräumdienst bei der Suche nach Blindgängern menschliche Knochen gefunden, laut Polizei könnte es sich um Weltkriegsopfer handeln +++ Die Hamburger SPD unterstützt die Kandidatur des ehemaligen Bürgermeisters Olaf Scholz und seiner Partnerin Klara Geywitz für den Bundesparteivorsitz +++ Der Schauspieler Merlin Sandmeyer, Ensemblemitglied des Thalia Theaters, erhält den mit 10.000 Euro dotierten Boy-Gobert-Preis

Was heute auf der Agenda steht

Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) verleiht Medaillen für treue Arbeit im Dienste des Volkes in Bronze für besonderes ehrenamtliches Engagement +++ Bischöfin Kirsten Fehrs und Schulsenator Ties Rabe (SPD) laden zum Auszubildendengottesdienst in den Michel, Thema: "Mut und Ausdauer"

Was Sie interessieren könnte

Alltagsreporter: Der Bahn-Mitarbeiter vom Service-Center

Kunden, die rumbrüllen – das kommt nur selten vor. Ich hatte noch keinen handfesten Disput. Gerade wenn es wegen technischer Störungen und großer Verspätungen in Hamburg erst einmal nicht weitergeht, sind die Reisenden froh, einen Ansprechpartner zu haben. Wenn, regen sich die Leute eher wegen Kleinigkeiten auf: weil sie es verpasst haben, als ihre Nummer aufgerufen wurde zum Beispiel, und sie nun eine neue ziehen und weiterwarten müssen.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

"Im Feierabendverkehr in die Innenstadt zu fahren muss sehr teuer sein"

Berühmt wurde der US-Städteplaner und Urban-Design-Spezialist Jeff Speck für seinen Versuch, Großstädte den Fußgängern zurückzugeben. Beim Internationalen Bauforum in den Deichtorhallen hielt er in dieser Woche die Keynote zur Frage, wie Hamburg mit dem Thema Mobilität umgehen könnte. Es ist Specks erster Hamburg-Besuch – und es gäbe da schon eine Menge Dinge, die ihm einfielen.

Elbvertiefung: Wenn Sie heute die Chance hätten, eine Stadt wie Hamburg mit 1,8 Millionen Einwohnern von Grund auf neu zu entwerfen: Hätte Ihr Hamburg dann noch Straßen?

Jeff Speck: Natürlich, jede Stadt braucht Straßen. Das war schon bei den ersten Siedlungen vor 10.000 Jahren so. Die Frage wäre aber, wer auf diesen Straßen fährt.

EV: Wer wäre das?

Speck: Autos und Lastwagen wären es eher nicht. Ich habe einige Zeit gebraucht, um zu diesem Schluss zu kommen. Aus heutiger Sicht halte ich es aber für den größten Fehler, den die Menschheit je gemacht hat, dem Auto die Rolle zuzugestehen, die es heute in unserem Alltag, unserer Kultur und unseren Städten innehat.

EV: Bevor wir widersprechen, würden wir Ihre These gern noch besser verstehen, darum: Wie ist das aus Ihrer Sicht passiert?

Speck: Zu dieser Frage hat der Philosoph Neil Postman das Konzept des technologischen Imperativs entwickelt. Jede Erfindung, die die Bequemlichkeit des einzelnen Menschen steigert, wird sofort auf breiter Basis angenommen, ungeachtet aller möglichen Kosten und Langzeitfolgen.

EV: Das müssen Sie erklären.  

Speck: Für diejenigen, die sich ein Auto leisten konnten, bedeutete es zunächst in erster Linie: Freiheit. Mobilität. Und Bequemlichkeit. Autos waren Luxusgüter, die aber über die Jahre immer unverzichtbarer wurden, weil wir begonnen haben, unsere Städte um die Autos herum zu bauen. Und heute? Heute stellen wir fest, dass Autos unsere Freiheit häufig eher beschränken als steigern. In den USA reden wir sehr viel von Freiheit, oft ohne genau zu wissen, was das ist. Jeden Tag zwei Stunden im Verkehr festzustecken hat mit Freiheit jedenfalls nicht mehr viel zu tun. Das war anders, als nur eine begrenzte Zahl an Menschen auf diese Technologie zugreifen konnte. Aber damals dachte niemand über die Frage nach, was mit unserer Gesellschaft, der Landschaft, der Umwelt, unserer Gesundheit und dem Planeten passiert, wenn diese Technologie Allgemeingut wird.

EV: Derzeit wird in Hamburg diskutiert, Teile der Innenstadt und auch einzelne andere Viertel zeitweise oder dauerhaft autofrei zu gestalten. Von den Kritikern dieser Idee kommt zumeist ein Argument: Es schränke ihre Freiheit ein. Was sagen Sie denen?

Jeff Speck: Wir stehen in den USA derzeit vor ähnlichen Herausforderungen – mit der Einführung einer Innenstadt-Maut in New York City. Gibt es das hier?

EV: Nein.

Speck: In London, Stockholm und anderen Städten funktioniert das sehr gut. Die Innenstädte sind nicht autofrei, es ist möglich, jederzeit ins Zentrum zu fahren, aber es kostet eine Gebühr – und die ist je nach Tageszeit unterschiedlich hoch. Mitten im Feierabendverkehr in die Innenstadt zu fahren muss sehr teuer sein, weil es einen unschätzbaren Wert hat – und der Preis muss diesen Wert abbilden. Wenn man diesen Preis nicht erhebt, kommen ganz andere Kosten auf die Stadt zu, denn dann bricht der Verkehr zusammen, und das tut allen gleichermaßen weh: den Reichen, den Armen, der Polizei, den Rettungskräften, und natürlich dem Lieferverkehr – es verursacht irrsinnige Ineffizienzen.

