Was war alles zu lesen über die, Achtung Amtsdeutsch, Elektrokleinfahrzeuge mit Lenkstange. Abstellchaos! Rücksichtslosigkeiten! Alsbald Tel Aviver Zustände! Verkehrsverstöße noch und nöcher! Aus allen Löchern krochen die Kulturpessimisten, um den Abendlanduntergang zu beweinen, der mit der Einführung der Roller nun also auch in Hamburg drohte. Lief der ARD-Brennpunkt schon?  Als wäre das nicht genug, ruft mir meine Frau nach: "Pass auf, in Berlin schon sechs Schwerverletzte!" Auch in Hamburg gab es den ersten schweren Unfall: Eine Frau soll mit ihrem E-Roller bei Rot über die Ampel gefahren sein, was allerdings auch mit jedem anderen Fortbewegungsmittel gefährlich ist. Ich denke an die Verbraucherschützerwarnung, von den importierten E-Tretrollern erfülle nur jeder sechste die Sicherheitsnorm. Die Anbieter in Hamburg (Circ, Lime, Voi, Tier) erfüllen sie gewiss, gleichwohl steigt man nicht mit stolzgeschwellter Brust auf die Roller, sondern argwöhnisch, zaghaft, einem Clown gleich, der weiß, dass ihm gleich irgendwer den Boden wegzieht.   

Die ganze Debatte fährt mit, und vielleicht wirken die Roller deshalb so langsam. Beziehungsweise manchmal schnell, schubweise aber nur, um sich dann zu erholen. Ich fahre Circ zum Einkaufen, Lime zur Sparkasse, Tier zur Kita (aber nicht zurück, weil E-Roller mit Kind, das ist auch nicht erlaubt). Voi fahre ich nicht, weil ich keine Kreditkarte hinterlegt habe. Ich denke daran, dass der Philosoph Slavoj Žižek über den E-Roller gesagt hat, der erinnere ihn an einen elektrischen Dildo, Bewegungen vollziehend, für die der Benutzende zu faul ist. Mich würde eine Studie zur gesellschaftlichen Verfettung interessieren, zu der die Roller beitragen. Denn ich fahre tatsächlich nur Strecken, die ich sonst zu Fuß bewältigt hätte. Ein Freund aus Paris glaubt zu beobachten, wie die Franzosen, dieses immer schlanke und elegante Volk, seit ihrer Rollerschwemme rasant verwahrlosen. Nicht dass mich das beträfe, aber ich sorge mich um die Hamburger.

Elektrorollern ist Hedonismus, denn ihr Gebrauch ist unnötig und nur eine kindliche Urlust befriedigend. Man fährt sie nicht, weil man muss, sondern weil man will. Und wenn man schon will, dann gleich mit allen Apps, an einer allein müsste man verzweifeln. Alle zusammen garantieren fast flächendeckende Bereitstellung. Ich fahre und fahre, aber die Euphorie des Neuen will sich nicht einstellen. Ich denke noch mal an Žižek: dass der Roller die Entfremdung des Autofahrens überwinden könnte durch das neue Vollkontaktgefühl mit der Straße. Liegt es daran, dass ich kein Auto habe? Schöne Momente erlebe ich allein, wenn andere auf mich reagieren, als flöge ich Flugtaxi. Auf dem Weg zum Bäcker überhole ich einen Rentner, der seinen Dackel Gassi führt, er ruft: "Das ist ja wohl ..." Was das ja wohl ist, ob Frech- oder Faul- oder Torheit, höre ich nicht, mein Circ beschleunigt. Kurz stellt sich das Gefühl ein, man teste hier vielleicht die Zukunft. Was beim Blick auf die Rechnungen vorbei ist, weil schon die Ausleihe einen Euro kostet, dazu 20 Cent jede Minute.  

Und die Ausstattung? Circ punktet mit Becherhalter, Tier mit digitaler Tempoanzeige, die gern bestätigt, dass man oft schneller ist als die erlaubten 20 km/h, und Lime hat die beste Ortung. Ich stelle den Circ ab und schlage mir den Knöchel auf, peinlicherweise beim Versuch, den Ständer auszuklappen. Ich blute, aber ich habe überlebt. Die Zukunft ist gefährlich.