Das Bild vom Fortschritt der Hansestadt nimmt fast die ganze Stirnseite des 15 Meter hohen Festsaals ein. Im Hintergrund sieht man noch die Masten der Windjammer, schemenhaft durch den Qualm der Dampfschiffe. Vorne ragt das schnittige Heck eines motorisierten Stückgutfrachters in den Himmel. Hamburgs Hafen in modernen Zeiten heißt das Bild, gemalt in Öl von Hugo Vogel vor 110 Jahren. Rund zehn Meter darunter sitzen fünf junge Männer und tragen dem Umweltausschuss der Bürgerschaft vor, wie diese Entwicklung weitergehen soll. Ihre Forderung: Ab 2035 sollen in Hamburg nur noch klimaneutrale Schiffe abgefertigt werden. 

Der Umweltausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft hat die Vertreter von Fridays for Future zum Dialog im Festsaal des Rathauses eingeladen, oder besser gesagt: zu einer öffentlichen Anhörung nach Paragraph 58 der Geschäftsordnung. 400 Stühle stehen im Saal, die meisten sind leer, man habe mit deutlich mehr Publikum gerechnet, erklärt die Vorsitzende Birgit Stöver. Was hier ausgesprochen wird, bleibt vorerst in kleinem Kreis. 

"Weltfremd" findet ein FDP-Abgeordneter die Forderung nach dem klimaneutralen Hafen. So schnell könnten die Schiffe gar nicht umgerüstet werden. Zum Ausbau der Landstromanlagen im Hafen sei schon eine Drucksache in Arbeit, wendet eine SPD-Politikerin ein, zudem gebe es bereits den Umweltbonus für klimafreundliche Schiffe. Die Aktivisten wollten die Zivilisation abschaffen, wettert ein CDU-Abgeordneter. Geht nicht, machen wir schon – das ist den Vertretern von Fridays for Future nicht visionär genug. Trotz des Gegenwinds wagt Arnaud Boehmann, einer der Aktivisten, eine Anregung: "Lassen Sie mich als Matrose auf einem Traditionssegler sagen: Windkraft ist nicht tot." 

Die fünf jungen Delegierten sitzen in einer Reihe in der Mitte des Saals. Vor ihnen: die 16 Ausschussmitglieder, hufeisenförmig vor dem goldenen, von Löwen flankierten Stadtwappen. Hinter ihnen: die Senatsvertreter, einschließlich Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne), der sich später von seinem Staatsrat vertreten lässt. Um ihn zu sehen, müssen sich die Klimaaktivisten umdrehen. Mikrofone leuchten rot auf, die verstärkten Stimmen hallen durch den Saal: "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Jugendliche" – "Vielen Dank, Frau Vorsitzende." Die fünf machen alles artig mit. Sie sind hier nur Gäste.

Doch was sie sagen, klingt für viele im Saal ungeheuerlich: Trifft eine Behörde eine Entscheidung, die die Klimaneutralität Hamburgs bis 2035 gefährdet, soll die Umweltbehörde sie kassieren dürfen. Bis 2035 soll sämtlicher Strom, der in Hamburg erzeugt und genutzt wird, aus erneuerbaren Quellen stammen. Schon zehn Jahre zuvor: Abschaltung aller Kohlekraftwerke in Hamburg oder in Hamburger Hand. Energetische Sanierung aller Gebäude bis 2035, weniger Neubau und dafür mehr Bestandsschutz. ÖPNV für einen Euro pro Tag, parallel zum Ausbau des Angebots. Und ab sofort Reduktion des Flugverkehrs am Hamburg Airport.