Welche Kehrseite das Konzept der Innenstadt-Maut hat und was Jeff Speck Hamburg auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Metropole rät, lesen Sie in der Langfassung des Interviews (für Digitalabonnentinnen und -abonnenten) 

Die Fragen stellte Florian Zinnecker

Was Sie heute erleben können 

Mittagstisch

Der Fluch der Langen Reihe

Manch einer behauptet, ein Fluch liege über der Langen Reihe mit der Hausnummer 68. Die Vorgänger, zuletzt ein vorzügliches italienisches Restaurant, haben sich nicht lange halten können. Nun soll sich alles ändern, "ein neues Flair" will man nach eigener Aussage mit dem Qrito nach St. Georg bringen. Und so präsentiert sich das Lokal in seinem Inneren: Auch wenn die hohen Stühle und der herrliche Fensterplatz vom Vorgänger übernommen wurden, sind den Weinregalen frische Farben und bunte Bilder gewichen. Das Qritos – der Hauptsitz ist in der Grindelallee zu finden – bietet eine frische kalifornisch-mexikanische Küche: Burritos, Bowls und Quesadillas in neun verschiedenen Varianten mit Chicken, Pulled Pork, Sojahack und Beef. Die Preise variieren zwischen 7,90 und 9,90 Euro. Vorab kommen Nachos mit Guacamole, die man sich ein wenig sämiger gewünscht hätte (3,50 Euro). Die Quesadilla Delano Picadillo (9,40 Euro) mit Rinderhack, Black Beans, Mais, Tomate, Käse und feuriger Jalapeno-Sauce ist köstlich, der Fladen schön dünn und knusprig.

Website nur für Restaurant in der Grindelallee: Qrito; St. Georg, Lange Reihe 68, täglich ab 12 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Heimlich lesen: Ein Dorf als Insel und eine Welt: Karen Köhlers erster Roman erzählt von einer Frau, die als Findelkind in einer abgeschirmten Gesellschaft aufwächst. Hier haben Männer das Sagen, Frauen dürfen nicht lesen. Was passiert, wenn sich eine Außenseiterin gegen alle Regeln stellt? Lesung: "Miroloi", Restkarten an der Abendkasse.

Nachtasyl, Alstertor 1–5, heute, 19 Uhr, 15 Euro

Mandala-Malsand: Der Begriff Mandala bezeichnet kreisrunde oder quadratische Bildnisse. Mit Sand visualisieren Mönche in mühevoller Handarbeit Buddha. Durch diese Meditation üben sie Konzentration, entwickeln tiefes Mitgefühl und allumfassende Liebe. Vielleicht färbt beim Zugucken etwas davon ab?

MARKK, Rothenbaumchaussee 64, heute, 11 Uhr bis 18 Uhr

Tipps für Kids

MiniMediMaxi I: Unter Bäumen, hinter Büschen, zwischen Beeten – überall kann er lauern, dieser Don Quijote. Frei nach dem Roman von Cervantes spielt das Theater "Die Delikaten" für die ganze Familie unter freiem Himmel, lädt ein, dabei zu picknicken und sich als Prinz oder Windmühle zu verkleiden.

Volkspark Altona, Waldbühne, Nansenstraße 82, So, 16–18 Uhr, Spenden erbeten

MiniMediMaxi II: Welche Pflanzen wachsen, welche Tiere leben an und in der Elbe im Hamburger Südosten? Bei der Kanutour "Die Elbe ohne Tide" begleitet die Umweltorganisation BUND kleine und große Paddler über die Dove und Gose Elbe.

Treffpunkt: paddel-meier, Heinrich-Osterath-Straße 256, Sa, 11–17.30 Uhr, 20 Euro inkl. Snack

MiniMediMaxi III: Sie kochen in der Garküche, kümmern sich um geflüchtete Familien und Mütter kurz nach der Geburt. Die Mitglieder der Evangelischen Familienbildung in Eppendorf machen das bereits "60 Jahre und kein bisschen leise". Unter diesem Motto feiern sie ihr Sommerfest, laden ein zum Kinderflohmarkt, zu Mitmach-Aktionen und internationalen Köstlichkeiten.

Evangelische Familienbildung Eppendorf, Loogeplatz, Haus 16, Sa, 12–17 Uhr, Eintritt frei

Hamburger Schnack

Bei der Modellschau am Flughafen erfährt das Publikum – hauptsächlich Kinder zwischen sechs und neun – viel Interessantes über den Flughafen Fuhlsbüttel. Auf die Frage, welche Fluggesellschaften denn wohl von Hamburg aus starten, kommen verschiedene Antworten: "Eurowings" – "Germanwings" und dann, zaghaft, "Chickenwings?"

Gehört von Nadja Hammami

Meine Stadt

BU: Aus unserer inoffiziellen Reihe »Hamburgs unentdeckte Ecken«: Mutprobe – aufgenommen in Wandsbek, Kurt-Schumacher-Brücke © Sven Mainzer

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Eine in Hamburg lebende Frau soll in Aserbaidschan ein Visum beantragen, obwohl ihr dort Verfolgung droht. Die Behörde rät: Sie soll ihre Homosexualität einfach geheim halten

"Breitere Straßen führen nur zu breiterem Stau" - der US-Stadtplaner Jeff Speck wurde berühmt mit seinem Versuch, Großstädte fit für Fußgänger zu machen. Er hätte auch für Hamburg ein paar interessante Ideen